Sonntagmittag, zwölf Uhr, das Spiel beginnt: Der Mann, der sich den Club RCD Mallorca vor zwanzig Tagen gekauft hat, sitzt auf einem schwarzen Ledersitz in der Präsidentenloge. Das Stadion Son Moix liegt eigentlich in einer unwirtlichen Gegend, ist aber nur 15 Minuten von der Inselhauptstadt Palma entfernt. Neben ihm: der Präsident des heutigen Gegners aus Valladolid. Vorher haben sie im Büro zusammen gefrühstückt, das gehört in Spanien zur Fußballkultur. Jetzt schauen sie gemeinsam Zweitligafußball.

Seitdem Claassen, der streitbare Topmanager, die Macht beim Inselclub RCD Mallorca übernommen hat, sehen seine Wochenenden anders aus als vorher. Er landet dann auch schon mal in Girona, einer Kleinstadt an der Costa Brava, und muss dem Inselsender IB3 hinterher erklären, wie er ein 0 : 0 erlebt hat. "Murcia oder Miranda", sagt Claassen, "in der zweiten Liga kommt man auch in Städte, in die man sonst noch nicht gefahren ist." Das Projekt sei intellektuell, emotional und kulturell spannend für ihn, aber damit das jetzt bloß niemand falsch versteht, fügt er hinzu: "Ich will natürlich so schnell wie möglich nach oben."

Utz Claassen, 51, hat im Januar 2015 ein Stück Fußballgeschichte geschrieben. Er ist der erste Deutsche weltweit, dem ein Profiverein gehört. Jetzt muss er nur noch die Insel hinter sich bringen. Und: aufsteigen. Er sagt: "Mit Cristiano Ronaldo als Gegner kannst du einen Charterflieger aus Hamburg oder Düsseldorf voll machen."

Der Schiedsrichter pfeift zur Halbzeit. Claassen geht die Betontreppe hinunter, muss viele Hände schütteln. Einer der acht Ex-Trainer, die er in den vergangenen vier Jahren im Verwaltungsrat erlebte, ist angereist. Gregorio Manzano trainiert inzwischen Beijing Guoan. Sie treffen sich im VIP-Raum, der eher wie eine rustikale Tapasbar wirkt. Die Szene: Der deutsche Balearen-Präsident spricht auf Spanisch in das Mikrofon eines chinesischen Fernsehteams. Mehr Globalisierung war selten auf Mallorca. Gleichzeitig ist das genau Claassens Kragenweite. Donnerstag war er an einem Tag geschäftlich in Hannover, Frankfurt, Madrid und Palma. Zu dem Job des deutschen Machers gehört es jetzt auch, Trikots mit der chinesischen Delegation zu tauschen. Dann muss er wieder raus auf seinen Ledersitz. Er trägt den rot-schwarzen Clubschal, das Wappen ziert eine Krone.

Aus dem nahen Tramuntana-Gebirge weht ein eisiger Wind herüber. Es ist so zugig im offenen Stadion, dass die Spieler den Faktor Windstärke in ihr Spiel einberechnen müssen. Am Ende verlieren sie mit 1 : 5, aber ihr Präsident stellt sich in der Kabine vor sie hin und sagt: "Macht euch keine Sorgen, wir gewinnen und verlieren gemeinsam. Heute habt ihr mit Würde verloren. Lest morgen aber besser keine Zeitungen."

Der Präsident ist erleichtert, dass es im Stadion ruhig geblieben ist. Die Fans akzeptieren die Niederlage, weil sie hoffen, dass langfristig bessere Zeiten kommen. Bis vor Kurzem wäre ein Präsident nach einem solchen Ergebnis geteert und gefedert worden, sein Vorgänger hat sich zuletzt gar nicht mehr hergetraut. Die Misere ist groß und lang anhaltend: 2010 hatte der Traditionsverein sogar Insolvenz angemeldet, mit 100 Millionen Euro Schulden. Inzwischen sind es nur noch 30 Millionen, sagt Claassen. Er ist angetreten, um Transparenz herzustellen. Und natürlich, weil er ein Geschäft wittert. Er sagt: "Niemand investiert, um Geld zu verlieren."

Das Stadion hat sich rasch geleert. Die Zuschauer, immerhin 6.200 waren es heute, sind schnell nach Hause. Man isst auf Mallorca am Sonntag ab 14.30 Uhr zu Mittag, sagt Claassen. Er sitzt jetzt alleine in seinem Präsidentenzimmer, draußen rüttelt der Wind an den Stadionfenstern. Er hat noch gar keine Zeit gehabt, sein neues Büro einzurichten. Mit dem massiven braunen Schreibtisch, dem ovalen Holztisch in der Mitte und der Fahne in der Vase sieht es aus wie bei der Stadtverwaltung. Claassen, der auch einmal Industriedesign studiert hat, stellt es sich weniger museal vor: hellgrauer Teppichboden, weiße Wände, ein schlichter Tisch. Er sagt: "Ich lehne grundsätzlich alles Barocke und Plüschige ab." Es wird nicht lange dauern, bis es in der Herzkammer des Clubs komplett anders aussieht. Claassen hat sich vorgenommen, den Verein in den nächsten Jahren auf den Kopf zu stellen.

Dass er seine Sonntage auf der Insel einmal so verbringen würde, hatte er vor vier Jahren nicht gedacht. Er war gerade bei dem inzwischen insolventen Unternehmen Solar Millennium zurückgetreten, hatte angefangen, Bücher zu schreiben, und wurde gefragt, ob er sich an einem regionalen Projekt beteiligen wolle. Das Ergebnis: Claassen kaufte zehn Prozent des Inselclubs, der damals noch erfolgreich in der Primera División spielte. Einmal im Jahr schauten der FC Barcelona und Real Madrid vorbei, das wollte der Fußballfan nicht verpassen. Zu seiner Zeit als Finanzvorstand bei Seat – damals lebte er in Wolfsburg und Barcelona – hatte er in drei Jahren auch kein Heimspiel von Barça ausgelassen.

Der Investor gab sich schon bald nicht mehr damit zufrieden, nur das folkloristische Element im Aufsichtsrat zu sein. Er hatte festgestellt: Die Mehrheitseigner nahmen gerne sein Geld, verbaten sich aber jedes weitere Engagement. Nicht mit Utz Claassen, der fortan über die lokalen Medien öffentlich Druck auf die Verantwortlichen ausübte. Für die regional verwurzelten Statthalter wurde er zur personifizierten Nervensäge. Claassen erstellte einen legendären Maßnahmenkatalog mit 126 Forderungen. In der Folge krachte es beständig im Verwaltungsrat. Man könnte auch sagen: Die Vorstellungen von zeitgemäßer Unternehmenskultur standen im größtmöglichen Gegensatz zueinander.

Er hätte mehrfach aussteigen können, aber er hatte längst Spaß gefunden an dem Projekt. Jetzt ist es sein eigenes. 2015 hat er zum Jahr ausgerufen, in dem die 126 Punkte angegangen werden sollen – und ein paar mehr. Das Stadion, das verkehrsgünstig zwischen Flughafen und Palma liegt, ist der zentrale Faktor in seinem Masterplan. Wenn es nach Utz Claassen geht, soll es ähnlich radikal umgebaut werden wie die heutige HDI-Arena in Hannover: Spielfeld um 90 Grad drehen, Laufbahn weglassen, Infrastruktur schaffen, Bewirtung verbessern, VIP-Logen bauen. Kapazität: 25.000 Sitzplätze. Das Ziel: Die Fans sollen nicht mehr erst zehn Minuten vor dem Spiel kommen und fünf Minuten hinterher weg sein. Wenn Claassen zu Spielen von Hannover 96 geht, seinem alten Herzensverein, verbringt er dort schon mal sieben Stunden. Je länger der Fan vor Ort konsumiert, umso mehr Einnahmen generiert ein Verein.

Claassen führt den Club jetzt wie eine Aktiengesellschaft. Es ist erst zwei Wochen her, dass er das Kommando übernommen hat, und schon steht die neue Besetzung des wichtigsten Vereinsgremiums: drei Deutsche, drei Spanier. Er könnte auch alles allein entscheiden, aber er hat sich Experten an Bord geholt. Ja, manchmal stimmt jetzt sogar seine Frau gegen ihn, die ihrerseits 20 Prozent der Clubanteile besitzt.