Am 5. Januar 1757 griff ein religiöser Fanatiker den König von Frankreich mit einem Dolch an und verletzte ihn leicht. Sofort glaubte ganz Paris an eine Verschwörung, wahlweise der Jesuiten oder ihrer ärgsten Feinde, der Aufklärer um Denis Diderot. Der Täter wurde vier Stunden lang öffentlich gefoltert und sodann mithilfe von Henkern, Pferden und Beichtvätern bei lebendigem Leibe gevierteilt, zum lustvollen Entsetzen des Publikums.

Ludwig XV. nahm das Attentat sehr ernst. Er ließ verkünden, jeder werde mit dem Tode bestraft, der Schriften gegen die Religion, die königliche Autorität oder die öffentliche Ordnung verfasse oder drucke. Nicht gerade die Atmosphäre, um ein kritisches Buch zu veröffentlichen. Aber just das hatte ein Pariser Salonlöwe zur selben Zeit im Sinn. Das Lebensziel des am 26. Februar 1715 geborenen Claude Adrien Helvétius bestand darin, sich als Mann der Ideen einen Namen zu machen. Als besonders couragiert galt er zwar nicht, aber ihn lockte der Ruhm: Helvétius war überzeugt, ein Meisterwerk verfasst zu haben, der große Voltaire hatte ihn darin bestätigt.

Und dann gab es noch einen gewissen Charles George Leroy, einen Jugendfreund, einflussreich am Hofe. Er gehörte zu der Gruppe um Diderot, die an einer Enzyklopädie des zeitgenössischen Wissens arbeitete. Ein riskantes Projekt; zwei der Bände waren bereits verboten, weil sie als umstürzlerisch und kirchenfeindlich galten. Leroy indes, der sich für einen Taktiker hielt, kam auf den Einfall, die Schrift seines Freundes Helvétius als eine Art Entlastungsangriff zu nutzen. Das Resultat war der größte Buchskandal des 18. Jahrhunderts.

Leroy drängte Helvétius zur Veröffentlichung, er hatte auch schon einen Zensor gefunden, dem man das Werk vorlegen konnte: Jean-Pierre Tercier, hoher Beamter im Außenministerium und ausgelastet mit der Aufgabe, abgefangene Briefe zu öffnen. Ihm trug Leroy Stöße von Manuskripten vorbei, die harmloseren Passagen natürlich, die der überarbeitete Beamte nächtens zu studieren versprach. Leroy zog alle Register, ließ Bekannte auf den Zensor und dessen Frau einwirken, während immer neue Blätter eintrudelten, bis Tercier am 27. März 1758 entnervt den Druck des Buches De l’Esprit ("Vom Geist") freigab. Es sollte seine Karriere ruinieren. Denn Helvétius hatte es gewagt, eine Ethik ohne Gott zu entwerfen. Das war ungeheuerlich.

Erst recht, weil die Attacke aus der Mitte des Establishments kam. Der Autor entstammte einer bei Hofe angesehenen Medizinerfamilie. In seiner Jugend stach Claude Adrien mehr durch Körperkraft hervor als durch Intelligenz; er soll als Heranwachsender überdies einigermaßen doof ausgesehen haben, weil er wegen eines chronischen Schnupfens stets mit offenem Mund einherging. Aber er hatte Glück, sein Privatlehrer war ebenjener Père Porée, der schon einmal einen sperrigen Schüler gehabt hatte, einen gewissen François-Marie Arouet, genannt Voltaire. Porée begeisterte Claude Adrien für die Autoren der Antike und setzte ihm den Floh ins Ohr, der größte Ruhm sei der literarische.

Nach seiner Schulzeit kommt der Heranwachsende zu einem Steuerpächter in Caen, um etwas Einträgliches zu lernen. Mit 23 Jahren wird Claude Adrien selbst Steuerpächter und ist binnen Kurzem ein gemachter Mann. Er will auch etwas davon haben und wirft sich ins Pariser Vergnügen: Salons, in denen es gilt, geistvoll und maliziös zu sein; Diners, auf denen Poesie, Theater und Gastronomie zelebriert werden; die Oper, der Fechtsaal, vor allem die Schlafzimmer – es ist die Epoche Casanovas. Helvétius, ein bewunderter Tänzer, verehrt und verführt die Frauen, genießt die Libertinage der herrschenden Klasse und lebt, nach dem Zeugnis von Polizeiberichten, seine masochistische Neigung aus.

Als Steuerpächter ist er seriös, hält Maß, verschont die Bedürftigen. Den Traum vom Ruhm gibt er indessen nicht auf. Nach zehn Jahren des Geldverdienens verkauft er seine Pacht und konzentriert sich auf das Schreiben. Am Hof genießt der unermüdliche Netzwerker die Gunst der Pompadour, der Mätresse Ludwigs XV.; seine Mutter wiederum sichert ihm das Wohlwollen der frömmelnden Königin Maria Leszczyńska. Umsichtig verbindet sich Helvétius außerdem mit geistesverwandten Größen wie Montesquieu, Fontenelle und Buffon.

Im Jahr 1751 ehelicht er die Comtesse de Ligneville, eine reine Liebesheirat. Die schöne und kluge Frau wird später durch ihren Salon berühmt werden, den sie nach Helvétius’ Tod weiterführt. Mit ihr verlebt er nun den größten Teil des Jahres auf seinen Landsitzen: Vormittags schreiben, nachmittags jagen, das ist der Tagesablauf. Die Landbevölkerung ist bettelarm.

Als Gutsherr bemüht sich Helvétius um die Ansiedlung von Textilhandwerk und Erzabbau, doch örtliche Konkurrenten verhindern die erforderlichen Genehmigungen. Ansonsten wird von seiner Freigebigkeit berichtet, er hat sich die Sitten der alten Aristokratie zu eigen gemacht, die sich selbst mit ihrer Großzügigkeit schmeichelte. Fuchsteufelswild wird er freilich, ungerecht und kleinlich, wenn ihm Wilderer etwas wegschießen. Diderot wird ihn posthum dafür kritisieren: Was mache es denn schon, wenn die Armen ein paar Hasen nähmen?

Verbringt die Familie ihre Zeit in Paris, so gibt sie philosophische Diners. Helvétius ist weniger Redner denn Zuhörer, er sammelt Ideen; nach ein, zwei Stunden stiehlt er sich davon und besucht die Oper. Und die Tänzerinnen. Ein Leben nach seinem Geschmack. Beunruhigend indes, was um ihn herum geschieht: Der Königshof versinkt in Dekadenz, während der in Rom verankerte Klerus mit der Pariser Staatskaste um die Macht kämpft – und das Volk regelrecht hungert.

Dann das Attentat von 1757, und im Sommer 1758 der Donnerschlag: das Buch.

Wer darin voltaireschen Witz erwartet, wird enttäuscht. Der Autor geht umsichtig vor, pedantisch zuweilen, und sichert sich nach allen Seiten ab: Naiv ist er nicht. Dem heutigen Leser kommt Helvetius’ Vorsicht allerdings modern vor; in einer Fußnote schreibt er, Sätze könnten nur von unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit sein, ja selbst das, was wir für gewiss hielten, sei beinahe immer nur sehr wahrscheinlich. Auch die Relativität der moralischen Wirklichkeit ist ihm bewusst; jeder Mensch sei gut und böse zugleich, "der absolut konsequente Mensch existiert noch nicht; nichts Perfektes daher auf der Erde, weder im Laster noch in der Tugend". Da mag er auch an sich selbst gedacht haben.

"Alles reduziert sich auf das Fühlen": Helvétius hat John Locke und Condillac gelesen. Der Geist geht nach dieser Ansicht auf passive Sinneseindrücke zurück. Ein Gedanke sei letztlich nur ein Vergleich aktueller mit einstigen Sinneseindrücken. Das Vergleichen erfordere Aufmerksamkeit, argumentiert Helvétius, und deren Antrieb sei die Leidenschaft. Diese wiederum ergebe sich aus dem Interesse, Lust zu vermehren und Unlust zu mindern.

Freundschaft, Liebe, Ruhm, alles bloß abgeleitete Motive, schreibt er, ihnen liegen Lustgewinn und Schmerzvermeidung zugrunde. Zu den Schmerzen zählt er namentlich die Langeweile, sie bedroht seinesgleichen eben mehr als der Hunger. Und wie aus dem Handgelenk entwirft Helvétius in De l’Esprit eine ganze Psychologie.

Schon aus damaliger Sicht allerdings war die Vorstellung nicht haltbar, das Empfinden sei rein passive Datenaufnahme; heute belegen auch die Neurowissenschaften den konstruktiven Charakter des Denkens. Lesenswert bleibt De l’Esprit gleichwohl, auch wegen seines unbekümmerten Denkoptimismus, der an Texte aus der Pionierzeit der Erforschung Künstlicher Intelligenz erinnert: Alles Komplizierte lasse sich auf Einfaches und daher Verständliches zurückführen, schreibt Helvétius, folglich könne jeder alles verstehen.

Helvétius’ Erkenntnistheorie ist egalitär. Unterschiedliche Anlagen für Intelligenz existieren nicht, alles hängt davon ab, welchen Objekten die sich entwickelnde Intelligenz mehr oder weniger zufällig begegnet. Wie ja überhaupt die Biografie eines jeden mehr vom Zufall bestimmt sei, als seine Eitelkeit akzeptieren könne – ein Gedanke, den sein älterer Freund Fontenelle schon vorher formuliert hat. Zufall?