Dreihundert Menschen sind ins Kasseler Hotel Reiss gekommen, um Udo Ulfkotte zu hören. Die AfD gibt hier ihren Neujahrsempfang und hat den ehemaligen FAZ-Redakteur als Stargast eingeladen. Die Partei ist der Meinung, sie komme in den Medien zu wenig vor – und viel zu schlecht weg. Ulfkotte soll den Zuhörern nun erklären, warum das angeblich so ist. Medien, Propaganda, Politik: Wer manipuliert uns eigentlich? heißt sein Vortrag.

Ulfkotte hat vor Kurzem ein Buch geschrieben, das den Titel Gekaufte Journalisten trägt. Darin rechnet er mit den deutschen Medien ab und behauptet, viele Reporter seien ferngesteuert und interessengeleitet. Man könne ihnen nicht trauen und sollte sich am besten von ihnen fernhalten. Reihenweise führt Ulfkotte die Namen von Journalisten auf, die angeblich von Politikern, von Vereinen und Stiftungen aus dem In- wie dem Ausland beeinflusst und gelenkt werden. Sein Buch schaffte es in die Bestsellerliste und wird inzwischen in der fünften Auflage verkauft.

Es ist ein Paradox: Der Mann, der sagt, man sollte von den großen Medien lieber die Finger lassen, soll der AfD in Kassel erklären, wie sie sich als Partei in Presse, Funk und Fernsehen besser präsentieren könnte. Ulfkottes Zuhörer sind bereits leicht ergraut, und nachdem Ordner etwa 30 protestierende Gegner aus dem Saal hinauskomplimentiert haben, liegt das Durchschnittsalter bei 60 plus.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 5 vom 29.1.2015.

Mit ein paar Zitaten aus seinem Wikipedia-Eintrag wird der Gastredner vorgestellt. Der 55-Jährige läuft die Stufen zur Bühne hinauf, er trägt klobige schwarze Stiefel, seine rote Paisleykrawatte passt perfekt zur Farbe des Hotelsaals, sein Vortrag weniger zu den Sorgen der AfD-Mitglieder. Denn statt Ratschläge zu erteilen, wie man sich als Partei besser in den Medien präsentiert, erzählt Ulfkotte erst einmal von seiner eigenen Käuflichkeit in den achtziger und neunziger Jahren.

Er habe sich schmieren lassen, sagt er, mit Münzen und Golduhren, er könne sich nicht mehr erinnern, wie viele es waren. Dann schließt er von sich auf andere: "Flächendeckend", sagt er, seien Journalisten mit Geschenken bedacht worden. Kein Wort darüber, dass es sich allenfalls um Einzelfälle gehandelt hat, dass die Regeln viel strenger geworden sind und es inzwischen Verhaltenskodices gibt. Ulfkotte spricht konzentriert, ohne Manuskript. Aber wenn er sich besonders ärgert, macht er zwei Schritte zur Seite und gestikuliert wild herum.

Schließlich kommt Ulfkotte auf die Nöte der AfD zu sprechen. Die Medien seien halt gewinnorientiert, als Wirtschaftsunternehmen müssten sie in erster Linie Umsatz machen. Und dann gebe es natürlich noch die ökonomischen und politischen Interessen der Verlagseigner. Für Ulfkotte folgt daraus, dass eine junge Partei wie die AfD links liegen gelassen oder falsch dargestellt werde.

Natürlich, sagt er, schäme er sich heute für seine eigene Käuflichkeit. "Doch nicht als Udo Ulfkotte habe ich die Bestechungsgeschenke angenommen", sondern als FAZ-Redakteur. Seine Fehler sind also, so könnte man schließen, Ausdruck des systemischen und nicht seines persönlichen Versagens gewesen. Darum nimmt sich Ulfkotte auch das Recht, über frühere Kollegen zu urteilen, die nach wie vor als Journalisten für Medienkonzerne arbeiten. Ihnen, sagt er, dürfe man nicht über den Weg trauen. Stattdessen, rät er der AfD, sollte sie lieber mithilfe des Internets, mit einem eigenen Blog oder einem YouTube-Channel ihre Nachrichten und Meinungen verbreiten. Schließlich habe sich auch die Pegida-Bewegung ohne große Unterstützung von Zeitungen und Fernsehsendern eine Öffentlichkeit verschafft.

Der pauschale Vorwurf wirkt: Ein junger Mann sagt, er sei erschüttert, ein anderer Herr kann das eben Gehörte kaum glauben. Den überregionalen Zeitungen habe er bisher immer vertraut. Aber er glaubt, dass Ulfkotte recht habe, schließlich sei der so viel rumgekommen in der Welt.

Ulfkotte hat nach seiner Zeit bei der FAZ weiter viel geschrieben, vor allem über Geheimdienste, den Untergang des Euro und die angebliche Bedrohung durch den Islam. Mit seiner Frau wohnt er auf einem Bauernhof, sie haben Rinder, Enten, Gänse, Fische, sogar eine eigene Wasserquelle. Sie lieben es autark und erzeugen ihren eigenen Strom. Den Euro nimmt Ulfkotte ungern als Zahlungsmittel, er rechnet lieber in Edelmetallen ab. Gebt uns unsere D-Mark zurück! lautet der Titel eines anderen Buchs, das er mit verfasst hat. Doch hier in Kassel wird er für seinen Vortrag in Euro entlohnt, ausgerechnet die europakritische AfD zahlt mit der verhassten Währung.

Nach einer Stunde Belehrung über käufliche Journalisten und gleichgeschaltete Medien greift ein Zuhörer das Mikrofon und fragt: Die AfD werde nie zu Diskussionen über den Euro eingeladen, "wie können wir endlich in die öffentlich-rechtlichen Medien kommen?"

Nach dem Vortrag bittet ihn der Fotograf der ZEIT um ein Foto, fragt, ob Ulfkotte vielleicht ein paar Gesten machen könne. Als Erstes fällt ihm das Victoryzeichen ein. Dann hält er den Stinkefinger in die Kamera.