DIE ZEIT: Wenn Menschen Ihr Buch kaufen, um eine perfekte Formel für die Liebe zu finden, werden sie ziemlich enttäuscht sein, oder?

Edward Frenkel: In der Tat. In meinem Buch geht es eher darum, dass Mathematik und Liebe zwei Pfeiler der Menschlichkeit sind. Keiner kann den anderen ersetzen.

ZEIT: Über Ihr Liebesleben lernen wir in dem Buch, immerhin ein New York Times-Bestseller, nicht viel. Ein Zitat: "Die angewandte Mathematik war meine Ehefrau und die reine Mathematik meine heimliche Geliebte."

Frenkel: Ich vergleiche auch meine erste mathematische Entdeckung mit dem ersten Kuss.

ZEIT: Jeder, der seine Arbeit mit Leidenschaft macht, liebt sie auch. Ein Bäcker könnte ein Buch schreiben mit dem Titel Liebe und Brot.

Frenkel: Stimmt. Aber bei den Leuten ist die Überraschung größer, dass ein Mathematiker sein Thema lieben kann. In der Populärkultur werden Mathematiker für gewöhnlich als Männer porträtiert, die mit wirrem Gesichtsausdruck auf eine Formel starren. Ich möchte erklären: Was entfacht unsere Leidenschaft, was treibt unsere Arbeit an?

ZEIT: An einer Stelle in Ihrem Buch schreiben Sie über das erste wichtige mathematische Problem, das Sie gelöst haben: "Seit dieser Zeit versuche ich, mich nicht mehr so tief in einem mathematischen Problem zu verlieren."

Frenkel: Ich war damals 18 Jahre alt, Studienanfänger, und bekam ein ungelöstes Forschungsproblem gestellt. Ich litt unter großen Ängsten, betrachtete diese Aufgabe als Prüfstein dafür, ob ich wirklich Mathematiker werden könnte. Ich begann unter Schlafstörungen zu leiden. Ich war übereifrig – aber dann, bei einer Zugfahrt, traf mich die Lösung wie ein Blitz, es war wie eine Offenbarung. In diesem Moment begriff ich, dass es kontraproduktiv ist, wenn man sich zu sehr auf ein Problem konzentriert.