In Zimmer 108 schaut Edith Gärtner von ihrem Kreuzworträtsel hoch. Eine zierliche Frau von 79 Jahren, die Haare, dem Alter trotzend, blond gefärbt. Die Rentnerin hat Krebs in Lunge, Niere und Knochen. Brüchige Wirbel drücken auf ihre Rückennerven. Sie war vor Schmerzen kaum mehr ansprechbar, als sie vor einer Woche in die Klinik für Palliativmedizin des Universitätsklinikums Großhadern in München kam.

Palliativstation: Da denkt man an das schnelle Ende, das Dunkel. Doch wo die unheilbar Kranken betreut werden, gilt alle Aufmerksamkeit einer lichten und wärmenden Gegenwart. Sonnenhelle Räume, Holzmöbel, Naturfotos an pastellfarbenen Wänden. Es gibt nur Einzelzimmer, und darin steht ein zweites Bett für Vertraute. Wenn die Chefärztin Visite macht, dann trägt sie Strickjacke und Jeans statt eines weißen Kittels. Und begleitet wird Claudia Bausewein von einer Psychologin, der Sozialarbeiterin, dem Seelsorger oder anderen Helfern.

"Jetzt ist es erträglich", sagt Edith Gärtner, so leise, als traute sie der Besserung noch nicht. Die Palliativmediziner haben mit starken Opioiden den Schmerz entmachtet. Krankengymnastik, Atemtherapie und Gespräche mit der Psychologin konnten auch die Anspannung lindern, mit der Angst den Körper schwächt. Sie sei dankbar, sagt Edith Gärtner, nun wieder nach Hause zu können, in die vertraute Umgebung: "Ich habe doch immer alles alleine geschafft."

Die 79-Jährige hat Glück, falls man das angesichts ihrer bitteren Situation so sagen darf. Ein ambulantes Team der Klinik wird sie in ihrer Schwabinger Wohnung weiterbetreuen. Tag und Nacht sind der Arzt und die Pflegenden für sie erreichbar. Allein dieses "Sicherheitsversprechen" setze bei vielen Patienten noch einmal Kräfte frei, sagt die Chefärztin Claudia Bausewein.

Doch wie viele Todgeweihte können in ihrer letzten Lebensphase auf eine so umfassende Hilfe bauen? Auf multiprofessionelle Palliativteams, die heute Schmerzen, Atemnot, Übelkeit und andere Bedrängnisse besser denn je eindämmen können – und zugleich die Seele stärken?

In der Diskussion über den assistierten Suizid fehlt das Lob der Palliativmedizin in keiner Rede und keiner Stellungnahme. Wenn Todkranke optimal betreut würden, so argumentieren Patientenverbände, Kirchenvertreter und Politiker in seltener Einigkeit, dann wäre der Wunsch, sich selbst zu töten, nur noch eine extreme Ausnahme. Umso schwerer wiegt die Frage: Wie zuverlässig sind Sterbende heute in Deutschland versorgt?

Sehr viel besser als früher – aber längst nicht gut genug, so lautet die Antwort, kurz gefasst. Krankenkassen geben zum Beispiel für Therapien im letzten Lebensjahr immer noch zehnmal so viel aus wie für die palliative Versorgung.