Ein undatiertes Bild von Malcom X (Mitte) © STF/AFP/GettyImages

"Salam alaikum!" – "Friede sei mit euch!": Mit diesen Worten begrüßte Malcolm X am Nachmittag des 21. Februar 1965 rund 400 Afroamerikaner, die im Audubon-Ballsaal in Harlem zusammengekommen waren, um ihn sprechen zu hören. Doch noch bevor er mit seiner Rede beginnen konnte, sprangen mehrere Männer im Publikum auf, eine Rauchbombe wurde gezündet, Schüsse peitschten durch die Luft, und zum Entsetzen seiner Familie und seiner Freunde stürzte Malcolm, von mehreren Kugeln tödlich getroffen, zu Boden. Die Nachricht über das Attentat verbreitete sich wie ein Lauffeuer in New York, in den USA und innerhalb weniger Stunden auch weltweit. Viele Menschen, vor allem Afroamerikaner, waren zutiefst betroffen und schockiert: Für sie starb mit Malcolm einer ihrer mutigsten Hoffnungsträger im Kampf für die Gleichberechtigung der Schwarzen. Aber es gab auch Stimmen, die ihn als einen fanatischen Demagogen kritisierten, der jetzt nur das bekommen habe, was er verdiene.

Zweifellos war Malcolm X ein Mann, der die Menschen in besonderer Weise berührte. Von vielen wurde er verehrt und geliebt, von anderen gefürchtet und gehasst. Noch fünf Jahrzehnte nach seinem Tod gehört er zu den faszinierendsten schwarzen Führungspersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Als Barack Obama 2009 sein Amt antrat, wurden Poster und Buttons verkauft, die ein collagiertes Gruppenporträt von ihm, Martin Luther King und Malcolm X zeigten, mit Titeln wie Fulfilling the Dream oder America’s Great. Zwei Jahre später schrieb der Schriftsteller Touré in der New York Times: "Malcolm X hatte eine knochentiefe, in die Eingeweide eindringende Wirkung auf Amerika. Er ging einfach jedem unter die Haut."

Geboren wurde Malcolm als Sohn des schwarzen Baptistenpredigers Earl Little und seiner Frau Louise am 19. Mai 1925 in Omaha, Nebraska. Seine Eltern waren glühende Anhänger des schwarzen Nationalisten Marcus Garvey. Dieser predigte, dass die unterdrückten Schwarzen ihre Ausbeutung nicht länger hinnehmen, stolz auf ihr afrikanisches Erbe sein und möglichst bald nach Afrika auswandern sollten, um dem Terror der Weißen zu entgehen. Earl Littles Eintreten für diese Lehren machte ihn bei vielen Weißen unbeliebt, er verlor immer wieder seine Arbeitsstelle und wurde mehrfach vom Ku-Klux-Klan bedroht.

Die Familie zog häufig um, und Malcolms Jugend war von Armut und Instabilität geprägt. Dies verschlimmerte sich noch, nachdem sein Vater 1931 von einer Straßenbahn überfahren und tödlich verletzt worden war. Im Gegensatz zur Polizei waren die Angehörigen fest davon überzeugt, dass der angebliche Unfall in Wahrheit ein rassistisch motivierter Mord gewesen sei. 1939 folgte der nächste Schicksalsschlag, als Malcolms Mutter nach einem Nervenzusammenbruch in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingewiesen wurde. Er selbst und die meisten seiner sechs Geschwister kamen zu Pflegeeltern oder in ein Heim. Ein Jahr später brach der 15-jährige Malcolm die Schule ab und zog zu seiner Halbschwester Ella Collins nach Boston.

Trotz der wiederholten Versuche Ellas, ihm dort eine ordentliche Arbeitsstelle zu vermitteln, geriet er immer tiefer ins Nachtleben des Bostoner Rotlichtmilieus. Er begann Drogen zu nehmen, ließ sich die Haare glätten und hatte eine weiße Geliebte. 1942 zog er nach New York City, wo er verschiedene Jobs ausübte, etwa als Sandwichverkäufer und Kellner, allerdings verdiente er das für seinen steigenden Drogenkonsum notwendige Geld auch zunehmend durch Drogenhandel, Zuhälterei und Diebstähle. Um der Strafverfolgung zu entgehen, kehrte Malcolm nach Boston zurück, wo er 1947 nach einer Einbruchserie festgenommen und zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde.

So weit ist dieser Lebenslauf relativ typisch für junge schwarze Männer aus der Unterschicht, die auf die schiefe Bahn geraten und es nicht mehr schaffen, aus dem Teufelskreis von Armut, Drogensucht und Kriminalität herauszukommen. Malcolm aber vollzog im Gefängnis eine radikale Wende. Angeregt durch einen Mitgefangenen, begann er ein rigoroses Selbststudium. Er las Hunderte von Büchern, nahm an Fernkursen teil und wurde Mitglied des Gefängnis-Debattierclubs. 1948 lernte er die Nation of Islam kennen und schloss sich ihr im selben Jahr an. Diese 1930 von Elijah Muhammad gegründete religiöse Sondergemeinschaft propagierte die kulturelle und moralische Überlegenheit der Schwarzen. Nach ihrer Lehre sind alle schwarzen Menschen Allahs geliebte Kinder und von Natur aus gut, alle Weißen hingegen von Natur aus böse, "blauäugige Teufel", die man möglichst meiden sollte. Für Malcolm und viele andere inhaftierte Afroamerikaner wirkte diese Form eines separatistischen schwarzen Islams höchst attraktiv.