Jürgen Maier weiß nicht, wann ihn der Protest überholt hat. Doch wo er es das erste Mal gespürt hat, daran erinnert er sich genau. Maier ist eine Schlüsselfigur der Anti-TTIP-Bewegung. Seit einem Jahr reist er durch die Republik, organisiert Demos, Protestveranstaltungen und hält Vorträge. Anfangs musste er seinen Zuhörern noch erklären, warum das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA eine üble Sache sei. Dann reichte die Warnung vor amerikanischen "Chlorhühnchen" und "Hormonfleisch" auf deutschen Tellern. Doch am 5. September um halb acht abends war der Mann, der alle Argumente gegen das Abkommen zu kennen glaubte, sprachlos. Da stand im Gartensaal des Bürgerhauses von Burghausen ein alter Mann auf und warnte mit Grabesstimme: "Wenn TTIP, wenn der Freihandel kommt, wird alles schlechter. Dann sinkt auch die Rente."

Der Effekt, den TTIP auf die Deutschen hat, ist beeindruckend. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang galt hierzulande das unausgesprochene Bekenntnis: Freihandel ist gut. Für die Wirtschaft. Für die Jobs. Und für die Menschen. Jede Bundesregierung, egal welche Partei regierte, war für freien Handel. Und die meisten Bürger waren stolz auf den Titel des Exportweltmeisters. Schließlich hat kein anderes Land so davon profitiert, dass es immer leichter wurde, Maschinen, Medizin und Autos weltweit zu verkaufen. Dass Länder ihre Zölle senkten. Dass sie "made in Germany" als Garantie für Qualität und Sicherheit akzeptieren.

Die Globalisierung, so könnte man auch sagen, hat Deutschland reich gemacht.

Doch ausgerechnet bei den Deutschen wächst nun die Angst. Der Frust mit dem Freihandel hat sich inzwischen auch bei Sozialdemokraten, in Teilen der CSU, in Stadtparlamenten und Verbänden breitgemacht. Alle fürchten, dass sich Europa und die USA zu einem großen Markt zusammenschließen könnten und dass die Konzerne dann zu viel und die Bürger immer weniger zu sagen haben. Dass vieles, was ihnen lieb und teuer ist, bedroht sein könnte.

Eltern sorgen sich vor gentechnisch verändertem Essen im Supermarktregal. Künstler fürchten um die Subventionen für die Theater und Bürgermeister um die Zukunft ihrer Wasserwerke.

Und so vergeht hierzulande kaum ein Tag ohne TTIP-Veranstaltung. In der vergangenen Woche wurde im Europazentrum Gütersloh diskutiert, in der Paulskirche in Dortmund und auf dem Marktplatz von Traunreut in Bayern. In Hamburg, wo im Wahlkampf um die Bürgerschaft eigentlich lokale Themen die Hauptrolle spielen sollten, hängen Freiwillige Denkzettel an Türen. Auf ihnen steht: "Stoppt TTIP. Rettet die Demokratie."

Wie konnte das passieren?

An einem Dienstag im November klappt Pia Eberhardt ihren Laptop auf. Auf dem Deckel steht: "TTIP ist böse", in weißer Schrift auf rotem Hintergrund. Die junge Frau gehört wie Jürgen Maier zum Kern der Aktiven. Sie ist gut gebildet und eloquent, hat bei Anne Will über das Thema diskutiert, im Bundestag geredet, sie führt Journalisten durch das politische Brüssel und steht mit Interviews in den Zeitungen. Pia Eberhardt staunt immer noch, dass sie mit ihrem Protest plötzlich so viele Leute erreicht. Jahrelang hat sich kaum jemand für ihre Meinung zur Handelspolitik interessiert.