Kaum jemand kennt GATC Biotech oder dessen Vorstandsvorsitzenden. Lautstarker PR-Rummel ist nicht Peter Pohls Stil, auch seine Firma agiert eher im Stillen. Dabei löst das Konstanzer Unternehmen seit Jahren immer wieder Wirbel aus. GATC ist nicht nur Europas größter Anbieter für die Entschlüsselung von Erbmaterial, sondern auch die Mutterfirma von LifeCodexx – dem Unternehmen, das mit seinem Bluttest zur Früherkennung des Down-Syndroms und anderen genetischen Veränderungen gerade die Schwangerschaftsvorsorge in Deutschland umkrempelt.

Nun aber scheint Schluss zu sein mit der Zurückhaltung: GATC will Teil werden einer Entwicklung, die die Krebsmedizin revolutionieren könnte. Statt Durchleuchtung und Entnahme von Gewebeproben genügen künftig, so die Hoffnung, ein paar Milliliter Blut für die Früherkennung von Krebs, für die Therapiesteuerung und die Langzeitüberwachung nach der Behandlung.

Spätestens Anfang 2016 werde GATC die ersten Bluttests für Krebs auf den Markt bringen, sagt Pohl. Die Erprobung der Diagnostik hätte überzeugende Ergebnisse gezeigt. GATC arbeitet dabei eng mit dem Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg zusammen. "Wir denken, dass wir mit ein oder zwei Krebsformen starten können", erklärt Pohl. "Das entscheidet sich, wenn wir unsere Studie abgeschlossen haben." Welche Krebsarten die ersten Tests entdecken sollen, will er aber noch nicht verraten.

Lesen Sie dazu auch "Wie sicher ist sicher genug?" im Wissen-Teil der aktuellen ZEIT, die Sie online oder am Kiosk kaufen können.

Die Idee für Bluttests auf Krebs stammt vom Krebsforscher Bert Vogelstein und seinem Team. Sie hatten schon 2013 erkannt, welche enormen Fortschritte die Untersuchung von Tumor-Erbmolekülen bringen könnte, die im Blut zirkulieren. Liquid Biopsy, flüssige Biopsie, heißt das Verfahren. Ganz ähnlich wie ein heranwachsender Fötus streuen auch wuchernde Krebsherde ihre Erbmoleküle in den Blutkreislauf. In Blutproben können die Mediziner dann den Krebs nicht nur sehr frühzeitig erkennen, sondern auch entschlüsseln und seine Schwachstellen entdecken – eine bessere, gezieltere Behandlung wäre die mögliche Folge.

Zudem könnte der Test helfen, wichtige Fragen zu beantworten: Haben die Chirurgen einen Krebsherd wirklich vollständig entfernt? Schlagen Bestrahlung oder Medikamente wirklich an? Die Messung im Blut eröffnet den Ärzten ungeahnte Möglichkeiten. In allen Bereichen der Krebsmedizin, sagt Christof von Kalle vom NCT, werde nun auf Liquid Biopsy gesetzt: "Die Euphorie ist riesengroß."