Ausgebeutete Mittelschicht? © Hero Images/Getty Images

Der Angestellte Clemens Wemhoff hatte lange gerechnet, Datenreihen ausgewertet, an Formulierungen gefeilt, und am Ende glaubte er, an alles gedacht zu haben. Auf dem Cover des Buches, das er geschrieben hatte, war eine Kuh abgebildet, die den Betrachter hilflos anglotzt. Melkvieh Mittelschicht hieß das Buch, ein Titel, den Wemhoff "schön knackig" fand und den man sich leicht einprägen kann. Aber dann fiel ihm auf, dass seinem Buch etwas Entscheidendes fehlte, ein Vorwort. Wer könnte das verfassen? Wer ist der Schutzpatron für Deutschlands geknechtete Mittelschicht? Wer setzt sich für all die Menschen ein, die gut verdienen, aber unverschämt viel von ihrem Gehalt dem gierigen Staat überlassen müssen?

Wemhoff ist bei einem Versicherungskonzern in Düsseldorf angestellt. Er ist weder arm noch reich, er ist selber Teil der Mittelschicht, aber er grübelte lange über die Frage, wer eigentlich seine Interessen vertritt.

Die Landwirte haben den Bauernpräsidenten, die Schlagerfans haben Heino, auch die rheinisch-westfälischen Schmetterlingsforscher haben einen Vorsitzenden. Sogar die FDP besitzt noch Ortsverbände in Oberschleißheim und Niederkrüchten, und selbst die haben jemanden, der für sie spricht. Aber wer steht für die deutsche Mittelschicht?

Weil ihm niemand einfiel, schrieb Clemens Wemhoff selbst das Vorwort. Er geißelte eine "verfehlte Politik", die Arbeitnehmer "erbarmungslos abzockt". Später veröffentlichte er einen Gastbeitrag auf ZEIT ONLINE, und viele Leser stimmten ihm zu. Wemhoff blieb nicht allein mit seiner Anklageschrift, es kamen weitere Bücher heraus, seit etwa zehn Jahren geht das so.

Wer arbeitet, ist der Dumme: Die Ausbeutung der Mittelschicht. Geschrieben von einem Redakteur des Spiegels.

Die Ausplünderung der Mittelschicht. Geschrieben von einem Redakteur der Süddeutschen Zeitung.

Die Asozialen. Wie Ober- und Unterschicht unser Land ruinieren – und wer davon profitiert. Geschrieben von einem Autor des sterns.

Seither weiß man, wer den Staat am stärksten füttert und wer unter ihm zugleich am meisten leidet: Es sind all die namenlosen Lehrer, Ärzte, Web-Designer, Bankkaufleute, Bauingenieure, Rentner und Chemiefacharbeiter. Viele Millionen Menschen. Deutschlands mittlere Schichten.

Es sind auch Bücher erschienen, in denen man erfährt, wer die Nutznießer sind. Reich durch Hartz IV heißt eines dieser Werke, Wie Abzocker und Profiteure den Staat plündern. Ein anderes trägt den Titel: Hartz IV – und der Tag gehört dir. Die Mittelschicht nährt einen ungerechten Staat, der das Geld einer unersättlichen Unterschicht zusteckt. Die einen arbeiten und zahlen, die anderen arbeiten nicht und geben alles aus. Jeder Angestellte, der am Monatsende auf seine Gehaltsabrechnung schaut, kann das leicht nachvollziehen. Melkvieh Mittelschicht, das leuchtet ein.

Der Haken daran ist: Es stimmt nicht.

Über die Mittelschicht werden pausenlos Märchen erzählt. Doch weil nicht nur die Verfasser der Märchen aus der gesellschaftlichen Mitte stammen, sondern auch diejenigen, die Märchenbücher lesen, fällt ihnen nicht auf, dass sie sich etwas vormachen.

Von der Mittelschicht ist wieder oft die Rede, seitdem in Dresden und Leipzig Tausende Menschen auf die Straße gehen, um gegen den Islam zu protestieren. Viele dieser Demonstranten ordnen sich der Mittelschicht zu. Radikale Vertreter einer eigentümlichen sozialen Klasse verschaffen sich Gehör. Meist ist die Mittelschicht unauffällig, brav und angepasst, dann aber bricht ein Zorn durch, der sich offenbar lange aufgestaut hat. Mal richtet er sich gegen Ausländer, mal gegen den Islam, mal gegen das politische Establishment, mal gegen die Medien oder gegen den Euro. Wir sind die Menschen, die immer die Rechnung zu zahlen haben, das ist der Refrain. Die da oben fliehen mit ihrem Vermögen in die Steueroasen der Welt. Die da unten halten die Hand auf. Aber wir, die Menschen in der Mitte, stützen den Staat – und niemand fragt uns, ob die Last uns erdrückt. Wir werden hemmungslos ausgenutzt.