Lange Zeit hatte die Forschung propagiert, wer optimistisch in die Zukunft blicke, sei gesünder und würde dementsprechend älter. Umso überraschender, als es vor zwei Jahren hieß: "Pessimisten leben länger." Zu diesem Ergebnis gelangte jedenfalls eine Untersuchung, die von vielen Medien genüsslich aufgegriffen wurde: Schwarzmaler durften sich wissenschaftlich bestätigt fühlen. Selbst im Streiflicht der Süddeutschen Zeitung tauchte die Studie auf – natürlich im Rahmen einer ironischen Würdigung des Pessimismus.

Doch stimmt die Sache überhaupt? Oder haben die Forscher unsauber gearbeitet? Diesen Vorwurf erheben jedenfalls jetzt zwei Wissenschaftler: Das aufsehenerregende Ergebnis beruhe auf einem Mangel in der Statistik, die Autoren der Studie hätten einen wichtigen Faktor übersehen. Von einem Langlebigkeitseffekt für Pessimisten, so die Kritiker, könne keine Rede sein.

So weit, so schlecht. Das ist eben der Gang der Wissenschaft, könnte man sagen: Ein Ergebnis wird veröffentlicht und daraufhin von der Forschergemeinde kritisch diskutiert. Dumm nur, dass diese Debatte gar nicht stattfinden kann. Denn keine Fachzeitschrift fand sich bisher bereit, die kritische Gegenmeinung zu publizieren. Widerspruch scheint nicht erwünscht zu sein.

Damit wirft dieser Fall wieder einmal die grundsätzliche Frage auf: Wie geht die Forschung mit Kritik und abweichenden Ergebnissen um? Wie ist es um die "Selbstreinigungskraft" der Wissenschaft bestellt, die so gern zitiert wird? In den vergangenen Jahren bekam das Idealbild der sich selbst korrigierenden Erkenntnismaschine immer mehr Kratzer: Es häuften sich die Belege, dass Gutachter von Fachzeitschriften viele Fehler übersehen und dass Forscher, die auf Mängel aufmerksam machen, als Nervensägen gelten. Fehlerhafte Studien werden, wenn überhaupt, möglichst diskret zurückgezogen. Überholte Erkenntnisse kursieren deshalb munter weiter (ZEIT Nr. 1/14).

Insbesondere in der Psychologie ist die Qualität der Forschung derzeit ein heißes Thema. Der Skandal um den Sozialpsychologen Diederik Stapel, der Dutzende Publikationen manipulierte und in vielen Fällen sogar Daten frei erfand, entzündete die Debatte. Angefacht wurde sie, als sich eine Reihe von Ergebnissen aus wichtigen Studien des Feldes nicht bestätigen ließen. Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman warnte daraufhin, die gesamte Fachrichtung werde "gegen die Wand fahren". Gerade in der Psychologie müssten also Forscher und Herausgeber von Fachzeitschriften besonders sensibilisiert sein – sollte man meinen. Der Streit um die Lebensdauer von Pessimisten weckt daran allerdings Zweifel. Doch von Anfang an:

Die Behauptung

Frieder Lang hat eine Hypothese: Weil Pessimisten weniger zuversichtlich in die Zukunft blicken, geben sie mehr auf sich acht und leben daher auf lange Sicht gesünder als Optimisten. Ein interessanter Gedanke. Um ihn zu prüfen, nimmt der Leiter des Instituts für Psychogerontologie an der Universität Erlangen-Nürnberg eine Studie in Angriff. Dazu tut er sich mit Kollegen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zusammen, die das sogenannte Sozio-oekonomische Panel (Soep) erheben.

Seit 1983 werden dazu jedes Jahr dieselben Teilnehmer befragt – etwa wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind und welche Zufriedenheit sie in fünf Jahren erwarten. Ebenso werden Alter, Geschlecht, Bildung, Einkommen und der selbst eingeschätzte Gesundheitszustand erfasst sowie das Sterbealter. Das Soep liefert damit einen wertvollen Datenschatz für Forscher aller Fachrichtungen.

Frieder Lang nutzt ihn, um die Befragten in Optimisten und Pessimisten einzuteilen. Die Ersteren überschätzen ihre zukünftige Zufriedenheit, die Letzteren unterschätzen sie. Als er dies mit dem Sterbealter vergleicht, zeigt sich: Pessimisten leben offenbar länger. Ein schönes Ergebnis, das im Fachjournal Psychology and Aging veröffentlicht und in einer Pressemitteilung medienwirksam verkündet wird.