Im vergangenen Jahr saß Josef S. aus Jena, Student der Werkstofftechnik, sechs Monate lang in Österreich in Untersuchungshaft. Er hatte im Januar 2014 gegen den Akademikerball in Wien demonstriert – ein Treffen rechtspopulistischer Politiker und Burschenschafter. Danach wurde dem 24-Jährigen vorgeworfen, dort Rädelsführer einer gewaltbereiten Gruppe gewesen zu sein. S. bestreitet das. Als einziger Teilnehmer des Protests wurde er angeklagt und dann wegen Landfriedensbruchs in Rädelsführerschaft, versuchter schwerer Körperverletzung und schwerer Sachbeschädigung zu zwölf Monaten Haft verurteilt, acht davon auf Bewährung. Das Urteil rief internationale Proteste hervor.

DIE ZEIT: Am vorigen Freitag fand in Wien ein weiteres Mal der Akademikerball statt. Haben Sie wieder dagegen demonstriert?

Josef S: Dieses Jahr nicht. Zu krass war das, was mir im vergangenen Jahr nach dem Ball passiert ist. Und mir fehlt auch die Zeit, um eigens dafür von Jena aus nach Wien zu reisen. Ich muss mich jetzt auf meine Prüfungen konzentrieren. Schließlich habe ich an der Uni einiges nachzuholen – können Sie sich ja denken.

ZEIT: Es gab 2014 am Rande des Akademikerballs heftige Krawalle, eine Polizeistation wurde angegriffen, Autos wurden beschädigt. Sie wurden dafür zur Rechenschaft gezogen. Ist das Urteil gegen Sie inzwischen rechtskräftig?

Josef S: Nein, mein Verteidiger hat Rechtsmittel eingelegt. Wir wollen, dass der Prozess neu aufgerollt wird. Ich habe damals nichts getan, was eine Gefängnisstrafe rechtfertigen würde.

ZEIT: Sie sagen, Sie hätten sich friedlich verhalten. Österreichs Justiz sieht das anders.

Josef S: Aber ihre Beweise sind dürftig, deswegen will ich einen neuen Prozess.

ZEIT: Wie sehr beschäftigt Sie die Sache noch?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe 6 vom 05.02.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Josef S: Mehr als mir recht ist. Im Oktober lag ein Schreiben der österreichischen Justiz in meinem Briefkasten. Ich wurde dazu aufgefordert, knapp 10.000 Euro zu überweisen – als Schadenersatz für ein Polizeiauto, das ich zertrümmert haben soll. Ich schätze, dass mich der Prozess und alles, was damit zusammenhängt, am Ende eine hohe fünfstellige Summe kosten wird, die ich vor allem deswegen aufbringen kann, weil so viele Leute für mich gespendet haben.

ZEIT: Die Demo liegt nun ein Jahr zurück. Wie haben Sie den Abend in Erinnerung?

Josef S: Ich erinnere mich, dass die Stadt wie leer gefegt wirkte, weil die Polizei weite Teile des Zentrums abgeriegelt hatte. Die Demonstration selbst habe ich anfangs nicht als besonders aggressiv erlebt, aber gegen Ende hin wurde es chaotisch. Irgendwann packten mich zwei Herren am Arm, dann lag ich auf der Straße. Die Beamten legten mir Handschellen an, brachten mich in ein Polizeiauto. Dort wurde ich fotografiert, musste meine Fingerabdrücke abgeben und mich bis auf die Unterhose ausziehen.

ZEIT: Ihnen wurde dann Landfriedensbruch vorgeworfen. Kannten Sie diesen Tatbestand?

Josef S: Ich hielt das für einen schwammigen Standardvorwurf, mit dessen Hilfe man jene Protestierenden verhaftet, denen man keine konkrete Straftat nachweisen kann. Ich dachte, der Vorwurf würde schnell wieder fallengelassen, weil man ja doch nichts gegen mich in der Hand haben kann. Ich war naiv, wie wir heute wissen. Dann jedenfalls offenbarten mir die Beamten, wer mich belastete – es waren Polizisten. In dem Moment wurde mir klar: Das wird kein einfaches Ding.

ZEIT: Warum?

Josef S: Weil ich bereits ahnte, dass das Wort eines Polizisten vor Gericht schwer wiegt – egal, ob der sich in Widersprüche verstrickt oder nicht.

ZEIT: Ein Polizist hat Sie schwer belastet. Er war in Zivil bei der Demo und will gesehen haben, wie Sie die Menge zu Krawallen anstifteten. Meinen Sie, der Polizist hat sich das ausgedacht?

Josef S: Bleiben wir bei den Fakten: Es gibt kein Video und auch kein Foto, das mich bei Straftaten zeigt. Es gibt nur die Aussage eines Polizisten, und der hat sich mehrfach in Widersprüche verstrickt. Er behauptet, dass ich "Tempo, Tempo!" gerufen hätte – er hat das auch mitgeschnitten. Aber ein Stimmgutachten hat ergeben, dass ich das nicht gewesen sein kann. Wahrscheinlich bin ich dem Polizisten nur deswegen aufgefallen, weil ich nicht wie viele andere Demo-Teilnehmer eine schnöde schwarze Jacke anhatte, sondern eine mit erkennbarem Schriftzug auf dem Rücken. Noch dazu trug ich eine auffällige große Brille.