Mehr Kitaplätze – aber gute © Matt Cardy/Getty Images

Mehr Kitaplätze! Darauf können sich eigentlich alle einigen. Mehr Kitaplätze, das wünschen sich laut Umfragen Mütter wie Väter in Deutschland. Und mehr Kitaplätze, dafür sind, mit wenigen Ausnahmen, eigentlich auch fast alle Politiker.

Mehr Kitaplätze, das ist so etwas wie der Heilige Gral der deutschen Familienpolitik. Wenn wir erst mehr Kitaplätze haben, oder womöglich sogar genug, dann, so geht die Vorstellung, wird Deutschland quasi über Nacht zum Familienparadies. Dann können alle Kinder zwischen einem und sechs Jahren betreut werden, dann können Väter und Mütter mehr arbeiten, dann lassen sich plötzlich Familie, Beruf und Liebe ganz wundersam vereinbaren, der Stress verschwindet, das Chaos lichtet sich, die Gleichberechtigung schreitet voran, das Land wird lebenswerter und gerechter.

Es ist diese nur wenig übertriebene Heilserwartung, die vor anderthalb Jahren dazu führte, dass die Bundesregierung einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz beschloss, für jedes Kind in Deutschland. Und es ist dieselbe Stimmung, die nun einem Urteil des Landgerichts Leipzig eine Menge Aufmerksamkeit verschafft: Die Stadt Leipzig soll zur Zahlung von einigen Tausend Euro Schadensersatz verpflichtet werden, weil sie nicht genug Kitaplätze zur Verfügung gestellt hatte.

Geklagt hatten drei Familien, deren Kleinkinder nicht untergebracht werden konnten und daher länger von ihren Eltern, konkret: von ihren Müttern betreut werden mussten. Die blieben deshalb zu Hause, konnten nicht arbeiten, also auch nichts verdienen. Die Leipziger Richter entschieden nun, dass die Stadt den Müttern ihren Verdienstausfall erstatten müsse. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig, und noch ist auch unklar, ob es eine Klagewelle anderer Eltern nach sich ziehen wird, die in einer ähnlichen Situation sind. Letztlich aber ist das vermutlich auch gar nicht so wichtig.

Denn das Urteil von Leipzig ist als Signal an Deutlichkeit kaum zu übertreffen: Ein Staat, der seinen Bürgern einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz ins Gesetz schreibt und diesen Anspruch nicht erfüllt, muss dafür geradestehen. Und zahlen. Allein die Aussicht, mit solchen Klagen konfrontiert zu werden, wird die Zuständigen in Städten und Gemeinden ermuntern, noch rascher noch mehr Plätze zu schaffen.

Ist das Urteil also richtig? Sicher, es treibt die Logik der Kitapolitik konsequent weiter. Es gibt jedoch auch ein Aber, und kein kleines.

Bei allem Starren auf Planziffern und Sollerfüllung nämlich gerät leicht aus dem Blick, dass es mindestens so sehr wie auf die Zahl der Kitaplätze auf deren Qualität ankommt. Will sagen: auf die Ausstattung der Kitas, auf das Verhältnis zwischen Kindern und Erziehern, auf das liebevolle Engagement der Betreuer. Und da ist eben längst nicht alles gut, sosehr auch die Politik in Berlin von der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf säuseln mag.

In einer großen Studie hat die Bertelsmann Stiftung im vergangenen Sommer untersucht, wie es in den einzelnen Bundesländern in den Kitas zugeht. Die Wissenschaftler empfahlen, dass bei den unter Dreijährigen eine Erzieherin oder ein Erzieher für höchstens drei Kinder zuständig sein solle. Nur dann hätten sie wirklich Zeit, mit den Kleinen zu sprechen, sie mal in den Arm zu nehmen – und auch ihre Windeln schon dann zu wechseln, wenn sie gerade erst vollgemacht worden sind. Tatsächlich aber müssen sich die Erzieher in den bundesdeutschen Kitas um viel mehr Kinder kümmern: In Sachsen-Anhalt, Sachsen und Brandenburg zum Beispiel sind es sieben Kleine, die von einem Erwachsenen gleichzeitig umsorgt werden sollen. Und das ist nur die durchschnittliche Quote. In Wahrheit sind die Zahlen viel höher, weil die Erzieher ja auch mal krank werden oder Urlaub haben.

Mindestens 120.000 Erzieher und Erzieherinnen müssten laut der Bertelsmann-Studie bundesweit zusätzlich eingestellt werden. Fünf Milliarden Euro würde das kosten. Aber dieses Geld wollen die Politiker nicht ausgeben – und kein Gericht wird sie einstweilen dazu zwingen. Ausbaden müssen das: die Kinder.