Wo steht die Linke heute? In dem Text, den Slavoj Žižek im Feuilleton der ZEIT über die Terroranschläge in Paris veröffentlicht hat (ZEIT Nr. 3/15), beschwört er die radikale Linke. Den Krieg zwischen dem saft- und kraftlosen Liberalismus des Westens und dem religiösen, leidenschaftlichen Fundamentalismus könne nur einer beenden – die radikale Linke. Wie geht das?

Žižek führt den terroristischen Fundamentalismus zunächst auf sein Unterlegenheitssyndrom zurück. Die Fundamentalisten fühlten sich bedroht durch Nichtgläubige und griffen diese an. Ein Buddhist dagegen, der auf einen westlichen Hedonisten treffe, verurteile ihn kaum, sondern stelle wohlwollend fest, dass dessen Glückssuche zum Scheitern verurteilt sei. Im Unterschied zu diesen wahren Fundamentalisten seien die terroristischen Pseudofundamentalisten vom sündigen Leben der Ungläubigen fasziniert. Sie versuchten, ihre eigene Versuchung zu bekämpfen, wenn sie den sündigen anderen bekämpften.

Doch anders als Žižek glaubt, ist ein buddhistischer Fundamentalismus schon von der Grundüberzeugung des Buddhismus her nicht denkbar. Der Buddhismus ist eine Religion ohne Gott; der Glaube, dass es kein Fundament und nichts Absolutes gibt, zeichnet ihn aus. Eine monotheistische Religion dagegen tendiert von ihrer inneren Verfassung her zur Gewalt, zu einer Abwehr gegen andere Glaubensüberzeugungen. Außerdem entsagt der Buddhismus dem Willen und der Leidenschaft. Schon aus diesem Grund ist ein buddhistischer Terrorismus nur schwer vorstellbar. Die Gelassenheit des Buddhisten gegenüber Hedonisten kommt also nicht daher, dass er ein "wahrer Fundamentalist" ist.

Die Leidenschaft der islamischen Terroristen verrate, so Žižek weiter, in Wirklichkeit einen Mangel an echter Überzeugung. Er fragt, wie anfällig der Glaube eines Muslims sein müsse, sodass er sich von einer dummen Karikatur bedroht fühle. Der islamische Terror wurzele darin, dass sich die Terroristen insgeheim selbst für unterlegen hielten. Den muslimischen Fundamentalisten fehle die Überzeugung von der eigenen Überlegenheit.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 5 vom 29.1.2015.

Der Hass ist nicht einseitig aufseiten von Terroristen, sondern auf beiden Seiten vorhanden. Nicht nur radikale Muslime überschütten den Westen mit Hass, sondern auch der Westen empfindet Hass gegenüber dem Islam. In Dresden ist der Islam sogar nur in einem ganz imaginären Raum vorhanden. Wenn die westliche Zivilisation sich stark genug fühlte, wie ließe sich dann ihr Hass gegen den Islam erklären? Fühlt sie sich nicht gegenüber dem lebendigen Islam insgeheim selber unterlegen? Erwacht nicht in einer Gesellschaft, in der die Gesundheit zur "neuen Göttin" (Nietzsche) erhoben wird und das Leben zum hysterischen Überleben geworden ist, sogar ein Neid auf jene Entschlossenheit der Terroristen, die, wie Žižek schreibt, "sich bis zur Selbstzerstörung in den Kampf werfen"?

Den westlichen liberalen Hedonismus bezeichnet Žižek mit Nietzsche als "passiven Nihilismus", als Kultur der "letzten Menschen". Sie gehen kein Risiko ein und suchen nur Bequemlichkeit und Sicherheit. Ihr Ideal ist das lange und gesunde Leben. Die Geisteshaltung des islamischen Fundamentalisten bezeichnet Žižek dagegen, ebenfalls Nietzsche folgend, als "aktiven Nihilismus". Sie sind bereit, alles zu riskieren und sogar den eigenen Tod für ihren Gott einzusetzen.

Žižeks Gleichsetzung von islamischem Fundamentalismus und "aktivem Nihilismus" ist problematisch, denn der "aktive Nihilismus" stellt für Nietzsche etwas sehr Positives und Produktives dar. Er bereitet dem Neuen den Boden. Er äußert sich als ein reinigendes Gewitter und lehnt jede Glaubensüberzeugung ab. Der islamische Fundamentalismus ist also alles andere als "aktiver Nihilismus". Er ist kein Nihilismus, sondern eine regressive, gewalttätige Form der Glaubensüberzeugung, die gegen den westlichen Hedonismus und Materialismus gerichtet ist.

Kann eine radikale Linke tatsächlich den Terrorismus verhindern? Würde sie mit dem hedonistischen Westen, mit der Kultur des "letzten Menschen" radikal brechen, auf die der Fundamentalismus mit dem Terror reagiert? Wahrscheinlich würden die "letzten Menschen" die radikale Linke keines Blicks würdigen. Sie würden ein wenig irritiert sein und blinzeln. Heute sind ja die Linken selber "letzte Menschen" geworden, die Bioläden und Yoga-Studios frequentieren.

Im Namen einer illusorischen Freiheit verwirklicht man sich zu Tode

Žižek beruft sich auf Walter Benjamins Einsicht, dass jeder Aufstieg des Faschismus von einer gescheiterten Revolution zeuge, dass er aber gleichzeitig ein Beweis dafür sei, dass es ein revolutionäres Potenzial gegeben habe, das die Linke nur nicht zu mobilisieren verstanden habe. Doch welche Revolution meint er eigentlich? Dann verlässt Žižek Frankreich und Europa und verweist auf die "tiefe Kluft zwischen einer kleinen Gruppe reicher Grundherren und ihren landlosen Pächtern" in Pakistan. Er vermutet, dass der Aufstieg des radikalen Islamismus in genauer Wechselwirkung stehe mit dem Verschwinden der säkularen Linken. Würde also eine marxistische Revolution, die jene reichen Grundherren enteignet, den Fundamentalismus besiegen? Ein Irrtum. Im Gegensatz zu Pakistan ist zum Beispiel der Irak kein Feudalstaat, doch gerade hier wütet der "Islamische Staat" (IS). Im Irak dauerte das feudale Verhältnis nur bis zur Revolution von 1958. Danach wurde eine Bodenreform durchgeführt. Außerdem ist der Fundamentalismus gerade eine Reaktion auf das Säkulare, die die säkulare Linke nicht verhindern kann.

"Wir leben in einer postmarxistischen Zeit."

Weil Žižek am Marxismus festhält, ist für ihn die Idee der Revolution unverzichtbar. Doch er verkennt, dass der Marxismus heute die Welt weder erklären noch verbessern kann. Wir leben in einer postmarxistischen Zeit.

Die Entfremdung von der Arbeit ist ein zentraler Gedanke des Marxismus. Sie rührt von der Paradoxie her, dass der Arbeiter umso ärmer wird, je mehr Reichtum er produziert. Er kann sich in dem, was er produziert, nicht wiedererkennen, denn sein Produkt wird ihm entrissen: der Gegenstand, den er produziert, gehört ihm nicht. So entfernt er sich von sich selbst. Seine Arbeit ist eine fortgesetzte "Sich-Entwirklichung". Nur eine Revolution kann das Entfremdungsverhältnis beenden.

Diese von Marx beschriebene Entfremdung kennzeichnet allerdings nicht mehr das heutige Arbeits- und Produktionsverhältnis. Im neoliberalen Regime findet die Ausbeutung nicht mehr als Entfremdung und Selbst-Entwirklichung, sondern als Freiheit und Selbst-Verwirklichung statt. Ich beute mich selbst in dem Glauben aus, dass ich mich verwirkliche. So ist auch das erste Stadium des Burn-out Euphorie. Euphorisch stürze ich mich in die Arbeit. Am Ende breche ich zusammen. Ich verwirkliche mich zu Tode. Ich optimiere mich zu Tode. Die neoliberale Herrschaft versteckt sich hinter der illusorischen Freiheit. Ja, sie gibt sich als Freiheit. Die Herrschaft vollendet sich in dem Moment, in dem sie mit der Freiheit zusammenfällt. Diese gefühlte Freiheit ist insofern verhängnisvoll, als sie keinen Widerstand, ja keine Revolution möglich macht.

Mit anderen Worten: Žižek hängt einer marxistischen Illusion an. Er träumt von einer Revolution, die von einer erneuerten Linken angeführt werden soll. Doch aus erschöpften, depressiven Individuen lässt sich keine Protestmasse formen. Dies entgeht Žižek. Gegen Ende seines Essays springt er dann auf eine neue Argumentationsebene und widerspricht sich selbst. Plötzlich ist der islamische Fundamentalismus kein Unterlegenheitssyndrom mehr, er ist vielmehr eine Reaktion auf einen "echten Makel des Liberalismus" selbst. Ganz auf sich allein gestellt, werde sich der Liberalismus nach und nach selbst unterminieren. Einzig eine "erneuerte Linke" vermöge, so Žižek, seine zentralen Werte zu retten. Kurzum, der Liberalismus sei auf die brüderliche Hilfe der radikalen Linken angewiesen. Žižek führt aber überhaupt nicht aus, wie diese "radikale Linke" auszusehen hat. Sie spukt bei Žižek als ein Gespenst.

Das Problem, das mit dem islamischen Fundamentalismus zusammenhängt, ist wesentlich komplexer. Eine radikale Linke würde es nicht lösen können. Sowohl der Islam als auch der Westen sind ein Feindbild. Nach dem Ende des Kalten Krieges, der vom Feind-Schema beherrscht war, kehrt der Feind nun wieder. Žižek lässt aber das Problem der Feindschaft ganz außer Acht.

Was ist der Feind? Der Feind ist bei Carl Schmitt keine soziale, sondern eine existenzielle Kategorie. Ihm spricht Schmitt eine "seinsmäßige Ursprünglichkeit" zu. Mein Feind definiert erst, wer ich bin. Er stiftet eine stabile Identität: "Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt. Aus diesem Grunde muss ich mich mit ihm kämpfend auseinandersetzen, um das eigene Maß, die eigene Grenze, die eigene Gestalt zu gewinnen." Im Liberalismus verschwindet jedoch der Feind. An seine Stelle tritt der "Konkurrent", der keine Identität zu stiften vermag. Die existenzielle Leere aber, die der globale Neoliberalismus verursacht, lässt den Feind wiederkehren. Sowohl Pegida als auch radikale Muslime teilen die Sehnsucht nach dem Feind. Bei den Islamisten ist der Feind der Westen; bei den "patriotischen Europäern" von Pegida heißt er Islam.

Der globale Neoliberalismus baut immer mehr Sicherheit und Verbindlichkeiten ab. Kein Job ist heute sicher. Niemand fühlt sich noch sicher in diesem rein auf Wettbewerb reduzierten System. Viele sind von diffusen Ängsten geplagt, Angst zu versagen, Angst zu scheitern, Angst, abgehängt zu werden. Die Totalvernetzung erzeugt zwar Verbindungen, die überwacht werden, aber sie baut Beziehungen, ja Nähe und Nachbarschaft radikal ab. Nichts hat Dauer und Bestand. Hier entsteht auch eine Sehnsucht nach dem Verbindlichen, dererer sich sowohl der islamische Fundamentalismus als auch der Rechtsextremismus bedient. Hier kann die erneuerte Linke nichts ausrichten, es sei denn, sie bietet einen linken Fundamentalismus auf.

In einem Interview erzählt der französische Schriftsteller Michel Houellebecq, dass die Todesfälle, die er in kurzer Zeit hintereinander erlebt habe, ein Anlass gewesen seien, seinen Roman Unterwerfung zu schreiben. Sein Atheismus habe den Tod seines geliebten Hundes und seiner Eltern nicht verkraften können. Der Verlust sei für ihn kaum auszuhalten gewesen. Auch der Protagonist seines Romans, François, begibt sich, von einer Sehnsucht nach dem Verbindlichen getrieben, auf Sinnsuche. Der ursprüngliche Titel des Romans sollte nicht Unterwerfung, sondern "Bekehrung" heißen. Im ersten Romanentwurf bekehrt sich der Erzähler zum Katholizismus. In der endgültigen Fassung wendet er sich vom dekadenten, erschöpften Abendland ab und wird Muslim.

Was wir heute brauchen, ist eine andere Lebensform, die aber weder rechts noch links ist, eine Lebensform, die Verbindliches und Verbindendes hervorzubringen vermag, ohne dass es eine Form von Gewalt und Ausschluss annimmt, eine Lebensform, in der auch der Spiritualität jenseits der Esoterik als Therapieform, die nur systemverursachte Schäden repariert, Raum gegeben wird, eine Lebensform, in der ein wirkliches Geben, ein wirkliches Teilen jenseits des sharing möglich wird.

Vielleicht muss dieser neuen Lebensform keine Revolution vorausgehen. Ganz im Gegenteil. In seinem berühmten Kafka-Aufsatz schreibt Walter Benjamin: "Im Bucklichen Männlein hat das Volkslied das Gleiche versinnbildlicht. Dies Männlein ist der Insasse des entstellten Lebens; es wird verschwinden, wenn der Messias kommt, von dem ein großer Rabbi gesagt hat, dass er nicht mit Gewalt die Welt verändern wolle, sondern nur um ein Geringes sie zurechtrücken werde."

Byung-Chul Han lehrt Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste Berlin