1. Gewalt beginnt mit Unterwerfung: "Ich unterwerfe mich, damit ich unterwerfen darf." Auf dieses universale Gesetz der Gewalt bin ich im pädagogischen Alltag gestoßen. Die Beispiele sind Legion. So ist es in manchen deutschen Schulen unter Schülern Tradition, dass die kleinen Neuen von den größeren Alten gejagt und in eine Mülltonne gesteckt werden – erst dann gehören sie dazu. Nicht nur in englischen Internaten pflegen Jugendliche den Brauch, Neuankömmlinge nachts zu überfallen, unter die Dusche zu stellen und abzuduschen – dann sind sie "getauft" und volle Mitglieder in der Gemeinschaft. Bei sogenannten Abi-Motto-Tagen wiederum, die sich in Deutschland an vielen Gymnasien eingebürgert haben, verkleiden sich die Abiturienten in den letzten Unterrichtstagen täglich nach einem vereinbarten Motto. Zum Ritus gehört auch der Motto-Tag "Zuhälter und Nutten", wahlweise "Porno-Tag" genannt. Das ist für die Mädchen, die sich verweigern, kein Spaß – und für die meisten Mädchen, die mitmachen, auch nicht. Solche neuen Unterwerfungsrituale passen zu altbekannten: In Burschenschaften werden Bewerber durch Trink- und Kotzspiele sowie durch demütigende "Mutproben" initiiert. Unter Pfadfindern wurde kürzlich das Ritual des "Pflockens" aufgedeckt: Kinder und Jugendliche werden von Gruppenleitern ausgeguckt und mit gespreizten Armen auf einem Tisch angepflockt. Weingummischlangen werden ihnen in den Mund gestopft, dann werden sie ausgekitzelt, mit Filzstiften bemalt und mit Wasser übergossen. Die Teilnehmer im Zeltlager finden das "lustig". Wehe dem Spaßverderber, der sich dem "Pflocken" verweigert.

Die Liste dieser Beispiele lässt sich beliebig verlängern. Immer gilt: Wo solche Riten üblich sind, lauert im Hintergrund höchstwahrscheinlich sexualisierte Gewalt.

Unterwerfungsrituale haben für beide Seiten, Opfer und Täter, eine magische Attraktivität. Das heißt aber nicht, dass die Opfer sich freiwillig daran beteiligen. Im Gegenteil: Sie haben Angst vor Ausgrenzung. Es gibt einen Druck innerhalb des sozialen Systems auf diese Riten hin.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 5 vom 29.1.2015.

Gerade daran wird deutlich, worin ihre unfrei, ja süchtig machende Attraktivität besteht: Sie schaffen Zugehörigkeit, und sie verleihen den Unterworfenen das Recht, demnächst genau diese Riten an anderen zu vollstrecken. Sie vererben Ansprüche auf Traditionen und verleihen Macht. Nach dem Muster: "Jetzt bin ich dran! Weil ich mich unterworfen habe, darf ich unterwerfen."

Deshalb ist die Unterbrechung dieser Riten so schwierig, denn sie macht Angst vor dem Verlust von Zugehörigkeit wie von Machtpositionen. Die ganze Klaviatur der Vertuschung, Verharmlosung, Verweigerung wird gespielt, wenn einer gegen den Ritus aufsteht. Neuere Aufklärungsberichte über sexuellen Missbrauch in Institutionen zeigen, dass selbst Autoritäten nicht wagten, gegen jene Gewalt anzutreten, die stets hochkommt, wenn jemand die Gewaltspiele unterbricht. Dabei ist es unerheblich, ob die Täter jugendlich oder erwachsen sind.

2.Wo findet das Unterwerfungsspiel statt? Manche glauben, es beschränke sich "nur" auf Schulen, Heime und Internate. Doch es ist ein soziales Schema, das in den genannten Institutionen nur besonders sichtbar wird, aber auch andere Bereiche betrifft, nicht zuletzt die Religionen. So erklärte kürzlich ein junger deutscher Mann, warum er sich dem "Islamischen Staat" anschließen wolle. Mit Emphase sagte er: "Islam bedeutet Unterwerfung." Das mag semantisch stimmen, aber für ihn war die Unterwerfung Kern seines religiösen Selbstverständnisses. Er setzte es ausdrücklich gegen die Liebe ab: "Islam bedeutet Unterwerfung, nicht Liebe."