Die demokratischen Strukturen – Parlament, Regierung, öffentliche Behörden – sind nur das Skelett der Demokratie. Doch auf Fleisch und Blut kommt es an! Wirklich lebendig ist eine Demokratie erst, wenn jeder Einzelne das Gefühl hat, dazuzugehören, gehört zu werden. Nur wer sich in der Mitte der Demokratie aufgehoben fühlt, ist immun gegen die Lockrufe der Radikalen. Demokratie ist nicht nur eine Staatsform, sondern ein Lebensprinzip. Wie sie von der Staatsform zum Lebensprinzip wird, dafür gibt es kein Patentrezept, den Weg muss jedes Land selbst finden. Eine blutjunge Demokratie wie Tunesien genau wie eine noch ziemlich junge Demokratie wie das wiedervereinte Deutschland.

Wie aber verhalten sich Religion und Demokratie zueinander? Diese Frage ist die schwierigste und wichtigste. Nach der Aufbruchstimmung des Arabischen Frühlings kommt es jetzt auf den Beweis im Alltag an: dass in einem Land wie Tunesien jeder frei leben kann – als guter Demokrat und guter Muslim! Dass diejenigen unrecht behalten, die behaupten, Demokratie sei eine Erfindung des Westens, die nicht zu den Muslimen passe.

Eine aktuelle Umfrage sagt: Über 60 Prozent der Deutschen denken, dass der Islam nicht in die westliche Welt passe. Warum? Weil sie den Beweis in der arabischen Welt noch nicht gesehen haben. Weil sie aus dieser Region meist nur Bilder von Krisen und Konflikten kennen. Und vor allem, weil unsere Debatte von Gegensätzen bestimmt ist: so als müsse die Demokratie sich vor dem Islam hüten und der Islam vor der Demokratie. Ich widerspreche dem. Ich bin sicher: Es gibt eine Demokratie, die dem Islam Raum gibt. Und es gibt einen Islam, der der Demokratie Raum gibt!

Heute steht in der tunesischen Verfassung: "Artikel 1: Tunesien ist ein freier, unabhängiger, souveräner Staat; seine Religion ist der Islam, seine Sprache ist Arabisch, seine Staatsform die Republik." Das ist der Wortlaut. Nun muss er sich im Alltag beweisen.

Ich weiß, dass Religion sich mit der Demokratie nicht nur vertragen, sondern sie fördern kann! Ein deutscher Richter am Bundesverfassungsgericht hat einmal gesagt: Der Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht schaffen kann. Demokratie braucht einen ethischen Nährboden – und Religion kann ihn bereiten helfen.

Ich will dazu etwas Persönliches sagen. Auch ich lebe meinen Glauben. Ich bin Christ und bin in der protestantischen Kirche aktiv. Natürlich hat mein Christsein mit meinem Handeln in der Gesellschaft zu tun: Meine Religion gebe ich nicht an der Garderobe ab, wenn ich morgens ins Büro gehe.

Im Koran heißt es an einer Stelle: "Gott hat dem Menschen nicht zwei Herzen in die Brust gelegt, sondern eines." Ja, auch mein christlicher Glaube inspiriert mein Handeln. Aber: Mein Glaube darf nicht selbst zum Gegenstand der Politik werden und schon gar nicht zur Waffe gegen Andersgläubige.

Deswegen sagt der Apostel Petrus in der Bibel: "Ehret jedermann." Das Gebot der Nächstenliebe gilt aber nicht nur unter Christen. So gesehen ist eine Moschee, eine Kirche oder eine Synagoge nie nur für die Gläubigen da, sondern für das Wohl des ganzen Stadtteils. Wenn Religion niemanden ausgrenzt, kann sie die Gesellschaft stärken.

Wenn es einfache Antworten nicht gibt, fragen Sie mich zu Recht: Was sind denn nun die richtigen Antworten? Auch ich habe sie nicht. Sie selbst haben sie! Da treffen sich Demokratie und Religion: im Glauben, dass jeder Mensch die Freiheit zum guten Handeln hat. Da treffen sich auch Christentum und Islam: im Glauben, dass Gott jedem Menschen sein Vertrauen schenkt.

Deshalb dürfen wir getrost nach den schwierigen Antworten suchen. Dazu ermutige ich uns nicht nur, sondern darum bitte ich auch. Viel hängt davon ab, dass uns das gelingt!