Der Ort, an dem das Wunder geschah, heißt Dieulefit, "Gott hat es gemacht". Als habe Gott schon immer vorgehabt, in diesem vergessenen Tal den Beweis zu führen, dass es ihn gibt.

Vielleicht war das Wunder aber auch bloß das Werk von Menschen, die beschlossen, es sei rechtschaffener, gegen das Gesetz zu verstoßen, als das Gesetz zu befolgen.

So entschied die Sekretärin, als sie die Ausweise fälschte. So entschied der Polizist, als er zur Sekretärin sagte: "Sie sind eine schlechte Lügnerin. Ich werde Ihnen zeigen, wie man richtig lügt." So entschied der Schuldirektor, als er einen Brief der Behörde zerriss. So entschied der Pastor, als er die falschen Taufscheine ausstellte. Und, wer weiß, vielleicht entschied sogar der hagere, strenge Bürgermeister mit der ordensbehängten Brust so, ein Mann von Marschall Pétains, von Hitlers Gnaden.

Es waren mehr als 1.500 Menschen. Kinder, Erwachsene, Juden, Widerständler, Künstler, Schriftsteller. Während des Zweiten Weltkriegs wurden sie von den 3.000 Bewohnern eines Dorfs in der Drôme in den französischen Voralpen versteckt. Kein einziger von ihnen wurde verraten, kein einziger starb.

Das ist das Wunder von Dieulefit.

Es gibt noch ein paar wenige Menschen, die davon erzählen können.

Pascaline Cahen-Magnard ist eine zerbrechliche, feine Person von 86 Jahren. Sie wohnt im achten Stock eines Neubaus im 13. Arrondissement von Paris. Die kastanienbraun gefärbten Haare trägt sie ganz kurz, der dunkle Bogen der Augenbrauen verleiht ihrem Gesicht einen Ausdruck permanenten Staunens. Ihre Hände zittern, ihr Kopf wackelt, aber sie geht jeden Dienstagvormittag zum Yogakurs, sie besucht Kunstausstellungen, E-Mails beantwortet sie prompt: "Ich empfange Sie mit Vergnügen." Sie trotzt dem Alter so viel Leben ab wie möglich, wie zum Beweis, dass sie ihr Geschenk zu würdigen weiß. Das Geschenk, das eine junge Frau ihr vor 70 Jahren machte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 7 vom 12.02.2015.

Pascaline war 15, und seit dem Sommer 1943 hatte sie mit ihren Eltern und ihren zwei Brüdern Unterschlupf in Dieulefit gefunden. Manchmal konnte man sich einbilden, dass es ein normales Leben war. Der Vater arbeitete als Lehrer, die Mutter gab Cellostunden, Pascaline und ihre Brüder gingen aufs Internat und kamen am Wochenende zum Familienessen nach Hause. Zu Hause – das war bloß ein Zimmer mit Bett, Tisch, Waschbecken. In dem Zimmer stapelten sich die Koffer und Kisten, aber irgendwo hatten sie noch eine kleine Lücke für einen Plattenspieler gefunden, auf dem sie klassische Musik hörten: Bach, Franck, Mozart. Pascaline bekam Besuch von einer Freundin, die Eltern bekamen Besuch von befreundeten Künstlern.

Doch dann sollte Pascaline die Prüfung zur mittleren Reife ablegen, vor einer Kommission in einer anderen Stadt. Und die Kommission verlangte einen Ausweis.

Die Mutter schickte Pascaline zum Rathaus und schärfte ihr einen fremden Namen ein, den Namen, den die Mutter selbst seit einiger Zeit benutzte. Colomb, wie colombe, die Taube.

In ihrer Brust spürte Pascaline ihr ängstlich schlagendes Herz. Der Bürgermeister war ein alter Colonel, der seinen Amtseid auf Vichy geschworen hatte, auf das Regime, das Hitler versprochen hatte, alle Juden nach Deutschland auszuliefern. In das Vorzimmer dieses Bürgermeisters also sollte Pascaline gehen, zur Sekretärin. Sie habe in solchen Fällen schon oft helfen können, hatte man Pascalines Mutter gesagt. Aber es sei nicht sicher, dass es klappen werde.

Die Sekretärin war jung, 25, sie hatte ein Feuermal auf der Wange, und zu Pascalines Erstaunen lächelte sie. Sie holte einen Blanko-Ausweis aus der Schublade und fragte, als nehme sie ein Diktat auf, welchen Namen sie daraufschreiben solle. "Colomb, Pascaline." Den zweiten Vornamen "Sarah" ließ Pascaline weg. Die Sekretärin fragte noch nach der Augenfarbe, der Größe, dem Geburtsdatum. Dann drückte sie den Stempel auf den Ausweis.

Tausend Ausweise hat Jeanne Barnier gefälscht. Ein Gefängnis im 170 Kilometer entfernten Lyon, geführt vom SS-Mann Klaus Barbie, war der Ort, an den man Leute wie sie brachte.

Dafür, dass sie ihr eigenes Leben riskierte, um jüdische Leben zu retten, hat die israelische Gedenkstätte Jad Vaschem ihr den Titel "Gerechte unter den Völkern" verliehen. Ihr und acht anderen aus Dieulefit.

Zu dem Anwesen von Jean Morin, Sohn eines der "Gerechten", gelangt man durch einen privaten Park. Vor der Tür der weinberankten Villa stirbt ein hundertjähriger Birnbaum, "es war seine letzte Saison", sagt der Hausherr, ein gebeugter alter Mann im Tweedjackett, dem die Farbe aus dem Gesicht gewichen ist.

Drinnen: Kristalllüster, Flügeltüren, Eichenschränke. Verglichen mit dem vornehmen Gutshaus mit Gärtner, Köchin, Hauswirtschafterin, in dem Jean Morin aufgewachsen ist, muss man seine heutige Villa als ein bescheidenes Zuhause bezeichnen. Jean Morin, 87 Jahre alt, hat die Tuchfabrik seiner Familie in elfter Generation geführt. 1609 hatte der erste Morin Stoffe gewebt. Jean war es, der den Betrieb 1960 schloss. Der Stolz der Morins ist jetzt nicht mehr das Unternehmen, das einmal 500 Menschen Arbeit gegeben hat. Der Stolz ist Jean Morins Vater, der ein jüdisches Kind gerettet hat.