Der neue Verteidigungsminister küsst ehrerbietig die Hand des Bischofs, dann wendet er sich dem Journalisten zu. Ein Reporter aus Deutschland? Sehr gut. "Die Deutschen schreiben ja allerlei über mich, sie glauben, ich sei ein Teufel", sagt Panos Kammenos halb scherzhaft, halb verärgert. Er würde da gern mal was klarstellen.

Geschrieben wurde unter anderem, dass Kammenos, Gründer der rechtsnationalistischen Partei Unabhängige Griechen (Anel), der Ansicht sei, Europa werde von deutschen Neonazis regiert. Und dass er enge Verbindungen nach Moskau pflege. Der stämmige 49-Jährige streitet das nicht ab. Klarstellen will er nur: "In Griechenland wird jetzt ein neues Kapitel aufgeschlagen. Die gewählte Regierung wird an erster Stelle für das griechische Volk entscheiden, erst danach für das europäische Volk. Es ist nicht akzeptabel, dass eine andere Regierung die Souveränität unseres Volks aushebelt." Zu dieser Souveränität gehöre es, dass die Regierung sich in Ruhe überlegen werde, ob "sie weiteren Sanktionen der EU gegen Russland zustimmt". Russland und Griechenland seien schon lange Verbündete, und sie blieben es auch in Zukunft. Man möchte von Kammenos wissen, was das konkret heißt. "Warten Sie es ab", sagt er.

Doch die neue Regierung aus linker Syriza und rechter Anel wartet nicht ab. Als einen der ersten Gratulanten empfing Wahlsieger und Premier Alexis Tsipras den russischen Botschafter, und kaum stand sein Kabinett, kabelte er nach Brüssel, dass Griechenland nicht bereit sei, eine EU-Erklärung zu unterschreiben, die Russland die Verantwortung für die jüngste Gewalteskalation in der Ukraine zuspricht. Zwar stimmte zwei Tage später der neue Außenminister Nikos Kotzias einer Verlängerung der Sanktionen gegen Russland zu, doch nicht nur die EU-Regierungen, sondern auch manche Griechen fragen sich nach den Ereignissen der letzten Tagen, wes Geistes Kind die neue Koalition aus Linken und rechten Nationalisten ist. Ihr Verhältnis zum Putin-Regime ist der Testfall.

Bereits kurz vor der Wahl, am 14. Januar, machte Anel-Chef Kammenos seine Aufwartung in Moskau und unterhielt sich dort mit dem Chef des außenpolitischen Ausschusses der Duma, Alexej Puschkow. Tsipras war zuletzt im vergangenen Mai in Moskau, zwei Monate nach der Annexion der Krim. Er traf sich mit Walentina Matwijenko, einer Putin-Vertrauten und Chefin des Föderationsrats, die der Westen wegen ihrer Rolle bei der Einverleibung der Krim mit einem Einreiseverbot belegte. Tsipras redete damals fast in Putin-Diktion und beklagte den "Rückschritt, dass Faschisten und Neonazis" in Kiew an der Macht seien und "die EU das akzeptiere".

Mit dem Syriza-Chef in Moskau unterwegs war Nikos Kotzias, seit voriger Woche Griechenlands Außenminister. Kürzlich tauchten Fotos auf, die ihn mit einem alten Bekannten zeigen, dem radikalen russischen Philosophen Alexander Dugin. Der war bereits im April 2013 zu Gast in Piräus und sprach zu vierzig Studenten von Professor Kotzias. Dugin warb für ein "byzantinisch-orthodoxes Europa" und warnte: Im bestehenden "liberalen, proamerikanischen Europa" werde die wahre Identität der Griechen unterdrückt.

Finden hier rechte Eurasien-Philosophen und linke EU-Kritiker zusammen? Der Athener Regierungssprecher Gabriel Sakellaridis wiegelt ab und versichert, der Putin-Freund Dugin sei niemand, mit dem die Regierung Tsipras diskutiere. "Nikos Kotzias", sagt er, "ist jetzt als Außenminister in einer anderen Funktion, und er folgt den Richtlinien der Regierung." Aber welche Richtlinie gilt gegenüber Russland? Das wisse er noch nicht, sagt Sakellaridis. "Darüber diskutieren wir noch."

Wie schwierig diese Diskussion ist, lässt sich erahnen, wenn man mit Stathis Leoutsakos über den Krieg in der Ukraine redet. Der Exkommunist und Gewerkschafter gehört zum Vorstand von Syriza und empfängt in der Parteizentrale. An den Wänden hängen Merkel-Plakate mit der Aufschrift "No more – thank you!", prall gefüllte Aschenbecher zeugen vom Sitzungsmarathon. In der Ukraine, sagt Leoutsakos, hätten sich die "großen europäischen Kräfte" ebenso provozierend eingemischt wie in Syrien, mit Methoden, die zur Gewalt führten. "Russland war deshalb verpflichtet, in die Ukraine einzumarschieren."

Rund 2200 Kilometer von Athen entfernt ist man beglückt über diese Äußerungen. Drei Tage nach dem Wahlsieg von Syriza gibt Russlands Außenminister in Moskau einen Neujahrsempfang. Auf den Tischen Wildlachs, Stör und roter Kaviar, serviert unter Kristalllüstern und Kassettendecken. Sergej Lawrow ist entspannt, zieht genüsslich an einer Zigarette und sagt: "Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit der neuen griechischen Regierung." In der Komsomolskaja Prawda feiert der kremlnahe Politologe Sergej Markow: "Das ist der Beginn des griechischen Aufstands gegen die oligarchisch-bürokratische Diktatur von Brüssel."

Die Moskauer Führung sieht in der neuen Athener Regierung vor allem ein Mittel, um Zwietracht in der EU zu säen. Das beabsichtigte auch Finanzminister Anton Siluanow mit seiner Ankündigung, Moskau könne Griechenland durchaus finanziell unter die Arme greifen. Niemand hatte darum gebeten, Siluanow drängte sich förmlich auf, gezielt in einem westlichen Fernsehsender. Russland pflegt beste Beziehungen mit extremistischen Parteien wie Jobbik in Ungarn und dem Front National in Frankreich. Mit Griechenland hofft man nun, zum ersten Mal eine ganze EU-Regierung auf die russische Seite zu ziehen. Russlands Botschafter in Athen spricht gern von den "hervorragenden historischen Beziehungen" zwischen beiden Ländern.

Gibt es sie wirklich oder sind sie eher ein Mythos? Das russische Alphabet ist aus dem griechischen hervorgegangen. Auch sind Griechen und Russen mehrheitlich christlich-orthodoxe Völker. Der erste griechische Präsident 1828 war zuvor Diplomat in Russland gewesen. Im griechischen Bürgerkrieg von 1944 bis 1949 flohen Zehntausende griechische Kommunisten in die Sowjetunion. Doch man kann die Geschichte auch anders erzählen, als eine von Rivalität. Die griechisch-orthodoxe Kirche und ihr ökumenischer Patriarch stehen bis heute in scharfer Konkurrenz mit der russisch-orthodoxen Kirche. Griechenland war in den Weltkriegen und vor allem im Kalten Krieg ein Verbündeter der Engländer und Amerikaner. Deshalb sehen viele Russen heute die Griechen – im Gegensatz zu den Serben – nicht als alte Freunde.

Der Mythos wird vor allem in Griechenland gepflegt. Einige Philosophen und Journalisten fabulieren gern über Russland als Verbündeten. Auch frühere griechische Regierungen setzten auf Nähe zu Moskau, vor allem Kostas Karamanlis, Ministerpräsident bis 2009. In den neunziger Jahren kaufte Griechenland Waffen in Russland, vor allem Kurzstreckenraketen und Landungsboote. Doch die größten Exportmärkte Griechenlands sind die Türkei, Italien und Deutschland; Russland steht auf Platz 16. Seit dem Rubelabsturz bleiben auch russische Touristen immer häufiger weg. Die bedeutendste wirtschaftliche Verbindung zwischen Moskau und Athen sind Gaspipelines. Griechenland bekommt 60 Prozent seines Erdgases aus Russland. Über sein Territorium könnte in Zukunft eine wichtige Exportleitung für russisches Gas nach Westeuropa laufen. Darüber will Moskau mit Tsipras reden.

Das eigentliche Problem der möglichen neuen Bande zwischen Russen und Griechen dürfte in der Versuchung Moskaus liegen, die Europäer permanent gegeneinander auszuspielen. Die neue griechische Regierung stärkt das Lager jener EU-Staaten, die die Sanktionen lieber heute als morgen aufheben wollen. Ein russischer Diplomat in Athen drückt seine Hoffnung so aus: "Die griechische Regierung spricht doch im Grunde für das kollektive Unterbewusstsein Europas."