Alle Jahre wieder geht die Stadt, in der ich geboren wurde, unter. Das ist zum einen ein Ritual (des Gedenkens) und zum anderen eine Realität (der Geschichte). Denn man weiß ja überall auf der Welt, was Dresden im Februar 1945, also kurz vor der großen Zeitenwende, als Deutschland seine Chance zur Besserung bekam, zugestoßen war. Die Stadt hatte so gut wie alles verloren, was ihren Charme einmal ausmachte und mußte fortan als Schwerbehinderte, häßlich Entstellte und Gedemütigte überdauern. Wo einmal höfische Pracht und steingewordener Bürgerstolz entzückten, taten sich öde Brachflächen auf, wie ich sie als Kind noch durchwanderte. Schwer vorstellbar, daß dies die Stadt war, in der Casanova sich an der Geschlechtskrankheit ansteckte und Friedrich der Große als Kronprinz seine Unschuld verlor. Der Legende zufolge soll eines der leckeren Hoffräulein ihn bei seinem Kavaliersbesuch durch eine Tapetentür gezogen und in die sächsischen Geheimnisse der Liebe eingeweiht haben. Ich weiß noch, wie ich mir später einmal einen Besuch des Marquis de Sade in der Elbestadt ausgemalt hatte. Die angeblich schönste italienische Stadt nördlich der Alpen sei, da sind sich die Historiker einig, für alle Libertins des aristokratischen Europas das Paradies auf Erden gewesen.

Es entwickelte sich aber anders. Zuletzt habe ich in Dresden das "Monster" gesehen, es nennt sich Volk und fühlt sich im Recht. "Wir sind das Volk", ruft es schamlos und schneidet dem Zweifler das Wort ab. Es weiß genau, wer dazugehört und wer nicht. Es macht denen Angst, die aus der Fremde kommen, weil sie in ihrer Not nicht anders können oder nach einer neuen Lebenschance suchen. Ich kann die Motive dieser Asylsuchenden gut verstehen, ich war selbst einmal jemand, dem es zu eng war in seinem Land, seiner Heimatstadt. Der einer geschlossenen Gesellschaft entrinnen wollte, so einer, wie einige sie jetzt gern wiederhätten. War ich ein Wirtschaftsflüchtling, trieb mich politischer Dissens mit dem System, das mein Leben durchgeplant hatte, war es die Sehnsucht nach fremden Kulturen oder all das zusammen? Wer will das entscheiden?

Das Volk aber, das jeden Montag in Dresden unter dem Banner "Pegida" von seinem Demonstrationsrecht Gebrauch macht, selbst aus einer Masse von Wirtschaftsflüchtlingen hervorgegangen, unterscheidet genau. Es weiß, was schmelzende Renten und Sparguthaben sind, es hat den Staat zu spüren bekommen, der sich an wachsenden Steuern mästet – es weiß aber auch, was Mißbrauch ist und Asylerschleichung, es definiert Menschenrechte und zieht Kulturgrenzen. "Wir sind das Volk": Zum ersten Mal hört man wieder den Slogan von 1989, die Formel, unter der die Ostdemonstranten der ersten Stunde angetreten waren. Damals war es noch gefährlich, man riskierte einiges. Wer aber ist dieses Volk heute, das sich als Hausherr fühlt und alle anderen aus dem Kreis verbannt?

"Ein geschichtsloses Monster, / von barbarischer Wildheit, / ... das Leidenschaften aufzehrt, Reinheiten, Schmerzen / das den Tod annimmt mit beinahe ironischer, / gegen ihren Willen stoischer Grausamkeit ...", antwortet Pier Paolo Pasolini in einem Gedicht aus dem Jahr 1961. Heute weiß ich, von wem er sprach.

Von den neuen Kleinbürgern, Sklaven der Konsumwirtschaft, die um nichts so sehr Angst haben wie um ihr bißchen Besitz (das Auto, den Fernseher, die Couchgarnitur, das Abo im Fußballstadion). Ihre Vulgarität zeigt sich in ihren Forderungen an den Staat, ihren Ansprüchen, die sie mit Zähnen und Klauen verteidigen. Erich Kästner denkt an sie schon in seinem Gedicht Zeitgenossen haufenweise aus den zwanziger Jahren: "Es ist nicht leicht, sie ohne Haß zu schildern, / und ganz unmöglich geht es ohne Hohn."

Die Rede war vom Massenmenschen, der an nichts mehr glaubt, aber Probleme mit Religionen hat, der auf Traditionen pocht, die er selbst kaum noch kennt oder pflegt. Woanders mögen sie für die Freiheit auf die Straße gehen, gegen die großen Drachen demonstrieren – eine Diktatur, ein Militärregime, einen Kremlherrscher. Der Kleinbürger geht auf die Straße, weil er sein Revier verteidigen will, irgendeine Bedrohung findet sich immer. Vorzugsweise kommt sie von den Fremdstämmigen, Andersfarbigen und Andersgläubigen. Die Politik, die er von seinen Volksvertretern erwartet, reduziert sich auf ein biologisches Kontrollprogramm. Es ist der Traum von der Festung Europa (oder wenigstens Dresden), von Selektion, Ausschließung, Einschließung.