Wer sich auf den ersten Blick in einen Ort verlieben will, dem macht es Magdeburg schwer. Oder, härter formuliert: Diese Stadt ist nichts fürs Auge. Am ersten Tag in Magdeburg fragt man sich eher: Das soll eine Metropole sein – nein, sogar eine Boomtown?

Denn wer Magdeburg sieht, der sieht, schon wenn er aus dem Bahnhof tritt: erst einmal nur Beton und Klötze. Im Zentrum furchterregend breite Straßen. Übergroße, schnell hochgezogene Bauten. In der City Architektur aus allen Zeiten, dicht an dicht: sozialistischer Klassizismus neben letzten Resten Gründerzeit. Stalinbauten neben moderner Kaufhausarchitektur. In wohl keiner anderen ostdeutschen Großstadt haben sozialistischer Geschmack und des SED-Staats Hang zum schnellen Abriss so heftig ihre Spuren hinterlassen.

Wohl keiner anderen ostdeutschen Großstadt sieht man auch so sehr ihre pralle Geschichte von Aufbruch und Niedergang an: Dies war ein prächtiger Ort im Mittelalter, pulsierend und reich unter Otto dem Großen – aber Magdeburg wurde im Dreißigjährigen Krieg regelrecht abgefackelt (man sprach fortan vom Magdeburgisieren für die völlige Auslöschung einer Stadt). Und 1945, nachdem das mühsam wieder aufgebaute Magdeburg durch die Royal Air Force bombardiert worden war, lagen 90 Prozent der City in Schutt und Asche. Das heutige Magdeburg, so erzählen es einem die Einwohner selbst, kann gar nicht schön sein.

Aber Magdeburg, das wird inzwischen von Jahr zu Jahr deutlicher, ist in Bewegung.

Kaum jemand hatte dieser Stadt an der Elbe nach 1990 eine Wiederauferstehung zugetraut. Und doch ist die Geschichte des Ortes spätestens seit dem Jahrtausendwechsel zu einer Erfolgsgeschichte geworden – wirtschaftlich, aber auch kulturell. Der Wohlstand wächst unaufhörlich, die Arbeitslosenzahl hat sich in den vergangenen Jahren halbiert. Große Firmen wie der IT-Riese IBM haben eine Dependance in Sachsen-Anhalts Hauptstadt eröffnet. Und seit fünf Jahren wächst die Bevölkerung wieder, auf inzwischen 233.000 Einwohner: Der Nachwende-Exodus – 60 000 Bürger verließen Magdeburg nach 1990 – konnte gestoppt werden. Die Stadt lebt. Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln hat Magdeburg schon vor zwei Jahren zur dynamischsten Stadt der Republik gekürt. Diese Stadt stehe "exemplarisch für einen erfolgreichen strukturellen Wandel", so die Wissenschaftler.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe No 5 vom 29.1.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Ja, richtig, wer auf niedrigem Niveau anfängt, kann schnell wachsen. Aber es sind die vielen kleinen Statistiken, an denen sich längst ablesen lässt, dass in Magdeburg ganz offenbar etwas funktioniert. Die Jugendarbeitslosigkeit sinkt ebenso schnell wie die Altersarbeitslosigkeit. Die Produktivität je Erwerbstätigem wuchs seit 2007 im zweistelligen Prozentbereich. Die Einkommensteuerkraft kletterte in den vergangenen Jahren um etwa 50 Prozent nach oben.

Allmählich gelingt, zum Beispiel, der Umbau der Wirtschaft. Vor der Wende regierte in Magdeburg der Maschinenbau, nach der Wende das Chaos. 46.000 Menschen hatten vor dem Mauerfall in den riesigen Kombinaten gearbeitet, nach der Wiedervereinigung gab es in dieser Branche nur noch 2.000 Stellen. Allenfalls Rostock wurde ähnlich hart vom Ende der DDR-Industrie getroffen. Lange wurde versucht, den Maschinenbau zu retten. Hunderte Millionen flossen. Aber eine Insolvenz folgte auf die nächste. "Man hatte damals nicht den Mut, die Wahrheit zu sagen", sagt Lutz Trümper, SPD-Oberbürgermeister Magdeburgs. Was wäre die Wahrheit gewesen, von der er spricht? Sofort Zehntausenden zu sagen, dass sie nach Hause müssen. Dass man nicht viel retten kann.

Trümper residiert in einem Kleinod. Man muss wissen, dass es erst einmal nicht schön ist, in Magdeburgs Rathaus einzuziehen: Denn das Gebäude samt Vorplatz wurde zwar fein restauriert – italienisch-niederländische Renaissance, ergänzt durch moderne Glaselemente.

Aber rundherum stehen Plattenbauten. Man schaut lieber auf Magdeburgs Rathaus, als man aus Magdeburgs Rathaus hinausschaut.

Seit 1994 ist Trümper im Stadtrat, 2001 wurde er Oberbürgermeister. Wenn er über Magdeburger Probleme spricht, wechselt er mitunter in die erste Person. "Ich muss im nächsten Jahr drei Gymnasien und fünf Kitas bauen", sagt er dann. Wobei er weiß, dass das auch ein Grund zur Freude ist. Seit 2003 ziehen mehr Menschen nach Magdeburg als aus der Stadt weggehen. In den letzten 14 Jahren hat sich die Geburtenrate um 26 Prozent erhöht. Im Gespräch nennt der Oberbürgermeister noch eine andere Kennzahl. Mit der Gewerbesteuer knackte man im Jahr 2013 die 100-Millionen-Euro-Marke. "Pro Kopf liegen wir damit an der Spitze in Ostdeutschland", sagt Trümper. Fragt man nach dem Grund für den Trend, beginnt das Stadtoberhaupt einen zehnminütigen Monolog. Im Kern nennt er zwei Gründe. Der eine Grund war schon immer da, der andere ist neu. Der eine sei die Elbe. Der andere gezielte Wirtschaftsförderung.