Nonchalant sagt Gabi Huber: "Die Präsenz hat sich verbessert, seit die Statistik zu den Abwesenheiten der Nationalräte veröffentlicht wird." Immer wieder hat sich die langjährige Fraktionspräsidentin der FDP überlegt, was sie gegen die Schwänzer in ihren Reihen tun soll. Das ging so weit, dass sie die Partei-Schäfchen, die zu oft fehlten, bei den Kantonalsektionen anschwärzen wollte. Schließlich hat sie aber darauf verzichtet: "Weil es immer begründete Ausnahmen gibt und es allzu schulmeisterlich gewesen wäre." Hilfe kam von der Politikplattform Politnetz: Sie stellt seit der Wintersession 2011 die Präsenzliste der Nationalräte ins Internet.

Schweizer Politiker werden auf Schritt und Tritt erfasst, kodiert und in Tabellen gesteckt. Die Präsenzliste der Nationalräte ist nur ein Beispiel für eine schleichende Veränderung der Politik in den letzten 15 Jahren. Immer mehr Ratings, Umfragen und datenbasierte Analysen vermessen die eidgenössische Politik.

Doch das Ganze hat einen Haken: Hinter den angeblich objektiven Daten stehen lebende Menschen, die auf die Messinstrumente reagieren und so die Analyseresultate beeinflussen. Also stellt sich die Frage: Verändert die große Vermessung die Schweizer Politik – und wenn ja, zum Guten oder zum Schlechten?

Zum Schlechten, befand 2009 die Regierung: "Der Bundesrat hat die Differenz zwischen Umfrage und Realität mit Erstaunen zur Kenntnis genommen und erachtet sie angesichts der Tragweite von Abstimmungsergebnissen als staatspolitisch gravierend." Das sagte Bundesrat Moritz Leuenberger eine Woche nachdem die Minarettinitiative deutlich angenommen worden war – und nicht abgelehnt, wie es die SRG-Umfrage vorausgesagt hatte. Claude Longchamp, der die Umfrage mit seinem Institut GFS Bern durchführte, wurde zum Sündenbock für die vermasselte Abstimmung.

Nur: Beeinflussen Umfragen wie jene der SRG die Abstimmungsresultate überhaupt? "Nein", sagt Adrian Vatter, Professor für Schweizer Politik an der Universität Bern. "Die empirische Evidenz ist klar: Es gibt kaum messbare Effekte von Vorbefragungen auf die Mobilisierung oder auf das Stimmverhalten." Selbst jene, die immer wieder behaupten, Meinungsforscher seien Meinungsmacher, bleiben von den Umfrageergebnissen unbeeindruckt: "Wenn man sie fragt, ob es sie selbst beeinflusse, antworten sie mit Nein", sagt Vatter.

Ganz so klar ist die Sache allerdings nicht. Stefan Krattiger leitet die Kampagnen der SP Schweiz, und er sagt: "Wenn wir in der ersten SRG-Umfrage weit hinten liegen, kann das unsere Leute demotivieren. Hingegen spüren wir bei ungewissem Ausgang deutlich mehr Aktivität." Und das könnte sich wiederum auf die Meinungsbildung auswirken: Wer laut kesselt, wird eher gehört.

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In einer konkreten Zahl lässt sich dieser Einfluss nicht ausdrücken. Aber wo Rauch ist, da muss auch irgendwo Feuer sein.

Einen Hinweis, wie Umfragen die Politik beeinflussen, liefert CVP-Generalsekretärin Béatrice Wertli: "Um die Schwerpunkte und die Strategie unseres Wahlkampfs zu definieren, konzentrieren wir uns einerseits auf unsere Kernkompetenzen und" – jetzt kommt’s – "wir analysieren verschiedene Umfragen." Was Wertli damit meint, ist: Umfragen wie das Sorgenbarometer der CS, erhoben von GFS Bern, oder die Vox-Analysen nach den Abstimmungen geben ihr und den anderen Parteien direkte Hinweise darauf, was die Bevölkerung beschäftigt. Das ignoriert keine Partei, schließlich will sie Wählerstimmen gewinnen. Ein Beispiel: Obschon Asylbewerber nur 0,4 Prozent der hiesigen Bevölkerung ausmachen, steht das "Asylproblem" seit Jahren in den Top 4 des CS-Sorgenbarometers – auch deshalb werden die entsprechenden Gesetze Mal um Mal verschärft.

Umfragen bieten aber auch Gelegenheit, neue Themen zu entdecken. Besonders geeignet dafür sind die Wahlstudien, die seit 1995 schweizweit nach jeder Gesamterneuerungswahl durchgeführt werden. In den Swiss Electoral Studies, kurz Selects, werden Fragen gestellt, die noch gar nicht auf der politischen Agenda stehen. So zeigt beispielsweise die letzte Selects-Umfrage: Wenn sie wählen könnten, würden über 50 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer lieber die staatlichen Kinderzulagen von den Steuern befreien, anstatt mehr Krippenplätze zu schaffen. Ob Zufall oder nicht, die Familieninitiative der CVP, über die wir am 8. März abstimmen, fordert genau dies. Fortan soll in der Verfassung stehen: "Kinder- und Ausbildungszulagen sind steuerfrei".

Verbände testen ihre Argumente in geheimen Umfragen

"Wenn wir in einer Umfrage ein neues Thema entdecken, dann kann die Agenda der Politik ändern", sagt denn auch Lukas Golder, Projektleiter bei GFS Bern. Ein gutes Beispiel dafür ist die FDP und mit ihrer europapolitischen Metamorphose. In den 1990er Jahren wollten die Freisinnigen der EU beitreten, wofür sich in den Selects-Befragungen auch eine Mehrheit aussprach. 2011 strich die FDP das Beitrittsziel ersatzlos aus dem Parteiprogramm. Heute hält nur noch die Berner Nationalrätin Christa Markwalder das europäische Fähnchen hoch. Damit reagierte die FDP auf den Wandel in den Umfragen. Bereits 2003 zeigte die Selects-Studie, dass sich EU-Befürworter und -Gegner die Waage hielten. Seit 2007 sind die Gegner klar in der Mehrheit.

Verbände führen vor Abstimmungen geheime Umfragen durch

Den größten Einfluss auf Abstimmungen haben jedoch Umfragen, die gar nie veröffentlicht werden. Große Verbände testen vor wichtigen Urnengängen ihre Argumente in der Stimmbevölkerung. Was dabei herauskommt, bleibt geheim und den jeweiligen Auftraggebern vorbehalten. Unklar bleibt ebenso, wer das Instrument überhaupt nutzt. Einzig Roberto Colonnello, Pressesprecher bei Economiesuisse, bestätigt in einer dünnen E-Mail-Antwort indirekt, damit zu arbeiten: "Umfragen können aufzeigen, welche Argumente eher auf Zuspruch und welche auf Ablehnung stoßen."

Lukas Golder, der am GFS Bern solche Argumente-Tests durchführt, sagt: "Es ist, als würde die Privatwirtschaft mit Marktforschung eine Werbekampagne planen." Man testet, wie man den Inhalt eines neuen Produkts – sprich: einer politischen Vorlage – am besten verkaufen kann. Wie verständlich ist ein Argument, und wie relevant ist es für die Gegnerschaft? Abstimmungskomitees wollen wissen, ob ein Argument ein Gegenargument übertrumpft und wie die öffentliche Meinung in die gewünschte Richtung gelenkt werden kann. Die Dynamik eines Abstimmungskampfes lässt sich zwar nicht ganz kontrollieren, aber, so Golder: "Mit vorgängigen Tests ist man besser vorbereitet."

Das gilt auch umgekehrt: Seit 2003 können Wähler Politiker testen. Damals startete die Onlinewahlplattform Smartvote. Beide, Kandidaten und Wähler, füllen den gleichen Fragebogen zu politischen Themen aus. Der Rechner prüft den Grad der Übereinstimmung und erstellt eine Rangliste der Politiker, die einem am nächsten stehen. Bei den nationalen Wahlen 2011 nutzten elf Prozent der Wähler Smartvote. Für die Parteien ist das Onlinetool vor allem wichtig, weil die Smartvote-Nutzer die flexibelsten Wähler sind. Unter ihnen lassen sich am ehesten einige Zehntelprozentpunkte gewinnen. CVP-Generalsekretärin Béatrice Wertli sagt: "Wir können so Wähler ansprechen, die für uns stimmen könnten, dies aber bisher nicht getan haben." Für die CVP ist das besonders interessant: Ihr erzielter Wähleranteil ist am weitesten von ihrem potenziellen Wähleranteil entfernt. In Umfragen geben fast 45 Prozent an, dass sie sich vorstellen könnten, CVP zu wählen. Der Wähleranteil liegt jedoch nur bei 14,5 Prozent.

Doch Smartvote hat einen Haken. Es eignet sich, um den Wähler zu täuschen. Die Gratiszeitung 20 Minuten hat in dieser Legislatur untersucht, ob die neu gewählten Politiker im Parlament tatsächlich so abstimmen, wie sie es bei Smartvote angegeben haben. Und siehe da: Die Neulinge schwenkten auf Parteilinie um, statt ihren Positionen treu zu bleiben. Dieses Phänomen beobachtet auch Politgeograf Michael Hermann: "Junge Politiker, die zum ersten Mal antreten, vertreten auf Smartvote oft innovative Positionen. Sind sie gewählt, passen sie sich der Partei an." Damit nähmen die Freiheitsgrade in der Politik ab. So wird Innovation schwieriger.

Diese Erkenntnis deckt sich mit dem Parlamentarier-Rating, das Michael Hermann selbst ermittelt und jeweils in der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlicht. Er nimmt die Abstimmungsresultate im Nationalrat und errechnet die Fraktionsdisziplin. Sie nimmt seit Jahren zu. Eine Gruppe von CVP-Parlamentariern, die sich selbst Rating-Club nannte, hat Hermann einmal zu einer Sitzung eingeladen. Die zehn Nationalräte wollten wissen, wie sie im Parlament abstimmen müssen, damit sie im Rating weiterhin als die konservativsten Politiker der CVP erscheinen. "Bei den Schlussabstimmungen kann man feststellen, dass ideologischer abgestimmt wird, während man sich früher dem vorher gefundenen Kompromiss angeschlossen hat", sagt Hermann. Wohin das führen kann, ist klar: Es wird für die Politiker schwieriger, dem Gegner einen Schritt entgegenzukommen. Sie versuchen bereits in der Detailberatung, stramm auf der Parteilinie zu bleiben.

Das freut die Interessensvertreter. Etwa den Schweizerischen Gewerbeverband. Er veröffentlicht einmal im Jahr das KMU-Rating. Damit wird getestet, wer KMU-freundlich abstimmt. Das Rating berücksichtigt nämlich nur Abstimmungen im Nationalrat, die der SGV selbst auswählt und gewichtet. Es ist – kurzum – ein Gesinnungstest und sorgt im bürgerlichen Lager immer wieder für Unruhe. Als vor knapp einem Jahr plötzlich SVP-Politiker statt wie früher FDP-Politiker die Rangliste anführten, schäumten die Freisinnigen. Sie fürchteten um die Gewerblerstimmen – und kritisierten das Ranking öffentlich.

Vor einigen Monaten enthüllte der Spiegel, wie 600 geheim gehaltene Umfragen das Denken, Reden und Handeln von Angela Merkel beeinflussen. Wie mit einem Pulsgerät, schrieb das Magazin, lasse die Kanzlerin nonstop den Herzschlag der Gesellschaft messen. Und passe ihre Politik entsprechend an. In der Schweiz, wo sich die Macht nicht in einem Amt ballt, ist nicht nur die Pulsnahme schwieriger, nein, der Einfluss von Umfragen, Analysen und Ratings erfolgt durch die Hintertür. Unauffällig, punktuell, schleichend.

Den größten Einfluss hatte in den vergangenen Jahren denn auch nicht ein groß angelegtes Rating oder eine mit viel Brimborium vorgestellte Umfrage. Sondern eine unscheinbare Grafik-Animation, erstellt von Michael Hermann. Darauf zu sehen sind Parteiwolken, die sich von 1985 bis 2014 auf den zwei Achsen links-rechts und liberal-konservativ bewegen. Den weitesten Weg legt die grüne SVP-Wolke zurück. 1985 steht sie der blauen FDP noch sehr nahe, sinkt dann aber rasant abwärts in die rechtskonservative Ecke. Die FDP hingegen verharrt auf der rechtsliberalen Position.

Die Grafik war ein Befreiungsschlag. Endlich konnten die Freisinnigen beweisen: Nicht wir sind linker und "weichsinnig" geworden, wie es die SVPler jahrelang behaupteten. Nein, die SVP hat sich aus dem bürgerlichen Mainstream verabschiedet. Manch ein Liberaler sprach darauf bereits von einer freisinnigen Renaissance.