DIE ZEIT: Mr. Spiegelman, Sie haben nach 9/11 die amerikanische Presse scharf für deren Unterstützung des Irakkriegs kritisiert. Jetzt haben Sie mit ähnlich harten Worten gegen die Entscheidung vieler US-Medien gewettert, nach den Anschlägen von Paris die Karikaturen aus Charlie Hebdo nicht abzudrucken.

Art Spiegelman: Das hat mir die Sprache verschlagen und mich so wütend gemacht. Wissen Sie, jeder ist scheinheilig – aber das ist noch jenseits von scheinheilig. Ich weiß gar nicht, wie man das nennen soll. Die Medien verkaufen diese Entscheidung als Besonnenheit und Verantwortungsbewusstsein. Aber das Ergebnis unterm Strich ist, dass die Zeitungen damit selbst ihre eigene Existenzberechtigung untergraben, um die sie ja angeblich so besorgt sind. Man sagt den Lesern, dass der Kern einer Geschichte nicht in der Zeitung vorkommen darf, weil er geschmacklos ist oder weil man Angst um die Mitarbeiter hat, für die man verantwortlich ist. Letztlich macht man es dem Leser unmöglich, die Geschehnisse überhaupt zu verstehen.

ZEIT: Amerikanische Onlinemedien hingegen haben die Mohammed-Karikaturen gezeigt.

Spiegelman: Ja. Die Zeitungen zwingen ihre Leser geradezu ins Internet – und da bleiben sie dann auch. Super, dann lesen sie eben eure beschissene Zeitung nicht mehr. Das ist ja alleine schon verrückt genug, aber die New York Times hat mich wirklich zur Weißglut getrieben. Sie ist der Rudelführer, was diese Haltung angeht, und dann druckt sie plötzlich einen Gastbeitrag von Marine Le Pen, ohne überhaupt zu erklären, wer sie ist. So klingt sie wie eine völlig vernünftige Islamophobikerin. Wie kann man beides gleichzeitig tun?

ZEIT: Das erinnert mich daran, dass keine große amerikanische Zeitung und kein Verlag Ihren Comic "Im Schatten keiner Türme" drucken wollte – weil Ihre Verarbeitung der Zeit nach 9/11 zu amerikakritisch ausgefallen war.

Spiegelman: Es hat bis 2004 gedauert, dass es möglich war, Kritik zu üben. Davor war das Klima der Angst einfach zu erdrückend. Ich beobachte, dass Frankreich jetzt die gleichen Fehler macht wie Amerika damals nach dem 11. September. Das nervt mich wirklich.