Diese Welt kann einem Angst einjagen! Das empfinde ich als Außenminister genau wie Sie. Denn Krisen und Gewalt wüten allerorten: in Libyen, Syrien, im Irak – und auch bei uns in Europa. Vor wenigen Wochen erst haben islamistische Attentäter unsere französischen Freunde und Nachbarn heimgesucht. Ja, die Zukunft ist ungewiss. Werden wir künftig Arbeit haben? Werden wir in Frieden leben?

Weil diese Fragen so schwierig sind, sehnen wir uns nach einfachen Antworten! Ich selber kenne diese Sehnsucht aus meiner Arbeit. Nach so manchem zermürbenden Ukraine-Krisengespräch wünschte ich mir einfache Lösungen. Doch die gibt es nicht.

Momentan mangelt es nicht an Demagogen, die uns etwas anderes vorgaukeln. Wer nach Orientierung sucht, den locken viele einfache, drastische Antworten – in Tunis, in Berlin, in Dresden und in den Untiefen des Internets. Manche Menschen rufen: "Die Politiker sind an allem schuld!" Andere rufen: "Die Medien sind schuld!" Leider rufen manche Deutsche: "Die Muslime sind schuld, sie haben bei uns in Europa nichts verloren!" Und Islamisten rufen: "Die Ungläubigen sind schuld – sie musst du bekämpfen!" Ich finde es erschütternd, dass viele junge Menschen ihre Ohren öffnen für diese Lockrufe. Im schlimmsten Fall öffnen sie auch ihre Herzen für die Gewalt.

Alle diese Lockrufe aber haben eines gemeinsam: "Die anderen sind schuld!" Das ist der Kern der einfachen Antworten: der Lockruf der Feindbilder. Doch Feindbilder sind falsch und gefährlich. Sie passen nicht in eine Welt, die selten schwarz oder weiß ist, sondern meist in Graustufen verschwimmt. Wer mithilfe der Religion Feindschaft schürt, liegt genauso falsch wie der, der eine Religion zum Feind erklärt. Wer mithilfe der Religion Menschen aufhetzt, tut genauso übel daran, wie der, der Menschen gegen eine Religion aufhetzt!

Feindbilder sind wie Strohfeuer – so hat es der Psychologe Dan Bar-On in seinem Buch Die "Anderen" in uns gesagt. Sie sind grell und lodern hoch auf. Sie mögen uns kurzfristig aufheizen, aber langfristig setzen sie das eigene Haus in Brand!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 6 vom 05.02.2015.

Mein Feld ist die Außenpolitik. Dort besonders müssen wir uns vor Selbstüberschätzung hüten, in Zeiten von globalen Krisen erst recht. Mir persönlich ist über die Jahre ein Prinzip immer wichtiger geworden: Hüte dich vor einfachen Antworten. Wer die Welt durch krude Schablonen sieht, wird nur krude Antworten geben. Ich glaube: Religion, die in öffentlichen Debatten oft zum Polarisieren missbraucht wird, lehrt uns das Gegenteil, nämlich Toleranz angesichts des Ungewissen. Schließlich heißt es im Koran wie in der Bibel: Gott hat die Welt und die Menschen in ihrer Vielfalt geschaffen. Und in dieser Vielfalt haben wir einander zu achten.

Im Arabischen, so habe ich mir erklären lassen, kommt das im Begriff tassāmuch zum Ausdruck. Und im Christentum bringt Petrus das Gebot der Achtung vor anderen auf die knappe Formel: "Ehret jedermann!" – Das heißt: nicht nur die Christen.

Wohl kein Ort der Welt ist vor dem Terror sicher. Zu Recht hat der UN-Sicherheitsrat die Terrorgruppe "Islamischer Staat" als weltweite Gefahr eingestuft. Aber gleichzeitig wissen auch wir Europäer, dass niemand so furchtbar heimgesucht wird vom Terrorismus wie die islamische Welt selbst. Studien sagen, dass über 80 Prozent der Opfer islamistischer Gewalt in den letzten Jahren Muslime waren.

Es steht außer Frage: Der islamistische Terror ist unser gemeinsamer Feind – und wir sollten kein Treffen zwischen arabischen und europäischen Staaten vergehen lassen, bei dem wir nicht auch beraten, wie wir gemeinsam gegen diesen Feind vorgehen. Das heißt: Zusammenarbeit unserer Sicherheitsbehörden, Austausch von Informationen, Sicherung der Grenzen.

Doch am Ende sind nur solche Gesellschaften sicher, die auch im Inneren stabil sind. Ja: Es gibt friedliche Wege, um Spannungen in der Gesellschaft auszutragen. Straftäter müssen mit den Mitteln des Rechtsstaats verfolgt werden. Und Bürger sollten Vertrauen haben in Polizei, Militär, Justiz – die dieses Vertrauen auch rechtfertigen müssen.

Schauen wir auf das konkrete Thema foreign fighters. Die Bedrohung ist immens – für Tunesien und für Deutschland, für den Maghreb und für Europa. Wir gehen davon aus, dass allein aus Deutschland über 500 und allein aus Tunesien über 2.000 Islamisten in die Kampfgebiete in Syrien und im Irak gereist sind. Wir müssen zusammenarbeiten, um dieser Gefahr zu begegnen, insbesondere nach der Heimkehr dieser Kämpfer. Deshalb ist die Kooperation unserer Sicherheitsbehörden wichtig. Doch egal, wie viel Geld und Aufwand wir in den Sicherheitsapparat investieren: Nicht jeden radikalisierten Bürger werden wir überwachen können.

Also müssen wir uns dem Problem stellen: Wie kann es sein, dass so viele junge Menschen, die mitten unter uns aufgewachsen sind, von Hasspredigern in ihren Bann gezogen werden? Und vor allem: Wie holen wir diese jungen Menschen zurück in die Mitte der Gesellschaft? Deswegen ist der interkulturelle und interreligiöse Dialog so wichtig. Und deshalb können wir über Sicherheit nicht sprechen, ohne über das Herz unserer Gesellschaft zu sprechen: Demokratie und Zivilgesellschaft.

Religion kann die Demokratie fördern

Die demokratischen Strukturen – Parlament, Regierung, öffentliche Behörden – sind nur das Skelett der Demokratie. Doch auf Fleisch und Blut kommt es an! Wirklich lebendig ist eine Demokratie erst, wenn jeder Einzelne das Gefühl hat, dazuzugehören, gehört zu werden. Nur wer sich in der Mitte der Demokratie aufgehoben fühlt, ist immun gegen die Lockrufe der Radikalen. Demokratie ist nicht nur eine Staatsform, sondern ein Lebensprinzip. Wie sie von der Staatsform zum Lebensprinzip wird, dafür gibt es kein Patentrezept, den Weg muss jedes Land selbst finden. Eine blutjunge Demokratie wie Tunesien genau wie eine noch ziemlich junge Demokratie wie das wiedervereinte Deutschland.

Wie aber verhalten sich Religion und Demokratie zueinander? Diese Frage ist die schwierigste und wichtigste. Nach der Aufbruchstimmung des Arabischen Frühlings kommt es jetzt auf den Beweis im Alltag an: dass in einem Land wie Tunesien jeder frei leben kann – als guter Demokrat und guter Muslim! Dass diejenigen unrecht behalten, die behaupten, Demokratie sei eine Erfindung des Westens, die nicht zu den Muslimen passe.

Eine aktuelle Umfrage sagt: Über 60 Prozent der Deutschen denken, dass der Islam nicht in die westliche Welt passe. Warum? Weil sie den Beweis in der arabischen Welt noch nicht gesehen haben. Weil sie aus dieser Region meist nur Bilder von Krisen und Konflikten kennen. Und vor allem, weil unsere Debatte von Gegensätzen bestimmt ist: so als müsse die Demokratie sich vor dem Islam hüten und der Islam vor der Demokratie. Ich widerspreche dem. Ich bin sicher: Es gibt eine Demokratie, die dem Islam Raum gibt. Und es gibt einen Islam, der der Demokratie Raum gibt!

Heute steht in der tunesischen Verfassung: "Artikel 1: Tunesien ist ein freier, unabhängiger, souveräner Staat; seine Religion ist der Islam, seine Sprache ist Arabisch, seine Staatsform die Republik." Das ist der Wortlaut. Nun muss er sich im Alltag beweisen.

Ich weiß, dass Religion sich mit der Demokratie nicht nur vertragen, sondern sie fördern kann! Ein deutscher Richter am Bundesverfassungsgericht hat einmal gesagt: Der Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht schaffen kann. Demokratie braucht einen ethischen Nährboden – und Religion kann ihn bereiten helfen.

Ich will dazu etwas Persönliches sagen. Auch ich lebe meinen Glauben. Ich bin Christ und bin in der protestantischen Kirche aktiv. Natürlich hat mein Christsein mit meinem Handeln in der Gesellschaft zu tun: Meine Religion gebe ich nicht an der Garderobe ab, wenn ich morgens ins Büro gehe.

Im Koran heißt es an einer Stelle: "Gott hat dem Menschen nicht zwei Herzen in die Brust gelegt, sondern eines." Ja, auch mein christlicher Glaube inspiriert mein Handeln. Aber: Mein Glaube darf nicht selbst zum Gegenstand der Politik werden und schon gar nicht zur Waffe gegen Andersgläubige.

Deswegen sagt der Apostel Petrus in der Bibel: "Ehret jedermann." Das Gebot der Nächstenliebe gilt aber nicht nur unter Christen. So gesehen ist eine Moschee, eine Kirche oder eine Synagoge nie nur für die Gläubigen da, sondern für das Wohl des ganzen Stadtteils. Wenn Religion niemanden ausgrenzt, kann sie die Gesellschaft stärken.

Wenn es einfache Antworten nicht gibt, fragen Sie mich zu Recht: Was sind denn nun die richtigen Antworten? Auch ich habe sie nicht. Sie selbst haben sie! Da treffen sich Demokratie und Religion: im Glauben, dass jeder Mensch die Freiheit zum guten Handeln hat. Da treffen sich auch Christentum und Islam: im Glauben, dass Gott jedem Menschen sein Vertrauen schenkt.

Deshalb dürfen wir getrost nach den schwierigen Antworten suchen. Dazu ermutige ich uns nicht nur, sondern darum bitte ich auch. Viel hängt davon ab, dass uns das gelingt!