Brian Hugh Warner alias Marilyn Manson 2013 auf einer Veranstaltung © Frazer Harrison/Getty Images

DIE ZEIT: Wie spricht man Sie eigentlich an? Gibt es noch Menschen, die Sie Brian oder Mr. Warner nennen, oder sind Sie endgültig zu Marilyn Manson geworden?

Marilyn Manson: Meine Mutter war die Letzte, die mich Brian nannte, aber die ist tot. Die meisten Menschen vermeiden meinen Künstlernamen. Der Einzige, der mich so anspricht, ist mein Freund Johnny Depp. Der sagt immer: "Hallo, Marilyn Manson", und ich antworte dann: "Hey, Johnny Depp". Das ist so ein Spiel, wenn wir zwei unter uns sind.

ZEIT: Was verbindet Sie mit Johnny Depp?

Manson: Wir haben uns beide die Mentalität bewahrt, mit der wir unsere Karrieren begannen. Wir sind wie Kinder, die sich weigern, erwachsen zu werden. Wir wissen, dass wir etwas erreicht haben, aber unser Privatleben hat sich deshalb nicht großartig geändert. Wir lehnen beide die Vorstellungen ab, die mit dem Ruhm verbunden sind. Was wohl auch daran liegt, dass wir beide aus der working class kommen und immer noch staunen, wie weit wir es gebracht haben, aber eben auch wissen, dass wir dafür hart gearbeitet haben. Wir haben obendrein beide wenige Freunde und tun uns schwer im Umgang mit der Öffentlichkeit. Manchmal möchte auch ich einfach in Ruhe gelassen werden.

ZEIT: Sie beschweren sich über zu viel Aufmerksamkeit? Sie tun doch alles, um Wirbel zu erzeugen.

Manson: Ich beschwere mich auch nicht. Rockmusiker, die sich über Aufmerksamkeit beklagen, haben ein paar grundlegende Dinge nicht verstanden. Trotzdem erwarte ich, dass Grenzen akzeptiert werden. Auch wenn ich als Rockstar einen faustischen Handel eingegangen bin.


ZEIT: Haben Sie Faust gelesen?

Manson: Selbstverständlich, aber nicht im Original. Ich besitze es sogar auf Deutsch. Ein Fan schenkte mir einmal Hitlers persönliche Ausgabe von Faust. Leider verstehe ich es nicht, aber behalten habe ich es trotzdem. Ich liebe die Vorstellung, mit was für Geschichten und Geschichte so ein antiquarischer Band angefüllt ist. Deshalb sammle ich Bücher. Ich habe auch eine Erstausgabe von Dantes Inferno. Mich begeistert schon der Geruch des alten Papiers.

ZEIT: Zuletzt waren Sie auch als Schauspieler erfolgreich. In der US-TV-Serie Sons of Anarchy standen Sie ohne Ihr übliches Grusel-Make-up vor der Kamera. Hat der Rockstar Marilyn Manson langsam ausgedient?

Manson: Das Schöne an der Schauspielerei ist für mich, dass ich einmal jemand anders sein kann. Immer den Schock-Rocker Marilyn Manson zu spielen ist mit der Zeit ganz schön öde. Außerdem war es als Solo-Musiker während all der Jahre auch einsam. Ich wuchs ohne Geschwister auf und hatte als Kind keine Freunde. Meine Jugend war einsam. Die Idee, Teil einer Gang zu sein, faszinierte mich von klein auf. Die Vorstellung, dass da Leute sind, die für einen einstehen, wenn es mal Ärger gibt, war verlockend und einer der Gründe, weshalb ich als Teenager in einer Rockband sein wollte. Aber am Ende war ich dann doch wieder auf mich gestellt.

ZEIT: Als Schauspieler sind Sie das nicht?

Manson: Das war auch nicht unkompliziert. Einige am Set waren nicht begeistert, dass ein Musiker ihren Job macht. Und dann noch einer wie ich. Es kam zu einigen Unstimmigkeiten, und es war eine besondere Erfahrung für mich, dass andere Schauspieler mir dabei den Rücken stärkten.

ZEIT: Was für Unstimmigkeiten?

Manson: Ach, ganz banale Dinge. Mein Rockstar-Ruf als böser Mann eilt mir immer noch zuverlässig voraus. Es wurde zum Beispiel am Set verbreitet, ich sei immer unpünktlich und halte alle auf: der unzuverlässige, unberechenbare Manson eben. Ein egomanischer Rockstar, der sich nicht unterordnen kann – aber das Gegenteil war der Fall. Ich war, wenn ich Drehtage hatte, immer der Erste am Set und immer erstklassig vorbereitet. Das haben dann einige meiner Kollegen, vor allem Charlie Hunnam, der Star der Serie, auch mit Nachdruck klargestellt. Dass jemand tatsächlich mal für mich Partei ergreift, ist ein erfrischendes Gefühl, das mir unbekannt war. Als Marilyn Manson bin ich nämlich ein leichtes Opfer.