DIE ZEIT: Tauchen Sie gerne, Herr Taylor?

Jason deCaires Taylor: Oh ja, oft sechs Stunden am Tag. Allein schon weil ich gerne nachsehe, wie es meinen Kunstwerken ergeht.

ZEIT: Sie fertigen große Betonskulpturen, meist menschliche Figuren, und versenken sie dann nahe der Küste im Meer. Wer sie anschauen will, muss tauchen oder schnorcheln.

Taylor: Ich finde das sinnlich: Man kann meine Skulpturen umrunden, um ihre Beine schwimmen oder über ihre Köpfe, sie aus allen Winkeln betrachten. Dabei steht der Besucher nicht fest am Boden, er schwebt durchs Wasser. Das verändert auch den Geist. Man fühlt sich frei und ist offen für Neues.

ZEIT: Sie zeigen zum Beispiel Banker, die den Kopf in den Sand stecken. Oder einen Mann, der sich mit Burger und Pommes vor dem Fernseher fläzt. Themen, die sich auch an Land aufgreifen ließen. Was ist das Besondere an Kunst unter Wasser?

Taylor: Dass die Figuren immer wieder anders aussehen. Oben kräuseln Wellen das Wasser. Damit variiert das Licht, das auf die Skulpturen fällt. Vor allem aber verändern die Meeresbewohner die Skulpturen.

ZEIT: Wie muss man sich das vorstellen?

Taylor: Ich lasse eine Skulptur ins Wasser. Und nach sechs Tagen hat sie auf einmal Flecken, weil sich eine grüne Alge angesiedelt hat. Ein paar Tage später kommen pinkfarbene Algen hinzu. Oder ein Seestern klebt an ihrem Kopf. Es ist, als hättest du ein zweites Künstlerteam, das deine Arbeit fortführt. Jede Statue ist anders, auf jeder siedeln andere Organismen, je nachdem wie stark die Strömung ist und welche Mineralien im Wasser sind.

ZEIT: Stört es Sie, dass Sie quasi die künstlerische Leitung abgeben?

Taylor: Nein. Dieser Wandel ist das Schönste an meiner Kunst. Die Farben, die Formen, die entstehen, die könnte ich mir gar nicht ausdenken. Anfangs bin ich jeden Tag zu meinen Skulpturen getaucht. Ich wollte sehen, wie sie sich verändern.

ZEIT: Welches Werk der Natur finden Sie besonders gelungen?

Taylor: Eine Skulturengruppe im Meer vor Grenada. Dort stehen Menschen im Kreis und halten sich an den Händen. Die Hälfte der Gruppe hat sich völlig verändert. Sie steht in einer Strömung und ist jetzt komplett überzogen – und zwar mit hellen Schwämmen. Ein schönes Bild, das zeigt: Menschen verändern sich und passen sich an, je nachdem wo sie sind und was sie erleben.

ZEIT: Wie kamen Sie eigentlich dazu, Kunst im Meer zu versenken?

Taylor: Die Idee hatte ich schon lange. Ich habe Kunst studiert, dann als Tauchlehrer gearbeitet. Schon damals dachte ich: Wenn du mal in Rente bist, verbindest du beides, dann machst du Unterwasserkunst. Und irgendwann fragte ich mich, warum ich damit warten soll, bis ich alt bin? Da habe ich das einfach mal ausprobiert und vor Grenada ein paar liegende Frauenskulpturen versenkt.