Klar verursacht ein Dispokunde ein paar Kosten. Ab und zu kann einer auch mal seinen Kredit nicht mehr bedienen. "Das kalkulieren wir alles ein – genauso wie den Gewinn, den wir auch machen müssen", sagt Bernhard Soeken, Chef der genossenschaftlichen PSD Bank Berlin-Brandenburg. Trotzdem habe sein Institut als Direktbank "noch nie einen zweistelligen Dispozins verlangt. Das fänden wir unseren Kunden gegenüber unfair." Aktuell verlangt seine Bank 6,49 Prozent. "Angemessen", sei das, findet Soeken.

Wie hoch darf der Dispozins sein – also der Zins, den Banken ihren Kunden aufbürden, wenn deren Konto ins Minus rutscht? Über diese Frage tobt seit Jahren ein Streit. Im Sommer 2013 zeigte eine Leserumfrage von ZEIT und ZEIT ONLINE (ZEIT Nr. 29/13), dass republikweit viele Banken für einen Dispokredit* horrende Zinsen verlangten, teils mehr als 13 Prozent. Und das, obwohl der Leitzins der Europäischen Zentralbank, zu dem sich Banken selbst Geld besorgen können, schon damals nahe null lag.

Als kurz darauf auch die Stiftung Warentest erschreckende Zahlen zutage förderte, war das Maß voll. Kritiker riefen "Abzocke" und forderten eine gesetzliche Obergrenze. Heiko Maas, der Ende 2013 für die SPD an die Spitze des Verbraucherministeriums rückte, griff die Empörung auf: "Wegen der noch immer sehr hohen Dispozinsen kann ein dauerhaft überzogenes Girokonto für viele Kunden zur Schuldenfalle werden", beklagte er – und legte im Dezember einen Gesetzentwurf vor. Von einer Deckelung ist darin indes nicht die Rede. Stattdessen sollen Banken künftig ihre Zinssätze für Dispokredite auf der Homepage veröffentlichen. Zudem sollen sie ihre Kunden über Alternativen informieren, wenn diese den Dispo länger als drei Monate in Anspruch nehmen oder das Konto mit einem Betrag überziehen, der den durchschnittlichen monatlichen Geldeingang übersteigt.

Bleibt am Ende doch alles beim Alten? War der Aufschrei umsonst?

Oberflächlich betrachtet, ja. Noch im Herbst kritisierte die Stiftung Warentest, dass nur 250 von 1.500 untersuchten Banken ihren Dispozins "deutlich" gesenkt hätten – also um mehr als einen Prozentpunkt. Auch der Verbraucherzentrale Bundesverband konstatierte, dass der Dispozins teils noch immer bis zu 14 Prozent betrage. Und wieder war von "Abzocke" die Rede, die "unverschämt" sei. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass sich die Situation für Millionen Kunden verbessert hat und die Debatte um den Dispo offenbar Wirkung zeigt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 6 vom 05.02.2015.

So sind unter den 250 Banken, die laut Stiftung Warentest ihre Konditionen "deutlich" verbessert haben, viele große Onlinebanken mit breiter Kundenbasis: etwa die ING Diba, die aktuell 7,75 Prozent verlangt, die DKB oder Santander. Es profitieren also deutlich mehr Menschen, als der geringe Anteil der Banken es vermuten ließe. Zu diesem Schluss kommt auch der Finanzierungsexperte Peter Barkow von Barkow Consulting. Er hat auf Basis von Daten der Deutschen Bundesbank die Marktentwicklung umfassend analysiert und seine Ergebnisse der ZEIT bereitgestellt.

Barkow zufolge ist die Marge, die Deutschlands Banken mit dem Dispo verdienen, in den vergangenen Monaten geschrumpft – zum ersten Mal seit mehreren Jahren. Dabei geht es um das, was die Banken auf ihre eigenen – derzeit sehr niedrigen – Refinanzierungskosten draufschlagen. Diese Marge liegt zwar immer noch bei stolzen 8,96 Prozentpunkten, aber das sind rund 0,3 Prozentpunkte weniger als im Sommer 2013. Um auf den Bankengewinn zu kommen, müsste man noch die Risikoprämie für mögliche Ausfälle oder auch die Kosten des operativen Geschäfts abziehen, doch diese liegen natürlich jeweils nur intern vor.

Nach den Daten der Bundesbank, die den Zinssatz einer großen Bank stärker berücksichtigen als den einer kleinen, verlangen Banken im Schnitt derzeit 9,1 Prozent Dispozins. Das ist weiter viel, aber so wenig wie lange nicht mehr. Auch laut der Finanzberatung FMH sind die Dispozinsen erstmals seit dem Beginn ihrer Erhebung 1998 im Mittel unter zehn Prozent gesunken, von in der Spitze mehr als 12,5 Prozent. "Das ist zwar nicht sehr viel", sagt FMH-Expertin Sigrid Herbst. Es zeige aber, dass die Institute die Diskussion ernst nähmen. Auch Vorstandschef Soeken von der Berliner PSD Bank glaubt, das öffentliche Bashing "hat manche Banken motiviert, ihre Konditionen anzupassen". Früher habe sich der Dispozins "in einer völlig anderen Welt bewegt", oft deutlich über zehn Prozent, dass könnten sich "immer weniger Banken erlauben". Zu diesen zählen offensichtlich die Commerzbank, die 11,25 Prozent verlangt, und die Deutsche Bank mit bis zu 11,70 Prozent.