Ein rundes Kinn und darüber ein schnurgerades Lächeln, so sparsam, dass sich nicht einmal die Mundwinkel nach oben biegen. Keine Nase, keine Augen, keine Erklärung: Tagelang war dieser halbe Kopf in Hamburg plakatiert, nur der untere Teil, und doch wussten alle, um wen es sich da handelte: Olaf Scholz.

Nun steht dieser Olaf Scholz auf dem Parkett im Hamburger Hotel Atlantic, erstmals seit Tagen zeigt der Bürgermeister wieder sein ganzes Gesicht, und alles in diesem Gesicht signalisiert Gequältheit. Kontrollierte Gequältheit. Soeben hat der Moderator des Presseballs angekündigt, der Eröffnungswalzer werde zweieinhalb Minuten dauern. 150 Sekunden. 150 Sekunden können sehr lang sein.

Die Musik hebt an, Scholz setzt sich in Bewegung, immer leicht neben dem Takt. Aber er beherrscht sich, er blickt, als wüsste er gerade nichts Besseres, als sich wie ein schwerer Aktenschrank über die Tanzfläche zu schieben, er müht sich und dreht sich, immer rechtsherum, denn eines darf auf keinen Fall passieren: dass am nächsten Tag jemand schreibt, Scholz habe die Führung abgegeben.

24. Januar 2015, noch drei Wochen bis zur Hamburger Bürgerschaftswahl, der Erste Bürgermeister hat die Stadt im Griff. Er ist so bekannt, dass er Fotos von seinem halben Kopf aushängen kann, und trotzdem erkennen ihn alle. Er ist so unangefochten, dass das meistdiskutierte Thema des Wahlkampfs dessen Langeweile ist. Und so kontrolliert, dass ihm öffentlich kaum Fehler unterlaufen. Von Olaf Scholz heißt es, er hasse es, als Verlierer dazustehen. Weshalb er sich möglichst nicht in Situationen begibt, in denen er Fehler machen könnte. "Normalerweise jogge und rudere ich lieber", sagt er nach dem Walzer. Er rudert im Einer, nicht im Team. Er sei noch nie ins Wasser gefallen, sagt er. Und geht.

Nach vier Jahren mit absoluter Mehrheit hat Olaf Scholz seine Rolle gefunden. Er ist nicht mehr der "Scholzomat", er ist "König Olaf", er ist immer noch unlocker, aber angstfrei und unerschütterlich. Wer es ihm mal so richtig zeigen will, zitiert den autoritären Satz, den Scholz 2011 bei seiner Kür zum Spitzenmann der Landes-SPD geprägt hat: "Wer bei mir Führung bestellt, bekommt sie auch."

Scholz zuckt dann nur die Schultern. "Wer Führung bestellt, bekommt sie auch: Der Satz fasst für mich nur zusammen, was demokratische Politik bedeutet", sagt er. Punkt. Diese Fähigkeit, Politik auf ihren machtpolitischen Kern zu reduzieren, besitzt sonst eigentlich nur noch eine: Angela Merkel. Deshalb lautet die Frage nicht, ob er noch einmal Bürgermeister wird – sondern nur, ob er es ein zweites Mal mit absoluter Mehrheit schafft. Und wie lange ihm das noch reicht: Hamburg.

17. Dezember 2014, im Rathaus. Vor Scholz liegt nur noch die Haushaltsdebatte, dann beginnt die Weihnachtspause. Der Bürgermeister gibt sich entspannt: "Was soll schon groß passieren?", fragt er.

Ja, was soll schon passieren? Hamburgs Haushalt steht gut da, die Schuldenbremse wird eingehalten. Scholz hat es in den vergangenen beiden Jahren geschafft, jeweils mehr als 6.000 Wohnungen zu bauen, davon 2.000 Sozialwohnungen, er hat die Studiengebühren abgeschafft und die Stadt zum einzigen westdeutschen Land mit kostenloser Kita-Grundbetreuung gemacht – und aus alldem geht Hamburg mit einem Haushaltsüberschuss von wahrscheinlich 400 Millionen Euro heraus.

Der Opposition bleibt da oft nichts übrig, als zu quengeln: Die SPD hält ihre Wahlversprechen? Total visionslos, dieses bornierte Abarbeiten, moniert die CDU. Die SPD ändert dann doch mal den Kurs und geht auf Forderungen der Opposition ein? Themenklau, findet die FDP. Es kommt auch vor, dass die SPD Fahrradstraßen an der Alster baut und die Grünen schimpfen, Scholz seien die Elektro- und Lastenradfahrer wohl egal. Oder dass die CDU sich empört, weil Scholz’ Sprecher auf seiner privaten Facebook-Seite Fotos von sich mit Surferfrisur und Bierflasche postet. Es gibt Tage, da wirkt Scholz unterfordert.

Zwei Wochen vor der Wahl hat die CDU unter ihrem smarten Spitzenkandidaten Dietrich Wersich nicht einmal ein Schattenkabinett aufgestellt, in der jüngsten Umfrage des NDR liegt sie bei 20 Prozent. Die FDP zittert, ob sie es wieder ins Stadtparlament schafft. Nicht einmal die Grünen profitieren von der schlappen Umweltpolitik der SPD – dabei hat Scholz erklärt, falls es nicht zur Alleinregierung reiche, werde er mit den Grünen "reden". Reden, nicht verhandeln. Scholz bestimmt, wo es langgeht.

Aber unterfordert? "Nein. Nie", sagt er. Muss er sagen. "Ich finde Hamburger Bürgermeister zu sein nicht leichter, als Bundesarbeitsminister zu sein. Es kommt immer darauf an, dass man das, was man macht, sehr gut macht."

Dabei ist natürlich nicht alles sehr gut. Da ist die vom Bundesverwaltungsgericht aufgeschobene Elbvertiefung. Die kühle Flüchtlingspolitik. Das 260 Millionen Euro teure Busbeschleunigungsprogramm, das sogar der Landesrechnungshof als Geldverschwendung kritisiert. Die Vernachlässigung der Hochschulen – nicht einmal 2014, als der Bund den Ländern die Bafög-Zahlungen abnahm und Hamburg 30 Millionen Euro sparte, gestand Scholz den Universitäten mehr Geld zu. Und trotz der Kita-Offensive muss sich in keinem westdeutschen Land ein Erzieher um so viele Kinder kümmern wie in Hamburg. Doch so tapfer sich die Opposition müht, die Schwächen anzuprangern, es verfängt nicht. Und wenn doch, rettet sich Scholz einfach eine Ebene höher: nach Berlin, in den Bundesrat.

Anfang Januar, in der Speicherstadt, Hamburgs SPD trifft sich zum Wahlkampfauftakt. Olaf Scholz steht vor einer mausgrauen Wand und lobt sich selbst: den Wohnungsbau, den Straßenbau, die Olympia-Bewerbung. Bei Wahlkampfauftritten ist es für ihn nicht so wichtig, was er nach der Wiederwahl alles leisten will – wichtig ist vor allem, was er bereits alles geleistet hat. Der Slogan der Scholz-SPD lautet deshalb auch: "Hamburg weiter vorn".

Einfach weiter wie bisher. Der Slogan, kritisiert CDU-Kandidat Wersich, stehe beispielhaft für Scholz’ Selbstgefälligkeit. Auch viele Sozialdemokraten hinten an den Stehtischen loben die Rede ihres Kandidaten mit den typischen Scholz-Vokabeln "ordentlich" und "vernünftig", der Applaus fällt entsprechend aus: vernünftig. Selbst seine Genossen vermag Olaf Scholz nicht zum Toben zu bringen, höchstens zum Kopfnicken.

Doch er hat Verstärkung dabei: Neben ihm stehen vier weitere SPD-Ministerpräsidenten aus dem Norden, Stephan Weil aus Hannover, Torsten Albig aus Kiel, Erwin Sellering aus Schwerin und Jens Böhrnsen aus Bremen. Wer noch nicht wusste, was für einen Superstar die Hamburger im Rathaus haben, erfährt es jetzt. "Wir haben im Norden noch nie so gut zusammengearbeitet wie derzeit. Das liegt vor allem an Olaf Scholz", sagt Böhrnsen. "Ohne den Olaf würden wir gegen die im Süden keine Schnitte sehen", sagt Weil. "Er ist klar, verlässlich, redet nur, was geredet werden muss. Und das, was er sagt, das gilt. Und er ist wirklich verlässlich. Und ich weiß: Wenn ich mit ihm rede, bleibt das unter uns. Das ist ein Zeichen der nordischen Verlässlichkeit", sagt Albig.

Dass Albigs Sätze sich um das Wort "verlässlich" verknotet haben, ist kein Zufall. Es gibt wohl keine Eigenschaft, die die Menschen an Scholz so schätzen wie diese. Selbst Kollegen wie Baden-Württembergs grüner Landeschef Winfried Kretschmann oder SPD-Bundesparteichef Sigmar Gabriel, mit dem Scholz neben einer ausgeprägten Rivalität allenfalls respektvolle Kälte verbindet, würdigen vor Journalisten dessen Zuverlässigkeit.

Kein Wunder also, dass Olaf Scholz die Hamburger mit einer Reihe von Bundesratsinitiativen abzulenken weiß, wenn die mal wieder den halben Vormittag im Stau gestanden haben oder er ihnen ein Gefahrengebiet vor die Tür oder ein Flüchtlingsheim vor die Villa gesetzt hat. Die Stadt erholt sich gerade erst von einer Phase der Selbstprovinzialisierung. Mit Ronald Schill, der inzwischen vom Hardcore-Senator zum Big Brother-Sexmonster geworden ist. Mit Ole von Beust, der lieber Muscheln auf Sylt sammelte als Stimmen im Bundesrat. Zum Schluss mit einem CDU-Bürgermeister namens Christoph Ahlhaus, von dem im Gedächtnis geblieben ist, dass er seine Frau "Fila" nannte, kurz für "First Lady". Hamburg hielt sich in diesen Jahren für die "schönste Stadt der Welt" und baute die Elbphilharmonie, ohne vorher mal einen Taschenrechner anzuschalten.