Der jüngste Patient, den der Arzt Franjo Grotenhermen zurzeit mit einem Cannabis-Präparat behandelt, ist vier Jahre alt. Das Kind ist hyperaktiv, taubstumm und blind. Ein Psychiater hatte den Eltern ein Neuroleptikum für die Therapie vorgeschlagen. Aber die Aussicht, ihrem Kind vielleicht bis in die Pubertät ein starkes und nebenwirkungsreiches Psychopharmakon zu geben, schreckte sie ab. Grotenhermen verschrieb das besser verträgliche Dronabinol in geringer Dosis, einen zugelassenen Wirkstoff aus der Gruppe der Cannabinoide. "Drei Tage später riefen die Eltern mich an und sagten, es sei ein Wunder geschehen", erinnert sich Grotenhermen, "der Junge habe zum ersten Mal seit Jahren durchgeschlafen."


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Die medizinische Verwendung der Rauschdroge ist inzwischen akzeptiert. Nicht nur bei Erwachsenen, auch bei Kindern gibt es gute Gründe, Cannabis-Produkte therapeutisch zu nutzen. Bei Schmerzen, bei multipler Sklerose oder auch, wie in Franjo Grotenhermens Praxis, für kleine und größere Patienten mit Hyperaktivität. Seit vergangenem Jahr dürfen drei Schmerzkranke zu therapeutischen Zwecken sogar Hanfpflanzen anbauen. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler (CSU) will den medizinischen Einsatz von Cannabis erleichtern. Die Gesellschaft hat sich an den Gedanken gewöhnt, dass der Stoff hilfreich sein kann.

Im Alltag aber ist der Streit um Cannabis wieder aufgeflammt – zwischen Heranwachsenden und besorgten Eltern wie auch unter Suchtexperten. Die mahnen dringend, dass Kinder und Jugendliche keinen Zugang zu Cannabis haben sollten, weil die Droge so massiv in das Geschehen im heranwachsenden Gehirn eingreift, dass sie die Entwicklung stören und Psychosen auslösen kann.

Doch die Warnungen verhallen weitgehend ungehört. Der Joint gehört (wieder) zum Lifestyle vieler Schüler. Rund sechs Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeigten 2012 nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen ein "auffälliges Konsumverhalten". Führt eine Lockerung des Cannabis-Verbots also zu mehr gesellschaftlicher Akzeptanz – und damit zu mehr Konsum? Gefährdet diese Entwicklung womöglich Jugendliche?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 6 vom 05.02.2015.

Jahrzehntelang galt unter Alltagskonsumenten das Dogma "Cannabis macht nicht abhängig". Dieser Mythos hielt sich unter anderem deshalb so hartnäckig, weil Versuchstiere offenbar nicht von Cannabis abhängig wurden. Während sie andere Drogen gern, oft und in steigender Dosis konsumierten, verhielten sie sich gegenüber dem Rauschkraut indifferent.

Darüber hinaus, so wurde kolportiert, würden Menschen, wenn sie mal eine Zeit lang pausierten, keine dramatischen körperlichen Symptome zeigen – wenigstens keine, die annähernd mit der Dramatik eines Alkohol- oder Heroinentzugs vergleichbar wären. Jahrzehntelang glaubten Cannabis-User, sie kämen jederzeit und problemlos von der Droge los. Doch dieses Paradigma ist gekippt.

Spürbar unangenehme Entzugssymptome

Inzwischen erleiden manche Konsumenten spürbar unangenehme Entzugssymptome: Sie reichen von vermindertem Appetit und Unruhe bis hin zu nächtlichen Schweißausbrüchen, Bauchkrämpfen und Schmerzen. Das Spektrum der Symptome erinnert durchaus an einen Heroinentzug. Wie Opiate wirkt auch Cannabis im Gehirn auf das Belohnungssystem. "Seitdem wir immer stärkeres Cannabis auf dem Markt sehen", sagt Udo Bonnet von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Castrop-Rauxel, "sehen wir auch immer heftigere Entzugssymptome." Heute stecken in vielen Cannabis-Pflanzen bis zu zwanzig Prozent des Wirkstoffes Tetrahydrocannabinol (THC), ein Vielfaches des früheren Gehaltes. Die Hobbyzüchter haben gelernt, dass sie nur die weiblichen Pflanzen aufziehen und ihre Bestäubung dann vermeiden sollten. "Manche Stoffe, die früher die Wirkung abmilderten, sind heute herausgezüchtet", sagt Bonnet, Autor der Behandlungsleitlinie Cannabis.

Mit dem unschuldigen Hippie-Joint der 68er hat der Stoff, dem heute mitunter auch synthetische Cannabinoide beigemengt sind, oft nichts mehr zu tun. Zwar wird behauptet, Jugendliche reduzierten die Dosis entsprechend. Doch Bonnet glaubt nicht recht daran. Die jungen Konsumenten erfänden etwa immer neue Inhalationsmethoden, um ihre Lunge auf einen Schlag mit möglichst viel THC-Rauch zu füllen.

Bei allem Streit um die Liberalisierung des Umgangs mit der Droge sind sich Gegner und Befürworter darüber einig, dass der Konsum zu therapeutischen Zwecken und der im Alltag sehr unterschiedlich bewertet werden müssen. Franjo Grotenhermen ist in Deutschland bekannt als der Arzt, der sich für den medizinischen Einsatz von Cannabis und dessen Inhaltsstoff starkmacht. Im Ausland steht sein Name indes für wissenschaftliche Arbeiten über die Toxikologie und Gefahren von Cannabis. "Ich bin strikt dagegen, dass Jugendliche regelmäßig Cannabis konsumieren", sagt Grotenhermen. Die Probleme der Pubertät mit der Identitätsfindung, den Reibereien mit der Gruppe sollten Jugendliche mit klarem Kopf durchleben, sonst lösten sie diese nicht.

Ansonsten aber sieht der Arzt eher die Chancen einer Liberalisierung, rauchen würden Jugendliche das Kraut ja ohnehin. Grotenhermens Praxis liegt in Rüthen, einer Kleinstadt im Kreis Soest. Wenn dort 15-Jährige mit ihrem Vater vor dem Fernseher gemeinsam ein Bier tränken, trauten sie sich wegen der strafrechtlichen Gefahren nicht, über ihren Cannabis-Konsum zu sprechen. "Eine Liberalisierung könnte das offene Gespräch möglich machen", meint Grotenhermen. Einen Dammbruch befürchtet er nicht. "Die freizügigen Niederlande haben, bezogen auf die Einwohnerzahl, weniger Cannabis-Konsumenten als Frankreich mit seinen restriktiven Gesetzen."

Ulrich Hansel vom Sozialdienst der Fachklinik Fredeburg teilt die Präferenz Grotenhermens für die Liberalisierung. "Wir sehen eine erhebliche Verschiebung von den harten Drogen zum Cannabis", sagt Hansel. Viele der jugendlichen Patienten in der Klinik seien wegen der Cannabis-Beschaffung straffällig geworden und müssen sich einer Therapie unterziehen. "Aber Druck und Therapie passen nicht zusammen", sagt Hansel, "liberalere Gesetze könnten die Situation verbessern."

Grotenhermen erlebt in seiner Praxis vor allem die segensreichen Wirkungen des Cannabis und die negativen Konsequenzen der Prinzipienreiterei. Natürlich gehe es darum, die Kinder möglichst vom Gebrauch der Drogen abzubringen. Das Problem in der aktuellen Diskussion sieht er in einer gleichzeitigen Verharmlosung und Dramatisierung. "Die Psychiater in den Kliniken sehen immer nur die harten Fälle", sagt Grotenhermen, aber es gehe um das gesamte Spektrum der THC-User, um jeden Einzelfall.

"Das Einstiegsalter entscheidet über die Suchtgefährdung"

Rainer Thomasius ist ein solcher Psychiater. Der Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf findet, dass viele Jugendliche mit Cannabis gut umgehen könnten und in sein Haus nur wegen ganz spezieller Probleme kämen. Doch wegen der möglichen gesundheitlichen Schäden, des Suchtpotenzials und der völligen "sozialen Desintegration" seiner Patienten durch Dauerkonsum warnt er eindringlich vor einer Liberalisierung der Gesetze. "Wenn nicht wir die Gefahren im Jugendalter aufzeigen, wer dann? Die Konsumentenverbände bestimmt nicht."

Die möglichen Schäden durch regelmäßigen Cannabis-Konsum im Jugendalter seien gravierend: Es drohe Intelligenzminderung, an manchen Stellen verkümmere die graue und weiße Hirnsubstanz. Besonders betroffen seien die Strukturen, die für das Gedächtnis und die Regulation der Emotionen verantwortlich seien. "Nach vier Jahren starken Konsums stehen 17-, 18-Jährige geistig auf der Stufe von 14-Jährigen und sind völlig labil." Bei drei von vier der 1.600 Patienten, die jährlich in sein Zentrum kämen, sei Cannabis im Spiel, sagt Thomasius. Die Auswirkungen einer Liberalisierung schätzt er daher grundsätzlich anders ein als Grotenhermen.

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"Wir erreichen nur sehr wenig, wenn sich bei den Jugendlichen solche Konsummuster schon etabliert haben und wir erst dann auf sie einwirken", sagt Thomasius. Nach seiner Meinung helfen nur strikte Gesetze als Vorbeugung. Wie beim Rauchen. "Es sind Rauchverbote in der Schule und in der Öffentlichkeit, der Abbau von Zigarettenautomaten, die zu einer Halbierung der Einstiegsquote geführt haben." Heute steigen nur noch 13 Prozent der Jugendlichen in den Tabakkonsum ein, vor zehn Jahren waren es doppelt so viele. "Cannabis sollte auf jeden Fall im Betäubungsmittelgesetz bleiben", sagt Thomasius, "das hat einen hohen generalpräventiven Effekt, gerade für junge Menschen."

Die Vorteile einer restriktiven Gesetzgebung aber werden in der aktuellen Debatte – mit Verweis auf die Niederlande und erste Erfahrungen in den USA – oft bezweifelt. Dabei erhöht laut Studien eine leichtere Verfügbarkeit der Droge tatsächlich die gesellschaftliche Akzeptanz – und den Konsum. In der sogenannten Espad-Studie wurden Schüler aus 36 europäischen Großstädten befragt. In Ländern mit einer liberalen Cannabis-Politik war der Anteil der konsumierenden Schüler erhöht. Besonders hoch war er im drogenliberalen Tschechien, in Spanien, aber auch im strengen Frankreich. Das restriktivere Deutschland liegt im Mittelfeld. Ein weiteres Ergebnis: In den liberalen Staaten beginnen die Kinder besonders früh mit dem Konsum. "Gerade das Einstiegsalter aber entscheidet über die Suchtgefährdung und Suchtentwicklung", sagt Thomasius.

Und was ist mit Grotenhermens Argument, dass in den Niederlanden weniger konsumiert wird als im repressiven Frankreich? "Dieses Argument wird andauernd gebracht", antwortet Thomasius, "vor allem von den Niederländern, die ihre Coffeeshops rechtfertigen." Tatsächlich entziehe sich das Land Umfragen wie Espad und erhebe selbst nur rudimentär Daten über das Konsumverhalten von Jugendlichen.

Aber warum ist in den US-Bundesstaaten, die den Cannabis-Markt erst kürzlich liberalisiert haben, der Verbrauch nicht in die Höhe geschossen? Wahrscheinlich, vermutet Thomasius, habe schon die gesellschaftliche Debatte im Vorfeld der Gesetzesänderung den Verbrauch gesteigert. "Ich bin überzeugt, dass die derzeitige Diskussion auch bei uns den Konsum unter Jugendlichen bereits erhöht. Wir haben seit zwei Jahren ein zunehmendes Cannabis-Problem."

Dass die Entkriminalisierung zu einem offeneren Umgang mit der Droge führe, hält Rainer Thomasius für ein Scheinargument. "Suchtberatung ist überall in Deutschland anonym. Da sehe ich keine Schranken." Ob gefährdete Jugendliche solche Hilfe annähmen, hänge indes vom Vertrauensklima und von der allgemeinen Bereitschaft ab, über Suchtprobleme offen zu sprechen.

Wie aber soll es jetzt weitergehen? Einigkeit herrscht darüber, dass medizinisches Cannabis selbst für Jugendliche verfügbar sein sollte. Die nächste Stufe der Liberalisierung wäre, mehr Patienten zu erlauben, ihr Therapeutikum selbst anzubauen. Möglicherweise aber ist dies bereits die Lücke in der Drogengesetzgebung, durch die Cannabis "entweicht", also zur Alltagsdroge wird.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat gegen einen Richterspruch für den Selbstanbau von Cannabis bereits Berufung eingelegt. Eine krankenkassensubventionierte Abgabe durch Apotheken scheint den Experten deutlich sicherer.

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