Es riecht nach abgestandener Luft, Staub und Alter. "Laminat!", wettert die Architektin. Sie spricht es aus wie ein Schimpfwort. "Das ist tot, atmet nicht, ein Vergehen an der Natur!" Energisch deutet sie auf Einbauschränke, Fußboden und Küchenzeile der Ferienwohnung.

Die Vorhänge schlucken das Tageslicht, eine goldgerahmte Kitschlandschaft hängt an der Wand, Plastikblümchen zieren den gekachelten Wohnzimmertisch. In einer Ecke versteckt sich eine altmodische Stehlampe, auch die durchgesessene Sitzgruppe mit altrosa Muster wirkt eher abschreckend als einladend. Und überall: Laminat! "Sondermüll" in den Augen der Architektin Ingrid Maria Buron de Preser. "Da will ja keiner wohnen!"

Tut auch keiner. Der Eigentümer der Ferienwohnung in Titisee-Neustadt im Schwarzwald ist nach Amerika ausgewandert und nur selten da, Touristen kommen auch keine mehr. Das soll sich allerdings ändern – indem die Architektin die Wohnung in ein "Kuckucksnest" verwandelt.

Der Schwarzwald ist als Ferienziel beliebt, jährlich steigen die Gästezahlen. Im Jahr 2013 zählte das Statistische Landesamt Baden-Württemberg mehr als 20,4 Millionen Übernachtungen. Rund 15 Prozent davon entfielen auf den Hochschwarzwald, wo 14 Gemeinden eine eigene Tourismus GmbH unterhalten. Deren Geschäftsführer Thorsten Rudolph ist über die wachsende Nachfrage hocherfreut – schaut allerdings mit Sorge auf sein Angebot. Viele Vermieter von Ferienwohnungen gäben auf, "weil ihnen im Alter die Vermietung zu beschwerlich wird und sie keine Nachfolger finden", sagt Rudolph. Oft seien die Wohnungen nicht online buchbar, renovierungsbedürftig, technisch veraltet und dienten als Abstellkammer ausrangierter Möbel. Rudolph gibt damit im Grunde nur eine Klage weiter: Der regionale Verein der Ferienwohnungsbetreiber hat den Tourismusmanager vor zwei Jahren selbst auf die Mängel hingewiesen und um Abhilfe gebeten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 6 vom 05.02.2015.

So kam Rudolph auf die Idee mit den Kuckucksnestern. Wie ein Kuckuck setzt sich die Tourismus GmbH dabei in vorhandene "Nester" und gestaltet sie nach eigenem Muster um, einheitlich und mit modernem Schwarzwaldcharme. Online werden sie dann zentral vermarktet und vermietet. Bei der Finanzierung hilft das Freiburger Bauunternehmen Gisinger. Das schlug Ingrid Maria Buron de Preser als Designerin vor. Sie zeichnete ein paar Entwürfe, in denen sie Heimatgefühl und Gemütlichkeit mit Modernität und Schlichtheit kombinierte. Rudolph war begeistert und ließ ihr freie Hand.

Inzwischen ist das Projekt angelaufen, ohne viel Werbung und ohne es zu "pushen", wie Rudolph sagt. In Hinterdorf, am letzten Zipfel des 550-Seelen-Örtchens Menzenschwand, wurden im Juli 2014 die ersten zwei Kuckucksnester eingerichtet; 40 sollen es bis 2016 werden, wenn der Zuspruch es zulässt, dann ist Zeit für eine Zwischenbilanz. Aufseiten der Eigentümer haben sich nicht nur Leute gemeldet, die bloß eine einzelne Ferienwohnung besitzen, sondern auch Vermieter von Gästehäusern mit mehreren Wohnungen wie in Menzenschwand.

Modern, aber gemütlich

Kein Schild weist auf die Ferienwohnung hin. Ein Feldweg führt aus dem Dorf hinaus. Kurz bevor er im schwarzen Fichtenwald endet, erscheint rechts ein Gästehaus. Am Briefkasten: ein Kuckuck, weiß auf rotem Grund. Nebenan liegt eine Gaststätte, in der Wanderer und Spaziergänger im Sommer beim Bier zusammensitzen. Jetzt ist es ruhig. Wer eine freundliche Wirtin mit Strickjacke und warmen Begrüßungsworten erwartet, ist hier falsch. Stattdessen: Ein weißer Schlüsselkasten und ein fünfstelliger Code, zugemailt von der gut 25 Kilometer entfernten Tourismusgesellschaft. Für alle Fälle gibt es eine Notfallnummer.

Im zweiten Stock, am Ende der Treppen, findet man den nächsten Kuckuck an der Tür. Wände und Böden dieses Nests mit Namen "Talblick" sind aus Holz- und Natursteinpaneelen, ein Rinderfell liegt auf dem Dielenboden, Baumstämme dienen als Hocker. Die Wohnung ist heimelig, aber nicht altbacken, das Design durchdacht, aber nicht bemüht. In der Küche stehen eine Schwarzwaldmilch und zwei Flaschen Tannenzäpfle-Bier bereit. Die Wände zieren kuckucksuhrförmige Laubholzarbeiten und die Skizze einer Bollenhutfrau – Schwarzwaldklischees, zeitgenössisch aufgemotzt. Überall ist der Kuckuck zu sehen: auf dem Heizregler, am Griff der Schiebetür, sogar in der Dusche. Die Toilette hat mehr Knöpfe als ein Smartphone. Sie kann spritzen, summen, föhnen und leuchten. Und – oh – die Brille ist beheizt!