Arno Geigers Roman "Selbstporträt mit Flusspferd" ist nur auf den ersten Blick ein klassischer Coming-of-Age-Roman. © Heribert Corn

Klein ist ja relativ. Das Choreopsisis liberiensis – umgangssprachlich Zwergflusspferd – mag neben dem Großflusspferd wie dessen Miniaturausgabe erscheinen. Auf der Arche Noah würde es mit seinen rund 250 Kilogramm dennoch zu den voluminöseren Passagieren zählen. Es entzieht sich ohnehin eindeutigen Zuordnungen, lebt sowohl im Wasser als auch auf dem Land und liebt den Schlamm, jene Substanz, die den physikalischen Zustand des Dazwischen so genau abbildet: zwischen fest und flüssig.

Dass Julian, der Ich-Erzähler des neuen Romans von Arno Geiger, sich ausgerechnet in einem Zwergflusspferd wiedererkennt, ist leicht nachvollziehbar. Denn dieser Julian hängt komplett dazwischen. Er hat seine erste wichtige Liebesbeziehung mit Judith hinter und die Zukunft als ein nebelhaftes Etwas vor sich, dem alles fehlt, was Form und Ziel zu nennen wäre. Seinen Platz in der Welt kennt Julian so wenig wie die Ausdehnung seines auf nicht unkomische Weise zwischen Würmchen- und Elefantengröße schwankenden Egos, das er mit Vorliebe in Relation zu anderen bemisst. Mal schaut er hochmütig auf eine noch unreifere WG-Mitbewohnerin herunter, die im Bademantel ihrer Mutter durch die Küche schlurft. Mal schaut er bewundernd zu gleichaltrigen Partygästen auf, die sich mühelos im Stimmungszentrum tummeln, während er sich als Zaungast am Rand herumdrückt.

Der Hauptgrund für dieses diffuse Gemenge ergibt sich aus Julians Alter: 22. Ist der Wiener Student der Veterinärmedizin ein Jugendlicher? Nicht mehr. Ein wirklich Erwachsener? Noch keineswegs. Was ist er dann? Ein Mensch im Übergang. Ein Wesen in Latenz. Ein vorläufiger Charakter und als solcher eine Herausforderung für seinen bei der Kritik und beim Publikum gleichermaßen erfolgreichen Erfinder. Denn was Geigers Roman Selbstporträt mit Flusspferd trägt, ist weniger die Konstruktion eines Plots als die Darstellung einer Gemütslage. Natürlich ereignet sich auf 280 Seiten so einiges. Natürlich verfügt dieser Roman über einen narrativen Faden und über einen erzählerischen Zeitraum, in dem er sich entrollt. Aber sein eigentliches Bindemittel ist die Wartesaalstimmung der Hauptfigur, dieser quälende Zustand zwischen Ruhelosigkeit und Lethargie.

Es ist der Sommer 2004. In Athen finden die Olympischen Spiele statt. In Wien beginnen die Semesterferien. Für Julian beginnen sie mit der Trennung von Judith und dem Auszug aus der gemeinsamen Wohnung. In der Nähe des Naschmarkts findet er ein Zimmer in einer WG, in der Vorstadtvilla des ehemaligen, schwer kranken Leiters des veterinärmedizinischen Instituts einen nicht ganz gewöhnlichen Ferienjob. Der emeritierte Professor hat ein Zwergflusspferd in seinem Gartenteich aufgenommen, dessen Pflege sich Julian mit seinem leichtlebigen Freund Tibor teilt. Mit Aiko, der französischen Tochter des Professors, fängt er, besser gesagt: sie mit ihm, ein Verhältnis an, das so wenig von Dauer sein wird wie alles andere in diesem Übergangssommer auch. Aiko verschwindet plötzlich nach Paris, das Zwergflusspferd findet im Basler Zoo eine neue Heimat. Ansonsten besucht Julian seine Familie in Vorarlberg, gibt den Partyzaungast, geht mit Freunden schwimmen, prügelt sich, begegnet Judith, trauert um die vergangene Liebe, denkt ausdauernd über sich und die Welt nach, befreundet sich mit dem 250-Kilogramm-Tier und erfreut sich an der "Schönheit dieses rundlichen, schwarzgrünen Geisterwesens".