Ulrich Greiner plädierte hier vor einer Woche für vermeintlich nutzlose Schulfächer. Ihm widerspricht der Harvard-Dozent Yascha Mounk.

Mein Deutschlehrer rebellierte gegen den Lehrplan, als ich in der neunten Klasse war. Eigentlich hätten wir im Unterricht ein Gedicht von Goethe besprechen sollen. "Aber damit können Kinder in diesem Alter ja nichts anfangen", erklärte er meiner Mutter beim Elternabend. "Besser, die lernen erst einmal, wie man eine ordentliche Gebrauchsanweisung schreibt." Das war schlimm.

Im Jahr darauf hielt sich mein neuer Deutschlehrer an den Lehrplan. Wir besprachen ein Gedicht von Schiller. Uns wurde gesagt, dies sei ein großes Erzeugnis der deutschen Kultur. Also lernten wir es auswendig. Da man es dabei nicht belassen kann, lernten wir auch die Analyse in unserem Schulbuch. Schließlich rezitierten wir Ersteres mündlich und Letzteres schriftlich. Das war schlimmer.

In der deutschen Bildungsdebatte bekämpfen sich zwei ebenso verkümmerte Vorstellungen vom Zweck von Schule und Universität. Business-Englisch hier, Altgriechisch dort. Hier Fakten über "Steuern, Miete oder Versicherungen", wie sie die 17-jährige Schülerin Naina einfordert, die vorletzte Woche mit einem Tweet zu plötzlicher Berühmtheit gelangte – da das Auswendiglernen von Schiller und Mörike, wie es Ulrich Greiner in der ZEIT nostalgisch herbeischreibt.

Welten scheinen diese beiden Positionen voneinander zu trennen. Tatsächlich aber sind sie sich erschreckend ähnlich. Denn beide verstehen Lernen als passiven Prozess: Schüler sollen sich Fakten aneignen und diese schließlich wiederkäuen.

In der einen Welt ist Schiller wichtig, und ein gebildeter Mensch muss Das Lied von der Glocke Strophe für Strophe aufsagen können. In der anderen Welt ist Geld wichtig, und ein junger Bürger muss wissen, wie man eine Überweisung tätigt. Hier wie dort verkommt der Lernprozess zum Befolgen eines vorgegebenen Algorithmus. Keiner von beiden Ansätzen fördert die analytischen Fähigkeiten, die Schüler sowohl für den beruflichen Erfolg als auch für eine echte Wertschätzung von Kunst und Literatur brauchen.

Dabei hat Ulrich Greiner schon recht, wenn er den Nützlichkeitswahn der Bildungspolitik kritisiert. In der Schule und an der Universität muss Platz sein für die Schönheit – nicht etwa weil sie Schüler indirekt auf Beruf und Karriere vorbereitete, sondern weil sie ihnen ein reflektiertes, selbstbestimmtes Leben ermöglicht.

Nur weil etwas schön ist, muss es aber nicht auch unnütz sein – und umgekehrt. Zwischen Schönheit und Nützlichkeit eine Front errichten zu wollen führt in die Irre.

Greiner mokiert sich über die Versuche der Lateinlehrerlobby, ihr Fach damit zu begründen, dass es "dem Erwerb grammatischer Strukturen" diene und Schüler so aufs Englischlernen vorbereite. Stimmt. Auf dem Weg zu gutem Englisch ist Latein tatsächlich ein Um- und Irrweg. Sollen wir Latein und Altgriechisch deshalb abschaffen? Nicht unbedingt, auch da hat Greiner recht. Wenn diese Fächer Freude an Sprachen, Literatur oder antiker Geschichte vermitteln, ist dies Zweck genug.