Eine Woche nach dem Machtwechsel macht ein Gerücht die Runde in Athen – dass Alexis Tsipras, kaum dass er ins Amt gekommen ist, auch schon umgezogen sei. In ein teures Vorstadtviertel nördlich von Athen, wo immer schon all die anderen Spitzenpolitiker wohnten.

Bisher lebte Tsipras mitten in der Stadt, in Kypseli, einer Gegend mit vielen arbeitslosen Einwanderern, in der jedes zweite Geschäft vergittert ist. Wenn man dort der Harmoniestraße folgt, erreicht man einen Berggipfel mit Blick auf das weiße Häusermeer Athens. Vor einem unscheinbaren Wohnhaus stehen drei Männer in Jeans und rauchen. Die Wachleute des Premiers. Nein, nein, sagen sie, er wohne weiter hier mit seiner Familie. Das Gerücht stimmt also nicht. Tsipras wohnt so bescheiden, wie er immer betont hatte. Ein Politiker, der unter seinen Verhältnissen lebt, das ist etwas Neues in Griechenland.

"Syriza spricht endlich mit den Europäern auf Augenhöhe"

Tsipras ist der erste Premierminister, der nicht aus einer der drei Politikerfamilien stammt, die sich bisher mit dem Regieren abwechselten. Er ist der personifizierte Bruch mit dem alten System. In Athen hört man immer wieder diesen Satz: "Tsipras gibt uns unsere Würde zurück."

Lesen Sie dazu auch den Schwerpunkt "Revolte in Athen" in der ZEIT No 6 vom 05.02.2015.

In Athen haben dieser Tage politische Gefühle Konjunktur, die lange darniederlagen: Würde, Wut und Hoffnung. Für Letztere stehen nun die Putzfrauen, die seit 18 Monaten gegen ihre Entlassung aus dem Finanzministerium demonstriert haben und nun zu den 3.500 öffentlichen Bediensteten gehören, die wieder eingestellt werden sollen.

In der Passage neben dem Eingang zum Finanzministerium haben sie ihr Camp aufgebaut. Ein graues Igluzelt, eine schwache Lampe, an den Wänden Plakate für Demonstrationen, darauf Che Guevara und ein roter Putzhandschuh, der die Finger zum Victory-Zeichen spreizt. Am Sonntagabend sitzt eine Handvoll Frauen um die fünfzig im Kreis herum, sie reden, das Ganze hat etwas von Lagerfeuer. Immer wieder kommen Passanten vorbei, um zu gratulieren: Die Putzfrauen waren das Symbol der kaltschnäuzigen Sparpolitik. Nun stehen sie für die neue Politik der Solidarität.

Eine Frau mit schulterlangen braunen Haaren und einem blauen Wollpullover erhebt sich. Der Pony fällt ihr tief ins Gesicht, das Handy trägt sie in einer roten Stofftasche um den Hals. 16 Jahre lang hat Dimitra Manoli ihre Arbeit als Putzfrau unsichtbar in der Steuerbehörde der Hafenstadt Volos verrichtet. Bis sie im September 2013 zusammen mit 559 weiteren Kolleginnen entlassen wurde.

"Ich war 50 und hatte keine Aussicht, einen anderen Job zu finden", erzählt sie. Ihre Verzweiflung wuchs, als sie hörte, dass das Finanzministerium auf eine private Agentur umgestiegen war, die einen höheren Stundensatz verlangte, ihren Putzfrauen aber weniger als zwei Euro die Stunde zahlte. Manoli packte ihre Sachen und fuhr nach Athen, wo sie sich mit den anderen entlassenen Putzfrauen zusammenschloss. Es ist ein windiger Abend, sie schlingt ihre Arme um den Körper und wippt leicht mit den Füßen. Ungezählte Nächte hat sie im Zelt vor dem Ministerium übernachtet. Die Frauen wechselten sich mit schlafen und Wache halten ab. Aus Manoli, der Putzfrau, wurde Manoli, die Revolutionärin. Immer wieder geriet sie mit der Polizei aneinander. Einmal, erzählt sie, habe ihr ein Polizist seinen Schild auf den Fuß gerammt, sodass sie einen Monat im Rollstuhl habe sitzen müssen.

"Es war eine sehr harte Zeit", sagt sie. "Aber so viele Menschen haben uns unterstützt. Ich hätte nie gedacht, dass das möglich wäre." Andere Arbeitslose kochten für die Frauen. Künstler sangen für sie, Schüler spendeten ihnen Geld. Im November 2013 kam Tsipras vorbei und versprach ihnen, sie wieder einzustellen, falls er an die Regierung käme. Hat sie ihn gewählt? Sie lacht: "Natürlich! Ich bin Mitglied bei Syriza. Ich habe sogar bei der Europawahl für sie kandidiert!"

Den Wahlsieg empfindet Manoli als Belohnung für ihren langen Kampf. Sie glaubt, dass Tsipras sein Versprechen erfüllen wird, aber ihr Zelt will sie erst abbrechen, wenn sie den neuen Arbeitsvertrag unterschrieben hat. Nächsten Monat soll es so weit sein. Hand aufs Herz, Faust in die Luft, ruft sie in den Abend hinein: "Unser Beispiel zeigt, dass man niemals seinen Kopf hängen lassen darf."

Auch bei der "Sozialen Küche" findet die Revolution von Tsipras viele Anhänger. Jeden Samstag stellt sich Yannis Klados hier mit einem großen Topf, einem mobilen Gaskocher und einem Tisch an eine Fußgängerpassage, die bis hinauf zur Akropolis führt. Es riecht nach Kohl und Tomatensoße, Yannis rührt mit einem großen Holzlöffel im Topf herum. Vor der Krise, sagt er, hielt man Obdachlosigkeit für selbst verschuldet, und Hunger erschien als ein fernes Dritte-Welt-Phänomen. Seit der Krise ist das anders. "Man sieht immer mehr Obdachlose auf den Straßen, und es gibt viele Leute, die zwar noch eine Wohnung, aber kein Geld mehr zum Essen haben." Als das Projekt vor vier Jahren gestartet sei, erzählt er, hätten viele Menschen noch aus Scham kein Essen angenommen. Auch das habe sich inzwischen geändert.

Klados ist ein 42-jähriger Marineoffizier, der zehn Tage pro Monat auf See ist und sich hier in seiner Freizeit engagiert. Doch die meisten anderen Freiwilligen sind selbst arbeits- oder wohnungslos. Es sind alles Leute, die Syriza oder noch linkere Parteien gewählt haben. Sie feiern, dass der Mindestlohn und die Renten nun angehoben werden, von den Vorgängerregierungen fühlen sie sich verraten. "Syriza spricht mit den Europäern auf Augenhöhe und nicht, wie die Regierungen davor, von unten nach oben wie Sklaven mit ihren Herren", sagt Klados.