Am Mittag des 23. April 2007 glaubte Eberhard Weber noch, er sei ein gesunder Mann. Es fiel ihm allerdings auf, dass er beim Gehen sein linkes Bein ein wenig nachzog. Er bückte sich, um seine Schuhsohle zu untersuchen: War er in einen Kaugummi getreten? Nein, kein Kaugummi. Am Abend sollte Weber in der Berliner Philharmonie mit der Jan Garbarek Group ein Konzert geben, also fuhr er zum Soundcheck ins Konzerthaus und griff nach seinem Bass. Aber seine linke Hand war zur Feinmotorik nicht mehr in der Lage.

Weber, einer der stilbildenden Bassisten des Jazz, hatte an diesem Tag einen Schlaganfall erlitten. Das Konzert fand am Abend ohne ihn statt. Er stand seitdem auf keiner Bühne mehr, seine Karriere war vorbei. Man muss diese Vorgeschichte erzählen, um klarzumachen, welch außerordentliches Fest jetzt in Stuttgart stattgefunden hat. Seit dem letzten Wochenende ist Weber wieder da. Mit kleinen, schiebenden Schritten betritt er, linksseitig gelähmt, die Bühne des Theaterhauses und nimmt auf einem Drehstuhl Platz. Im Saal erhebt sich das Publikum und applaudiert, minutenlang.

Das Land Baden-Württemberg hat Weber zu dessen 75. Geburtstag einen Preis, den Jazz-Sonderpreis für sein Lebenswerk, verliehen; und es hat, gemeinsam mit lauter großartigen Musikern, symbolisch den zeitlichen Abgrund überbrückt, der sich in Webers Leben auftat – den Abgrund zwischen der Gegenwart und jenem 23. April 2007.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 6 vom 05.02.2015.

Auf der Bühne spielt eine Bigband, mehr als zwanzig Männer, die von einem Riesen überragt werden. Dieser Riese ist Weber selbst, der virtuelle Bassist der Band; sein Spiel ist, überlebensgroß, auf einer Filmleinwand zu sehen, und die Akkorde, die er spielt, sind Jahrzehnte alt. Es sind Klänge und Bilder aus tiefer Vergangenheit, denen die anderen sich unterordnen. Webers Kollege und Weggefährte Pat Metheny, seit Jahrzehnten der populärste und rastloseste Gitarrist des Jazz, hat alte Filmaufnahmen von Konzerten Eberhard Webers gesichtet und präpariert. Um ausgewählte Sequenzen hat er eine Jazzsinfonie mit dem Titel Inspired sozusagen herumkomponiert, sodass die Bigband des Südwestdeutschen Rundfunks, gelenkt von Metheny und unterstützt von anderen legendären Weber-Freunden wie Gary Burton (Vibrafon), Paul McCandless (Saxofon), Michael Gibbs (Arrangement), Danny Gottlieb (Schlagzeug) und eben auch Jan Garbarek (Saxofon), nun, zu Füßen der Leinwand, Webers Bassläufen folgt und Methenys Stück spielt. Ein Beschwörung der vergangenen Zeit, aber auch ein großes Fest des Augenblicks.