Pegida-Demonstration am 25. Januar in Dresden © Thomas Lohnes/Getty Images

Vielleicht werden wir, wenn all die Aufregung verflogen ist, wenn wir die Gesichter von Kathrin Oertel und Lutz Bachmann und all den anderen neuen Pegida-Halbprominenten längst wieder vergessen haben – vielleicht werden wir dann sagen: Eigentlich sind wir ganz froh, dass es Pegida gegeben hat. Ausrufezeichen.

Es spricht vieles dafür, dass Pegida jetzt allmählich von der Straße verschwindet. Die Anführer sind zerstritten, die Anhänger sehen müde aus. Und wenn Pegida lediglich eine Demonstration diffus wütender Dresdner gewesen wäre, lägen die Probleme damit hinter uns. Ich glaube nur, dass es so nicht ist.

Ich bin 27 Jahre alt, Ostdeutscher, und Pegida hat meinen Blick auf den Osten, meine Haltung zum Osten verändert. Vor Pegida habe ich den Osten verklärt. Ich habe mich in den vergangenen Jahren von einer "Hurra, die neuen Länder"-Stimmung anstecken lassen, die sicherlich ihre Berechtigung hatte. Der Osten hat die harten Zeiten hinter sich, dachte ich. Ein schöner Selbstbetrug.

Pegida ist mein großer Kopfschmerz, nach dem Rausch der letzten Jahre.

Was haben wir gefeiert! Die neuen Länder waren endlich zur Komfortzone geworden. Ich lebe in Leipzig, dieser Stadt, die in Sachen Hipness und Coolness eigentlich nur noch von ihrem eigenen Ruf getoppt wird. Uwe Tellkamp schrieb einen Roman, der Dresden endgültig in einen Sehnsuchtsort des deutschen Bürgertums verwandelte. Joachim Gauck aus Rostock wurde Sehnsuchtspräsident. Und Angela Merkel, die "Mutti" aus Templin, war plötzlich eine Regentin, die von der Welt zwar nicht geliebt, aber hoch geachtet wurde.

Doch jetzt ist da die bittere Erkenntnis: Auch Pegida gehört zu Ostdeutschland. Die Wut, die Unfreundlichkeit, die Kälte vieler Demonstranten gehören zu Ostdeutschland, ihre Ressentiments ebenso. Ich frage mich seit einigen Wochen, ob es nur mir so geht – dass sich die Enttäuschung über meinen Osten grenzenlos anfühlt.

Ja, verdammt, ich kannte auch die Schattenseiten! Ich kannte sie immer

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe 6 vom 05.02.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Viele, denen ich von meiner Ostdepression erzähle, kommen mir mit Statistiken und Zahlen: Ob ich wirklich erst Pegida gebraucht hätte, um zu sehen, dass die Demokratie im Osten ihre Nöte habe? 20, 25, 30 Prozent der Ostdeutschen hätten dem parlamentarischen Verfassungsstaat ja innerlich gekündigt, sagt man mir, das stehe doch seit Jahren praktisch in jeder Studie zu diesem Thema. Mehr als die Hälfte der Ostdeutschen behaupte: Der Islam gehöre nicht hierher. War das nicht auch schon vor Pegida klar? "Was warst du denn naiv? Wussten wir nicht schon immer, dass ...?" Brauchtest du dafür erst diese Demos?, fragt man mich. DU BIST DOCH JOURNALIST!

Ja, sag ich dann, vom Erfolg der Pegida-Bewegung bin ich ja auch nicht im Kopf überrascht, sondern im Herzen. Ich sah mich als eine Art Markenbotschafter, als Herzensossi, als kritischer Liebhaber womöglich. Für mich war das Glas drei Viertel voll, minimum. Was war schon Leverkusen im Vergleich zu Chemnitz? Jetzt möchte ich so vorerst nicht mehr denken, denn Pegida ist (oder war) wie eine Art Grusel-Peepshow: Der wütende Bürger hat blankgezogen. Und man musste hinsehen, ob man wollte oder nicht.

Damit habe ich und haben alle anderen, die den Osten bislang eifrig verteidigten – auch die Westdeutschen, die hierhergezogen sind und den Osten daheim immer besonders hoch priesen – nun ein manifestes Problem. Man glaubt uns nicht mehr.

Die Selbstbelügen-Presse

Ich kann nur sagen: Ja, verdammt, ich kannte auch die Schattenseiten, ich kannte sie immer! Ich bin ja hier aufgewachsen, mitten in Sachsen. Ich habe meine Jugend auf den Kegelbahnen, in den Schwimmbädern, an den Bushaltestellen der zentralsächsischen Provinz verbracht. Ich habe all die verdammten Sprüche gehört: "Wenn ich diese faulen Türken sehe, klappt mir das Messer in der Tasche auf." – "Journalisten schreiben alle denselben erlogenen Dreck." – "Die Politiker sind an ihrer Kohle interessiert, diese Politikerkaste denkt ja bloß an sich selber." – "Die Asylanten kriegen es hinten und vorn reingeschoben." – "Wie sich die Ausländer hier aufführen!" – "Aber die Vietnamesen, die sind ja wenigstens fleißig." Wobei, nein, "Vietnamesen" hat kaum einer gesagt. Von "Fidschis" war die Rede.

Das sind keine Sprüche, die mir ausnahmsweise, ein oder zwei Mal, begegnet wären. Ich hörte sie immer wieder. Ich kenne auch die wütenden Gesichter schon, die bitteren Greise und die krass schlecht gelaunten Jungen, die man jetzt bei Pegida sehen konnte – natürlich kenne ich sie. Aber ich habe seit meiner Jugend kaum an sie gedacht. Man wendet sich irgendwann von solchen Leuten ab – man versucht, sich damit nicht zu belasten. Man wendet sich dem zu, was einem gefällt. Das ist menschlich. So habe ich es gemacht. Ich habe das Schillernde am Osten gesehen. Ich habe das Finstere verdrängt. Aber es war dadurch nicht weg.

Habe ich etwa bislang zur Selbstbelügen-Presse gehört?

Ziemlich offensichtlich brach bei Pegida etwas an die Oberfläche, das schon immer da war: Man sieht jetzt, dass ein nicht unerheblicher Teil der Ostdeutschen frustriert ist, die Eliten aus Politik und Medien ablehnt, Vorurteile gegen Fremde hegt oder ganz allgemein der Demokratie abgeschworen hat. Nein, nicht jeder Pegidist ist für unser Land verloren. Es geht auch nicht jeder Pegidist aus Protest gegen Muslime auf die Straße, darüber ist jetzt oft genug gesprochen worden. Mir ist ein anderer Punkt wichtig: Dass das ostdeutsche Zukräftenkommen der vergangenen Jahre an so vielen Bürgern vorbeigegangen zu sein scheint, dass so viele nicht einmal versucht haben, den Aufbruch in die neue Zeit mitzugehen – das macht mich ratlos. Ich höre auf den Demos die "Lügenpresse"-Rufe und denke: Offenbar war ich eher von der Selbstbelügen-Presse. Ich habe mir ein Ostbild gezimmert, das geschönt war. Die Sprüche, die ich seit meiner Jugend kenne, sind die Sprüche von Dresdner Montagen 2015.

Jeden Tag fürchte ich inzwischen, dass mir irgendein alter Freund eröffnet: "Pegida find ich gut." Ich laufe durch die Stadt und frage mich: "Ist das da ein Pegidist? Und der dort?" So geht es vielen, die ich kenne. Auf dieses Dresden, das ich eigentlich mag, hab ich richtige Wut zurzeit. Und so verläuft ein neuerdings allzu deutlicher Riss durch Ostdeutschland, der den Soziologen Heinz Bude zur Erkenntnis bringt, es gebe gar keinen Osten mehr: Die Gewinner der Wende- und Nachwendezeit würden sich abgrenzen von denen, die zu den Verlierern gehörten; die Verlierer fänden immer schwerer auf die Gewinnerseite zurück. So sagte er es gerade in seiner "Dresdner Rede" bei der Sächsischen Zeitung.

Die Autorin Jana Hensel schrieb, nachdem sie eine Demo von Legida, dem Leipziger Pegida-Ableger, besucht hatte: Die altbekannten Ressentiments vieler Ostdeutscher hätten mit Pegida "nun eine Form, einen Namen und auch irgendwie ein Gesicht. Es sind ja die wenigsten, die auf die Straße gehen. Da zeigt sich ein Riss, der schon immer da war und nun noch weniger verschwinden wird."

Aber hier fängt die Sache schon an, doch wieder fruchtbar zu werden. Hier kommt die gute Nachricht am schaurigen Pegidistenkram. Der Osten erlebt eine Auseinandersetzung wie wohl noch nie in den vergangenen 25 Jahren, einen inneren Kulturkampf. Das Beste an Pegida ist der Zwang, sich dazu verhalten zu müssen. Da sind die vielen Gegendemos, die neuen Diskussionsforen, die Zeitungen, die wieder voller Streit sind plötzlich. In den Städten wird, so banal das zunächst auch klingt, wieder geredet. Die Übellaunigen, die man nie zu fassen bekam – sie sprechen nun, sie sind bei Pegida. Die Ressentimentgeladenen sind somit sichtbar geworden, fühlen sich jetzt stark. Was für eine Chance! So verschafft uns die Pegidisierung des Abendlandes erlösenden, bitter nötigen Streit. Tellkamps Dresden gegen Bachmanns Dresden. Hypezig gegen Legida. Akzeptieren wir kein "Man wird ja wohl noch sagen dürfen" mehr. Kein "Ich hab ja nix gegen Ausländer, aber ...". Die Auseinandersetzung, die Pegida und Nopegida, Protest und Gegenprotest, in die Städte getragen haben – gab es so etwas jemals seit 1989?

Vielleicht ist der unerhörte Dienst, den uns die Pegidisten erweisen, am Ende der, dass ein ostdeutscher Clash der Kulturen endlich möglich wird.

Die Medien können das begleiten, es könnte unser großes Thema der kommenden Jahre werden. Auch für uns Presseleute hat Pegida seine guten Seiten, und das sage ich trotz übler Erfahrungen. Meine private Pegida-Empirie, als Reporter auf den Demos: Ein Dutzend Mal wurden mir Prügel angedroht. "Du kommst heut nicht heil nach Hause." Mir wurde aufgelauert am Rande der Pegida- "Spaziergänge", man verfolgte mich, um mir Angst zu machen. Einmal, als einer mir das Handy abnehmen wollte, ließ ich mich von der Polizei nach draußen begleiten. Kollegen erzählen Ähnliches.

Das erzeugt natürlich erst einmal Trotz, bei mir und vielen anderen. Aber es gibt eine Einsicht, die uns Medienleuten gut tut: nicht etwa, dass der Lügenpresse-Vorwurf in seiner Pauschalität etwas Wahres hätte. Nein, es ist etwas anderes. Ich glaube, uns war nicht klar, wie sehr auch wir Journalisten im Osten schon lange zum Establishment gehören, gezählt werden. Dass ich mein Bild vom Osten geschönt hatte, liegt ja gerade daran.

Politiker, denen ich von meinen Erlebnissen auf den Demos berichte, zucken nämlich nur mit den Schultern. "Endlich trifft’s euch Journalisten auch mal", hat einer zu mir gesagt, und ich kann ihn verstehen. Das, was Politiker schon lange erleben – Ablehnung in übelstem Tonfall –, hat jetzt auch die Medien erwischt. Wenn die eigene Stahlbad-Erfahrung, die wir Journalisten gerade machen, zur Folge hat, dass wir künftig sorgsamer darauf achten, wie wir mit Politikern umgehen; dass wir uns noch klarer machen als bisher, welchen Gewittern wir diejenigen aussetzen, über die wir unangemessen hart berichten? Dann wäre schon was gewonnen.

Sollen wir einen Politiker, der eine These hat, und klinge sie noch so falsch, stets gleich einen Kopf kürzer machen? Damit helfen wir keinem Streit. Im Streit um die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, hat Stanislaw Tillich, der CDU-Ministerpräsident, zwar das denkbar Pegida-Anbiederndste gesagt, das er sagen konnte – der Islam gehöre nicht zu Sachsen. Aber man könnte sagen: Immerhin war dies seine erste eindeutige Meinungsbekundung seit Ewigkeiten. Darüber kann man jetzt mit ihm diskutieren, daran kann man ihn endlich einmal festmachen. Politik von der Konsistenz eines Puddings ist seit Pegida nicht mehr plausibel.

Pegida wird vergessen werden

Wir müssen Pegida nicht so wichtig nehmen. Die Leute hingegen schon

Pegida ist nicht das Ende des Abendlandes, es ist nicht einmal das Ende des guten Rufs von Dresden. Wir dürfen Lutz Bachmann nicht zu wichtig nehmen, weder wir Bürger im Allgemeinen, noch wir Journalisten im Besonderen. Pegida wird vergessen werden. Einer der Pegida-Organisatoren hat gerade herzlich den Medien gedankt, weil diese doch Pegida erst groß- und hochgeschrieben hätten.

Denn, mal Schluss mit der Jammerei: Das Phänomen Pegida ist auch im Osten zwar vielleicht eingeschränkt massen-, aber gewiss nicht mehrheitsfähig. "Pegida ist nicht das Volk", hat Thomas Petersen vom Allensbach-Institut für Demoskopie in einem Gastbeitrag in der FAZ geschrieben. Die Deutschen seien in der überwältigenden Mehrzahl nicht umstürzlerische Pegidisten, sondern ziemlich happy mit ihrem Land. Die Zufriedenheit mit der Demokratie nehme seit Jahren zu. Selbst im Osten.

Heinz Bude glaubt, dass die Pegidisten nun, da die zerstrittene Bewegung womöglich kleiner wird, überwiegend wieder ins Lager der stillen Nichtwähler flüchten könnten. Das müssen wir verhindern! Am dümmsten wäre es, wenn wir das absehbare Ende von Pegida zum Anlass nehmen würden, schon wieder den einfachsten Weg zu gehen. Wenn wir erneut anfingen, die Risse zu ignorieren. Das Schlimme ist ja, dass das funktionieren würde, sehr gut sogar. Aber eine Wahlbeteiligung von weniger als 50 Prozent, von vielleicht sogar 40 Prozent irgendwann, wer kann so etwas wollen?

Als Journalist und Ossi sage ich: Ich will dieses Ostdeutschland weiterhin herzlich lieben, aber es soll keine verklärende Beziehung mehr sein zwischen uns. Eher eine, in der man sich so laut anschreit, dass die Nachbarn klingeln. Nur, um mal zu fragen, ob noch alles in Ordnung ist.