Hitlers Lebensziel, ein "judenfreies Europa", droht knapp 70 Jahre nach dem Ende des Naziführers wahr zu werden.

Nehmen wir Frankreich. Dort herrscht Angst unter den Juden. Antisemitische Anfeindungen und Verbrechen nehmen seit Jahren zu. Als Folge wandern Juden nach Israel aus. Im vorigen Jahr emigrierten 10.000 Franzosen gen Zion, dieses Jahr wird mit 15.000 gerechnet.

Nach der Schoah war in Frankreich die größte jüdische Gemeinde Europas mit mehr als einer halben Million Menschen entstanden. Zugleich wuchs dort die größte muslimische Minderheit auf dem Kontinent; ihre mangelhafte soziale Integration ist eine Ursache für die politisch-religiöse Radikalisierung eines zunehmenden Anteils von Jugendlichen. Daraus entsteht Hass, und der mündet in Gewalt gegen Juden.

Der andere Faktor ist die weitgehende Untätigkeit der Behörden. Trotz fortwährender Bekundungen der Solidarität mit den Israeliten wird zu wenig für deren Schutz unternommen.

Nachdem muslimische Jugendliche im Jahr 2006 den jüdischen Verkäufer Ilan Halimi erst gefoltert und dann ermordet hatten, in der Annahme, seine Familie, weil jüdisch, müsse reich sein, versprachen Politiker fortan größere Sicherheit für die Juden. Vor zwei Jahren dann ermordete Mohamed Merah in Toulouse einen Rabbiner und drei jüdische Kinder. Ende vergangenen Jahres wiederum wurde in Paris ein jüdisches Paar überfallen, die Frau wurde vergewaltigt. Wieder wollten die Täter vermeintlich vermögende Juden berauben. Und unmittelbar nach dem Massaker in der Redaktion von Charlie Hebdo wurden vier Juden in einem koscheren Geschäft umgebracht. Der Premierminister Manuel Valls sagte daraufhin, ein Frankreich, dessen jüdische Bürger in großer Zahl ihrer Heimat den Rücken zukehren, sei nicht mehr das Land, in dem er leben möchte.

Doch als sich der israelische Ministerpräsident Netanjahu entschloss, an der Trauerfeier für die Terroropfer teilzunehmen, wurde ihm seitens der französischen Regierung bedeutet, seine Anwesenheit sei unerwünscht, da man eine Verbindung zum Nahostkonflikt vermeiden wolle. Netanjahu reiste dennoch nach Paris und rief die französischen Juden auf, nach Zion auszuwandern, was ihm die Regierung in Paris verübelte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 7 vom 12.02.2015.

Der französische Antisemitismus ist ein historischer Pate des politischen Zionismus. Dessen Schöpfer Theodor Herzl, Korrespondent der Neuen Freien Presse aus Wien, berichtete von 1894 an aus Paris über den Prozess gegen den der Spionage beschuldigten Offizier Alfred Dreyfus. Der Journalist, der sich zunächst kaum für jüdische Belange interessierte, war über den unverhohlenen Judenhass der Bevölkerung, die Rufe "Tod den Juden!" und entsprechende Artikel in der Presse erschüttert. Das Geschehen überzeugte ihn davon, dass die Assimilationsbemühungen der Juden umsonst waren: "Vergeblich sind wir treue und an manchen Orten sogar überschwängliche Patrioten ... Man lässt es nicht zu." Herzls Konsequenz war sein Buch Der Judenstaat, in dem ein eigenständiges Land der Israeliten gefordert wird, das als Asyl für die bedrohten europäischen Juden dienen sollte.

Trotzdem wähnte Herzl die größte Bedrohung für die Juden in Russland. Das zaristische Regime förderte systematisch den Judenhass. Der Berater des Zaren und Oberprokurator des Heiligen Synods, Konstantin Pobedonostew, trat für eine diversifizierte Strategie ein, die Hebräer loszuwerden: Ein Drittel der Juden würde ohnehin aussterben; ein weiteres Drittel müsse zur Auswanderung gedrängt und das letzte Drittel veranlasst werden, zum christlichen Glauben zu konvertieren – und zwar mithilfe der seit Ende des 19. Jahrhunderts vom Hof geförderten Pogrome, denen Tausende Juden zum Opfer fielen. Millionen Juden emigrierten, vor allem nach Amerika, wo auf diese Weise die größte jüdische Gemeinschaft der Welt entstand. Viele andere russische Juden gingen den diskreten Weg des Abfalls vom Glauben der Väter. Eine kleine Minderheit indes wurde zionistisch. Jüngere unter ihnen wie David Grün wanderten nach Palästina ein und nahmen hebräische Namen an; Grün nannte sich fortan David Ben-Gurion. Er sollte Israels erster Ministerpräsident werden.

Von 1941 an besorgten dann die Nazis und ihre lokalen Helfershelfer die systematische Ermordung von Millionen Juden im einstigen Machtbereich des Zaren. Doch selbst nach der Ausschaltung des Nazireiches ging die Liquidierung des europäischen Judentums weiter.

Von den 3,5 Millionen polnischen Juden hatte nur etwa jeder Zehnte die Schoah überlebt; jene, die in ihre Heimat zurückgekehrt waren, wurden durch Pogrome wie in Kielce und an anderen Orten zur Flucht in den Westen getrieben. Viele polnische Juden retteten sich ausgerechnet nach Deutschland, das Land ihrer einstigen Häscher. In den Lagern der Displaced Persons (DP) waren sie zumindest vor Verfolgung sicher. Hier bereiteten sie ihre Auswanderung in die USA oder nach Kanada vor – soweit sie dort erwünscht waren. Nach der Gründung Israels emigrierten die meisten DPs in den jüdischen Staat.