Ich bin schwanger, halte es aber noch geheim, sogar in der engsten Familie. Auf einmal finde ich Werbung im Briefkasten und in der Mail. Eine Supermarktkette wirbt für Windeln und Strampelhosen.

Ich bin noch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Eines Tages klingelt es an meiner Wohnungstür, und ein Polizeibeamter drängt herein. Er warnt mich eindringlich, demnächst keinen Einbruch zu verüben: Man habe mich im Visier.

Ich erhalte fünf Kleidungsstücke meines Lieblingslabels per Paketbote. Nicht eines davon habe ich bestellt, trotzdem probiere ich sie an – fantastisch. Genau mein Stil. Und: genau meine Größe. Drei behalte und bezahle ich. Zwei schicke ich wieder zurück, kostenlos.

Ich will den Arbeitgeber wechseln. Mir gefällt es in meiner Firma nicht mehr. Aber das darf bloß keiner erfahren, ich behalte es für mich. Auffällig bloß: Mich erreichen über die Online-Netzwerke jetzt plötzlich jede Menge attraktive Jobangebote.

Nein, ich lebe nicht im Jahr 2050. Ich lebe jetzt. Und was mir widerfährt, geschieht anderen Menschen heute. Unsere Wünsche werden uns von den Augen abgelesen, noch bevor wir sie aussprechen. Irgendwo sitzt jemand, der uns durchschaut und unsere intimsten Geheimnisse kennt. Der weiß, ob wir schwanger sind, welchen Kleidergeschmack wir haben und ob wir uns nicht mehr wohlfühlen mit unseren Chefs. Und der sogar voraussagen kann, was wir demnächst tun werden.

Das ist keine Magie. Es ist Mathematik.

Inzwischen gibt es nämlich Computerprogramme, die vorhersagen, wie wir höchstwahrscheinlich handeln, was wir mögen und wie wir uns verändern werden. Und obwohl sie (noch) nicht miteinander verbunden sind, wirken sie doch am selben himmelstürmenden Projekt mit: an der Vermessung des Menschen.

Unser Leben wird zum Geschäft. An unserem gegenwärtigen und künftigen Verhalten sind viele interessiert, die ihre Risiken minimieren oder ihre Erträge maximieren wollen. Unternehmen und der Staat, Forscher und Stadtplaner, sie alle werten massenhaft digitale Informationen über uns aus, die sie in öffentlichen und privaten Informationssammlungen aufspüren – darüber, wie schnell wir unsere Rechnungen begleichen oder welche Angebote wir anderen weiterempfehlen, was wir einkaufen und wo wir uns im Tagesverlauf aufhalten. Mithilfe selbstlernender Computerprogramme können Staaten und Firmen heute riesige Datenmengen nach Verhaltensmustern durchsuchen und daraus Konsequenzen ziehen für ihr Handeln: Das nennt man "Big Data".

Es sind Algorithmen, die mit wachsender Präzision ausrechnen, ob Sie Ihren Kredit zurückzahlen werden, ob Sie Ihren Mobilfunkvertrag demnächst kündigen werden oder welche Art von Werbung Sie anspricht. Sie prophezeien auch, ob Sie eine Krankheit ausbrüten – noch bevor Sie zur Vorsorge gegangen sind oder den ersten Schmerz spüren. Sie schätzen ein, ob Sie ein harmloser Bürger sind oder demnächst ein Verbrechen verüben. Es sind Eigenschaften, die man früher Gott zuschrieb.

"Algorithmus" ist ein Synonym für Allmacht geworden. Tatsächlich leitet sich der Begriff vom Namen des persischen Gelehrten Mohammed al-Chwarizmi ab und ist nichts weiter als eine Berechnungsvorschrift. Die Regeln in dieser Vorschrift bestimmen, wie verfügbare Daten zu bewerten sind und was auf dieser Grundlage weiter geschehen sollte. Manche Regeln sind ganz einfach: Zum Beispiel stellen Reiseportale im Internet als Erstes fest, ob ein neuer Besucher ein Apple-Gerät benutzt oder etwa mit einem einfachen Android-Handy unterwegs ist. Er schätzt: Der eine hat mehr Geld als der andere. Dem Apple-Nutzer wird er deshalb deutlich teurere Flüge und Hotels anbieten, weil er aus Daten errechnet hat, dass Apple-Nutzer eher bereit sind, Geld auszugeben und sich etwas zu gönnen.

Andere Regeln aber sind so komplex, dass ein menschliches Gehirn den vielen raschen Schritten des Computers nicht mehr zu folgen vermag – etwa bei Algorithmen, die eigenständig an der Börse handeln oder innerhalb weniger Sekunden aus Tausenden Daten herausdestillieren, ob ein Kunde wohl kreditwürdig ist.

Die "Algos", wie die Internetszene sie liebevoll nennt, können von großem Nutzen sein, wenn sie zeitsparend Produkte anbieten, die wir wirklich haben wollen. Oder uns zum rechten Zeitpunkt zum Arzt schicken. Manchmal wissen sie besser als wir selbst, was uns hilft und schadet. Allerdings hat dieser Segen seinen Preis. Von Natur aus sind Algorithmen ewige Datensammler. Um uns und unseren Marktwert besser zu durchschauen, fordern und verschlingen sie immer neue Informationen. Wie sich an den seit 1. Februar 2015 veränderten Geschäftsbedingungen und erweiterten Zugriffsmöglichkeiten von Facebook auch jetzt wieder zeigt.

Damit das Soziale Netzwerk möglichst individuelle und wirkungsvolle Werbung schalten kann, muss es seine Nutzer kennen. Bisher geschah das vor allem anhand unseres Verhaltens im Netzwerk selbst: Was gefällt uns? Was also "liken" wir auf Facebook? Was teilen wir mit anderen? Jetzt will Facebook uns aber im Internet über viele Websites und Apps hinweg folgen und auch stärker einfließen lassen, wo wir uns gerade physisch befinden. Die geschäftliche Vision dahinter: Sind wir zum Beispiel öfter auf einer Fußball-Website unterwegs, bekommen wir maßgeschneiderte Werbung auf das Smartphone vom Sportladen an jener Ecke, um die wir gerade biegen.

Als Facebook sein neues Vorgehen offenbarte, reichte die Empörung bis in die deutsche Regierung. Doch mehr als ein Aufwallen der öffentlichen Verärgerung muss die Big-Data-Industrie nicht fürchten. Aus Facebook kann man sich abmelden, aber dem globalen Datensog kann sich keiner entziehen. Die Vermessung des Menschen findet inzwischen in allen Lebenslagen statt. Wir haben den Überblick und die Kontrolle darüber, was andere von uns wissen, längst verloren.

Die meisten Menschenvermesser wohnen im Silicon Valley: Nirgendwo sonst wird die Revolution so vehement vorangetrieben, nirgends wird so viel in die globale Dateninquisition investiert.

Ein Hochhaus in Downtown San Francisco: Der Fahrstuhl schießt in die 16. Etage, die Tür öffnet sich, der Besucher geht auf ein riesiges weinrotes Sofa mit wandhoher Lehne zu. Dann muss er sich entscheiden: links oder rechts?

Im Großraum mit den Backsteinwänden zur Rechten spielen zwei T-Shirt-Träger Pingpong. Laptops kreuz und quer, leere Plastikbecher auf der Küchenzeile.

Linker Hand dagegen trennen edle Milchglasscheiben die Arbeitsplätze, an den Tischen in Reih und Glied stehen helle Designerstühle, die Frauen und Männer tragen Blusen und Hemden.

Auf tun sich zwei Welten, die aus ein und derselben Frage hervorgegangen sind: Was zum Teufel soll Max Levchin als Nächstes machen? Der geborene Ukrainer mit den kurzen dunklen Haaren wanderte 1991 mit seinen Eltern nach Amerika aus, da war er 16. Er beendete die Schule, studierte das Fach der Zukunft: Informatik. Und dann startete eine rasante Karriere. Gemeinsam mit dem Großinvestor Peter Thiel und dem späteren Tesla-Gründer Elon Musk schuf er das Online-Bezahlsystem PayPal und verkaufte es 2002 für 1,5 Milliarden Dollar an die Firma eBay. Seine nächste Firma namens Slide ging an Google. Anfang dieses Jahrzehnts hatte der Multimillionär Levchin wieder nichts zu tun und überlegte, wo er mit Big Data nicht nur Geld machen, sondern tatsächlich die Welt verändern könnte.