Sie wollen Deutsch lernen, deshalb sind die vier jungen Menschen an diesem Dienstagabend in das Reihenhaus nach Harburg gekommen, zwei Inder, eine Ukrainerin, ein Somalier. Sie sitzen im Kreis und reden über ein richtig deutsches Thema: "Abfallwirtschaft". Die Ukrainerin hat einen Vortrag vorbereitet, sie erzählt von Wiederverwertung, Recycling, Verwertungsverfahren. Am Schluss sagt sie: "Am besten ist es natürlich, Müll zu vermeiden."

Die Lehrerin dreht sich zu dem Mann aus Somalia um: "Etwas vermeiden, was heißt das denn, Khaleed?" Er stockt.

"Was vermeidest du denn, wenn es geht?", hilft die Lehrerin nach. Kurz überlegt Khaleed. "Streit", sagt er dann. "Streit versuche ich immer zu vermeiden."

Khaleed heißt im wahren Leben anders, aber seinen richtigen Namen will er nicht nennen. Er will sich schützen. Denn als Khaleed vor vier Jahren nach Hamburg kam, ohne seine Eltern, war er erst 16. Ein minderjähriger unbegleiteter Flüchtling. Über minderjährige unbegleitete Flüchtlinge schreibt die Mopo: "Gangster-Teenies: Hamburg total hilflos".

Bild titelt: "Polizei nimmt junge Flüchtlinge ins Visier".

Das Abendblatt : "Flucht in die Kriminalität".

Die Stadt hat ein Problem: minderjährige unbegleitete Flüchtlinge, die Autos knacken, die einbrechen, Polizisten angreifen, stehlen, treten, ausflippen. Von den 1300 minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen, die in Hamburg leben, sind das rund 50. Über diese Tatsache lässt sich nicht streiten. Es lässt sich aber streiten über die Frage, wie groß das Problem eigentlich wirklich ist – gerade jetzt, im Wahlkampf. Die CDU macht sich für das Thema stark, minderjährige Flüchtlinge würden die Stadt terrorisieren, heißt es. Die SPD will das Thema kleinhalten. Und zwischen den Parteien stehen die Betroffenen:

Bürger, die drangsaliert werden.

Sozialarbeiter, die an ihre Grenzen geraten.

Polizisten, attackiert von kriminellen Kindern.

Und natürlich die jugendlichen Flüchtlinge selbst. Denn wenn nicht einmal vier Prozent von ihnen kriminell sind – dann sind da immer noch 96 Prozent, die versuchen, anzukommen, sich zu integrieren, Deutsch zu lernen. Wörter wie "Abfallwirtschaft" auszusprechen.

Flüchtlinge wie Khaleed.

Aber selbst Khaleeds Geschichte ist nicht einfach gut. Wer in diesen Tagen durch Hamburg fährt, den Sorgen und Ängsten hinterher, der merkt schnell, dass im Verhältnis von Hamburg und seinen minderjährigen Flüchtlingen nichts nur gut ist. Und nichts einfach. Und nichts ist einfach nur schlecht. Jedenfalls dann nicht, wenn mal alle zu Wort kommen.

Es ist Dienstagmorgen, acht Uhr, in der Bibliothek der Technischen Universität Harburg. Khaleed läuft zwischen den Regalen entlang, einen Stapel Bücher im Arm. Er sortiert sie ein, schiebt sie zusammen, so, dass sie akkurat in einer Reihe stehen.

Khaleed, 20, schafft Ordnung. Das ist sein Job. Er hilft, wenn Studenten Fragen haben. Er holt Bücher aus dem Magazin. Er schreibt Mahnungen an die, die Bücher nicht zurückgeben. Khaleed war ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling, jetzt ist er Auszubildender in der Bibliothek der TU Harburg. Er hat geschafft, was Einwanderungsländer von Einwanderern fordern: Er hat einen Platz gefunden. Hat eine Arbeit. Hat eine Wohnung. Hat Freunde, von denen die meisten aus Somalia sind, seiner Heimat.

2010, da ist er 16, sitzt er mit seinen Eltern in ihrer Hütte. Ein kleines Dorf, 90 Kilometer von Mogadischu, der Hauptstadt, entfernt. Khaleed ist das älteste von fünf Kindern. Er müsste zum Militär, bald, doch in seinem Land morden islamische Extremisten. Die Familie beschließt: Khaleed soll fliehen. Er zieht los, von Mogadischu nach Dschibuti. Von Dschibuti nach Syrien. Von Syrien zu Fuß in die Türkei. Nach Griechenland auf einem kleinen Boot. In Griechenland kommt er ins Gefängnis. Drei Monate und 16 Tage, ein paar Quadratmeter, mit zehn Leuten. Er flieht weiter. Italien. Dänemark. Norwegen. Er stellt einen Asylantrag. Wird abgelehnt. Will nach Holland. Steigt in Hamburg um. Polizisten fragen ihn nach seinem Ausweis. Hat er nicht. Er wird untersucht. Ein Mann und eine Frau vom Jugendamt kommen. Bringen ihn in eine Jugendwohnung in die Feuerbergstraße.

An den Ort, der in den vergangenen Wochen zum Synonym für marodierende Jugendliche geworden ist.

Die Feuerbergstraße ist eine ruhige Straße, gesäumt von Einfamilienhäusern mit Blumengestecken hinter den Fenstern und gepflegten Vorgärten. Über manchen weht eine Deutschlandfahne. An einem Ende mündet die Straße in eine Brücke, die über Bahnschienen führt. Dahinter, auf der linken Seite, ragt das Gebäude des Kinder- und Jugendnotdienstes (KJND) auf, drei Stockwerke hoch, Backstein, weiß gerahmte Fenster. Der KJND kümmert sich um minderjährige unbegleitete Flüchtlinge, MUFs, wie sie in der Behördensprache heißen.

Was hier in den vergangenen Wochen geschah, hat den Streit zwischen den Parteien eskalieren lassen.