Auf der westpazifischen Insel Yap gibt es eine traditionelle Währung namens Rai, die eine ungewöhnliche Eigenschaft besitzt. Ihre Einheiten sind keine kleinen Gegenstände wie Münzen, sondern tonnenschwere Steinscheiben aus schwarzem Aragonit. Wenn sie, wie Geld es tun soll, nach einer geschäftlichen Transaktion den Besitzer wechseln, ist es viel zu aufwendig, sie von einem Ort zum anderen zu bewegen. Also wird einfach festgelegt, dass dieser und jener Stein nun dieser und jener Person gehört. Man erzählt eine neue Geschichte über den Stein, und diese wird von allen geteilt. Manche der Rai-Steine liegen sogar auf dem Meeresgrund. Seit Jahrzehnten hat sie niemand mehr gesehen, aber sie befinden sich immer noch im aktiven Zahlungskreislauf.

Geld ist eine gut erzählte Geschichte. Zu seiner Handhabung besitzen wir nur Wörter und deren Auslegung, Vereinbarungen und Vertrauensfragen. Es gab Zeiten, wo konkrete Gegenstände hinter dem Geld standen, etwa das Gold, das aufgrund seiner Begrenztheit Wert besitzt. Heute leben die Währungen der Erde weitgehend unabhängig, emanzipiert, sie sind unwirkliche, postmoderne Wesen, identisch mit ihrer jeweiligen Interpretation und sonst nichts. Was genau sind beispielsweise jene Schulden, für deren Bewältigung die neue Syriza-Regierung in Griechenland ungewöhnliche Wege und Worte zu wählen scheint? Wem genau fehlt das Geld?

Im kleinen Süßigkeitenladen hinter der Hochbahn, schreibt Lawrence Ferlinghetti in einem Gedicht, habe er sich zum ersten Mal in die Unwirklichkeit verliebt: the pennycandystore beyond the El is where I first fell in love with unreality. Als ich den kleinen Bitcoin-Laden an der Ecke, den ich wenige Tage zuvor in meinem Bezirk in Graz entdeckt hatte, betrat, hatte ich eine ähnliche Empfindung: angenehme Unwirklichkeit. In einem Regal stehen Bücher über Geld und Wirtschaftstheorie, und ein kleiner Geldautomat, der Euros schluckt und Bitcoins digital ausbezahlt, wartet in einer Ecke. Ich spreche mit Max und Stefan, den beiden Geschäftsinhabern, beide sind Mitte dreißig und betreiben coinfinity seit etwa einem halben Jahr. Gleich gegenüber befindet sich eine Nachtbar, in der kleinen Gasse gibt es außerdem Antiquitätengeschäfte und Frisöre. Der kleine Bitcoin-Laden besitzt großen Charme, denn sein Anblick ist unerwartet: ausgerechnet in Graz, der Seniorenhauptstadt Österreichs, die immer noch von ihrer Avantgarde-Vergangenheit zehrt. Und ausgerechnet Bitcoins, dieses angeblich "nicht real vorhandene" Internetgeld – nun ist da plötzlich ein wirkliches Geschäftslokal, das man betreten kann. Es wirkt fast wie ein Zaubertrick.

Ob der Laden der einzige in Österreich sei, frage ich. Ja, im Augenblick schon. Was stellen sich die Leute, die hereinkommen, unter Bitcoins vor? Alles Mögliche, sagt Max, es sei wirklich alles dabei, jeder Wissensstand, jeder Teil der Gesellschaft, jedes Alter, jedes Vorurteil. Das Interesse sei insgesamt sehr groß. Einige glauben, der Laden sei eine Filiale der "offiziellen Bitcoin-Firma", was es natürlich nicht gibt. Eine offizielle Firma wäre gerade das Gegenteil des Bitcoin-Grundgedankens, der Dezentralisierung. Die Krypto-Münzen leben, so wie die Rai-Steine von Yap, auf ihrem eigenen Meeresgrund. Man kann sie dort nicht besuchen gehen. Der Meeresgrund heißt "Blockkette", jede virtuelle Münze hat dort ihre Heimat. Die Blockkette ist das Herzstück des Bitcoin-Programms, sie ist die für jeden einsehbare Chronologie aller bisherigen Transaktionen. Niemand "hat" einen Bitcoin zu Hause oder auf seinem Rechner gespeichert. Alles, was ein Bitcoin-Besitzer haben kann, ist eine Geschichte: die Zugangsdaten zu gewissen Bitcoins, den "Privatschlüssel". Diesen kann er verlieren, er kann gestohlen oder leichtsinnig bekanntgemacht werden.