Reicht das kurze Flachstück da unten vor dem Lift zum Bremsen? Es muss, ich will noch mal eben den Tacho hochjagen: Ein Blick nach rechts unten im Visier – 75 Stundenkilometer. Die Anzeige leuchtet nicht mehr grün, sie leuchtet rot. Ich gehe noch einmal in die Hocke. Der Hang ist zwar ganz schön steil, aber ich will sehen, wie schnell ich fahren kann. 80 Stundenkilometer. Wenn ich jetzt weiter auf den kleinen Monitor linse, gefährde ich die körperliche Unversehrtheit der drei Holländer vor mir. Der Schnee spritzt auf, ich schwinge ab, schnaufe einmal, zweimal durch – und steige in den Sessellift.

In der österreichischen Skiregion Ski amadé können die Gäste seit diesem Winter mit der Smart Ski Goggle fahren. In Österreich im Allgemeinen und in Skigebieten im Besonderen liebt man Anglizismen – es geht um eine Datenbrille, die während der Fahrt misst, aufzeichnet und anzeigt, wie schnell man ist, wo es zur nächsten Hütte geht, welche Lifte geöffnet sind. Ich habe sie getestet.

Früher hat man ja Sport gemacht, um Sport zu machen, aber die Zeiten sind vorbei. Heute geht man laufen, um die gelaufenen Kilometer mit dem Smartphone zu erfassen. Man fährt Mountainbike, um die gestrampelten Höhenmeter auf Facebook zu posten. Und natürlich macht die Quantifizierung des Selbst auch vor dem Pistenskifahren nicht Halt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 6 vom 05.02.2015.

"Wir wollen unter den Skigebieten der Vorreiter in Sachen Innovation sein", sagt Christoph Eisinger, Managing Director von Ski amadé. Er tut das mit einer Stimme, die nach grauem Loden und grünen Tannenzweigen klingt – melodisches Salzburgerisch eben. Der Skiverbund, der mit 760 Pistenkilometern, 270 Liften und 260 Skihütten in Salzburg und der Steiermark für sich reklamiert, Österreichs größter zu sein, hat schon vor Jahren begonnen, WLAN-Sender an Liftstationen, Hütten und Aussichtspunkten zu installieren. Dann ließ man eine App programmieren, die auf dem Smartphone die zurückgelegten Pistenkilometer misst und die dabei verbrauchten Kalorien berechnet. Und diesen Winter – oder wie Eisinger sagen würde: heuer – kommt eben die Datenskibrille.

Nicht nur die Piste, sondern auch das Display fest im Blick © Ski amadé

Im Hotel Bergheimat in Mühlbach am Hochkönig gibt es beim Frühstücksbuffet Butter vom Bauern nebenan, Salami von einheimischer Gams und eine Einführung: So schaltet man die Brille ein. So klettet man das Armband mit der Fernbedienung auf die Jacke. Und so frickelt man sich den briefmarkengroßen Datenmonitor über ein Gummigelenk im Brillenrand genau so zurecht, dass die Informationen lesbar sind, wenn sie lesbar sein sollen – und dennoch bei der Fahrt nicht stören.

Na dann: Brille auf den Helm, Helm auf den Kopf. Im Taxi zur Karbachalmbahn ziehe ich mir schon mal die Brille über die Augen, ein erster Test. "Sie fahren jetzt 44 Stundenkilometer", sage ich. "Und jetzt 48." Der Taxifahrer staunt. Ich stiere durch die Brille. Eine Kurve, der Taxifahrer bremst. "Jetzt fahren Sie 32." Und weil ich so schön in Fahrt bin, ergänze ich: "Der Wind kommt heute aus West bis Nordwest mit 4 Stundenkilometern, die Temperatur liegt im Tal bei minus 7, am Berg bei 0 Grad." Der Taxifahrer schweigt. Wahrscheinlich grübelt er darüber, ob ein Genie oder ein Wahnsinniger neben ihm sitzt.