Gunter hat abgenommen, Jutta schönere Haut bekommen, Jonas wird nie mehr krank, und Larissa ist jetzt fast jeden Tag gut gelaunt. Sie alle leben nach der Steinzeitdiät und haben seit der Ernährungsumstellung wundersame Wandlungen erfahren. Im Onlineforum Paleo360.de findet man diese und andere euphorische Berichte von Steinzeitjüngern. Wo immer Anhänger der Ernährungsform von ihren Erfahrungen erzählen, erfährt man Unglaubliches: Mal wurden die Paläo-Esser von Krankheiten geheilt, mal lichtete sich ihr "Hirnnebel", und sie sahen plötzlich viel klarer als zuvor.

Die Vertreter der Paläo-Kost orientieren sich an der Steinzeit, an den Anfängen der Menschheit, weil damals das Essen noch ursprünglich war. Ihr Credo: Jäger und Sammler machen uns vor, wie menschliche Ernährung eigentlich geht. Statt Käsebrot gab es frisch erlegtes Tier mit selbst gepflückten Nüssen und Beeren. In kalifornischen Supermärkten werden schon ganze Salatbars mit dem Begriff "Paläo" gekennzeichnet.

Auch in Deutschland hat die Mode ihre Anhänger: Allein für das erste Halbjahr 2015 sind ein gutes Dutzend neuer Ratgeber angekündigt, Paleo-Power für Frauen oder Die Paleo-Revolution. Rezeptfolianten (etwa für die Herstellung von Paleo Smoothies) versuchen, uns geschmortes Sauerkraut mit Aprikosen schmackhaft zu machen. Oder sie raten, den Pizzateig nicht mehr mit Mehl zuzubereiten, sondern mit zerhäckseltem Blumenkohl, Kokosmehl und Ei.

Bei Edeka hat man sich tatsächlich über den Möhrenkonsum im Paläolithikum kundig gemacht. "Schon in der Steinzeit schätzte man das Gemüse als sehr nahrhaft", heißt es auf der Internetseite des Lebensmittelkonzerns. Und in Berlin kocht das Restaurant Sauvage für Freunde von Höhlenkost. Das bedeutet, dass vieles nicht gekocht wird. Und vor allem: Man verwendet kein Gluten, auch sonst kein Getreide, keine Milchprodukte, nicht einmal pflanzliche Öle. Stattdessen gibt es "Natur pur, so wie es der Mensch schon seit Millionen Jahren macht". Serviert werden Steaks (nicht zwangsläufig roh), Süßkartoffel-Gnocchi und Maniok-Brot. Nun hat der Betreiber wegen der großen Nachfrage ein zweites Lokal in Berlin eröffnet.

Paläo-Diät sei die artgerechte Ernährung des Menschen, behaupten diverse Gurus der Lebensform. Demnach besteht die optimale Verpflegung ausschließlich aus dem, was unsere Vorfahren zu Urzeiten zu sich nahmen: Obst und Gemüse, Fleisch und Fisch, Samen und Nüsse. Schließlich habe der Urmensch sich mehr als zwei Millionen Jahre lang nur so ernährt. Milch- und Getreideprodukte, Speiseöle und Salz verzehre er dagegen erst seit etwa 10.000 Jahren – seit die Menschen sesshaft wurden, Ackerbau und Viehzucht erfanden. Dieser Zeitraum sei zu kurz, um sich genetisch an die neuen Produkte anzupassen, argumentieren die modernen Urmenschen. Und folgern: Gib deinen altsteinzeitlichen Genen altsteinzeitliche Nahrung, denn darauf sind sie programmiert.

"Diese Geschichte klingt erst einmal sehr plausibel, und in Kombination mit den Berichten von Menschen, die sich seit der Ernährungsumstellung fühlen wie im siebten Himmel, wird sie fast unschlagbar", sagt Alexander Ströhle, der an der Leibniz Universität Hannover zu Ernährungsphysiologie und Humanernährung forscht und viel über die Paläo-Kulinarik und deren Irrtümer publiziert hat. Denn bei näherer Betrachtung ist die Geschichte von der artgerechten Ernährung des Menschen eben doch nicht unschlagbar.