Julian Barnes hat mit "Lebensstufen" ein Buch über den Schmerz geschrieben, den der Tod eines geliebten Menschen bereitet. © Alan Edwards/f2images

Abheben, sinken. Emporgetragen zu werden oder von der Schwerkraft nach unten gerissen. Gott entgegenzuschweben und dann in der Hölle zu landen. Das sind Befindlichkeiten, die in früheren Zeiten, als noch nicht von pfeilgeraden Erfolgsbiografien die Rede war, auf furchtbare Weise unausweichlich schienen. Das Mittelalter sah den Menschen auf das Rad des Schicksals geflochten, mal nach unten, mal nach oben geschleudert. Ein leichteres Bild hat sich Julian Barnes geschaffen, ein kleiner Heißluftballon zieht über den Umschlag des neuen Buchs dieses großen englischen Autors nach links oben. Auch so ein technisches Gerät wie das Rad, aber anders als dessen Mahlwerk wirkt es von sich selbst befreit, eine Versprechung von Leichtigkeit und Abenteuer, und so hebt auch dieses Buch an, als Schilderung der Verrücktheiten erster Pioniere des Fliegens, fortschrittsbegeisterter Amateure.

Drei Kapitel. Das erste heißt Die Sünde der Höhe, wir treffen tollkühne Seelen in luftiger Höhe und in atemberaubenden Szenen. Das zweite führt uns Auf ebenen Bahnen, es geht um die Liebe zweier dieser Flieger, Sarah Bernhardt, Schauspielerin, und Colonel Fred Burnaby, Offizier der Royal Horse Guards. Dann: Der Verlust der Tiefe. Schock und Trauer. Bodenlose Verzweiflung des Autors Julian Barnes über den Tod seiner geliebten Frau.

Über den Absturz aus der großen Höhe eines Heißluftballons heißt es im ersten Kapitel: "Der Aufprall trieb seine Beine bis zu den Knien in ein Blumenbeet und zerriss ihm die Eingeweide, die auf dem Boden herausplatzten."

Der Erfolgsautor Julian Barnes und die charismatische Literaturagentin Pat Kavanagh waren 30 Jahre lang ein Paar, bevor Kavanagh 2008 an einem Gehirntumor starb, nur 37 Tage nach der Diagnose. "Jede Liebesgeschichte ist eine potenzielle Leidensgeschichte. Wenn nicht gleich, dann später. Wenn nicht für den einen, dann für den anderen. Manchmal auch für beide", liest man im zweiten Kapitel. Diesem Leiden schraubt sich das Buch in seinen drei Kapiteln entgegen, unausweichlich und tief in die Verzweiflung hinein.

Die englischsprachige Literatur kennt große Trauerbücher. C. S. Lewis hat ein schmales Buch verfasst Über die Trauer nach dem Tod seiner Frau, der Schriftstellerin Helen Joy Davidman, ein Klassiker der tröstenden Schriften (1961). Joan Didion schrieb über Das Jahr des magischen Denkens nach dem Tod ihres Mannes, des Schriftstellers John Gregory Dunne, ein geradezu wissenschaftlich akribisches Protokoll der körperlichen und seelischen Empfindungen von Trauer (2005). Barnes’ Buch geht einen anderen Weg. In drei Akten meditiert es in drei Versuchen über das Leben und den Schmerz, er untersucht den Stoff des Lebens an sich, spürt nach, wie es seine Dichte, den Charakter auf immer ändert, wenn unwiderrufliche Ereignisse eingetreten sind, wir einen Wendekreis des Lebens verlassen haben und in einem neuen sind, manchmal wie gefangen.

Das Buch hebt stilistisch leichtfüßig an. Hingetupfte drei Biografien – des zackigen Fred Burnaby, seiner späteren Geliebten Sarah Bernhardt und ihres großen Fotografen und Fliegers Félix Tournachon, berühmt unter dem Namen Nadar. Der Ton ist heiter. Man atmet erschrocken ein, wenn sich Burnaby unter dem Zischen des Gases die Zigarre ansteckt, man sieht übermütige Engländer nach Überflug des Ärmelkanals bei Omelette aux oignons und einer Flasche Bordeaux, man denkt dabei vielleicht an die legendären Dinner im Hause des frankophilen Barnes und seiner Frau. Aber im Kern ist dies eine kleine Flughistorie, auch wenn gegen Ende ein wenig Moll anklingt, man sieht Nadar, wie er seiner schwer kranken Frau Ernestine eine Haarsträhne von der Schläfe streicht, rückblickend wird hier ein neues Thema angeschlagen.

Dann die Liebesgeschichte zwischen der kapriziösen Sarah und Burnaby. Ausgestaltet in scharf geschnittenen Dialogen, nicht ohne Komik, aber doch ohne Happy End. Burnaby erhält am 1885 einen tödlichen Speerstoß ins Genick in der Schlacht von Abu Klea im Sudan, von hier aus spinnt sich ein Faden zu Barnes, dessen Gedanken im letzten Kapitel der Möglichkeit entgegentrudeln, seinem Leben ein Ende zu setzen.

In diesem letzten Kapitel ziehen sich alle Fäden dunkel zusammen. Die Verwirrung, das Entsetzen über die Gleichgültigkeit des Lebens, das sich weiter ausrollt, ohne zu fragen, ob man weiter daran teilnehmen möchte. Wurde im ersten Kapitel weit über den Horizont geschaut, geht der Blick jetzt nach innen, tief in den Tunnel des Leidens. Lag im Aufstieg der Ballons das Versprechen, aus göttlicher Perspektive die Welt zu überschauen, verflacht das Leben nun auf den Ebenen mühevoller Trauerarbeit. "Madame est morte", hört sich Barnes zum Briefträger sagen, einem Migranten. Das könnte auch ein alternativer Titel für diese Erzählung sein, man versteht, ihr Thema ist nicht nur der Tod, sondern die Liebe, die mit dem Tod auf furchtbare Weise einfach nicht enden will.