Der Ort, an dem das Wunder geschah, heißt Dieulefit, "Gott hat es gemacht". Als habe Gott schon immer vorgehabt, in diesem vergessenen Tal den Beweis zu führen, dass es ihn gibt.

Vielleicht war das Wunder aber auch bloß das Werk von Menschen, die beschlossen, es sei rechtschaffener, gegen das Gesetz zu verstoßen, als das Gesetz zu befolgen.

So entschied die Sekretärin, als sie die Ausweise fälschte. So entschied der Polizist, als er zur Sekretärin sagte: "Sie sind eine schlechte Lügnerin. Ich werde Ihnen zeigen, wie man richtig lügt." So entschied der Schuldirektor, als er einen Brief der Behörde zerriss. So entschied der Pastor, als er die falschen Taufscheine ausstellte. Und, wer weiß, vielleicht entschied sogar der hagere, strenge Bürgermeister mit der ordensbehängten Brust so, ein Mann von Marschall Pétains, von Hitlers Gnaden.

Es waren mehr als 1.500 Menschen. Kinder, Erwachsene, Juden, Widerständler, Künstler, Schriftsteller. Während des Zweiten Weltkriegs wurden sie von den 3.000 Bewohnern eines Dorfs in der Drôme in den französischen Voralpen versteckt. Kein einziger von ihnen wurde verraten, kein einziger starb.

Das ist das Wunder von Dieulefit.

Es gibt noch ein paar wenige Menschen, die davon erzählen können.

Pascaline Cahen-Magnard ist eine zerbrechliche, feine Person von 86 Jahren. Sie wohnt im achten Stock eines Neubaus im 13. Arrondissement von Paris. Die kastanienbraun gefärbten Haare trägt sie ganz kurz, der dunkle Bogen der Augenbrauen verleiht ihrem Gesicht einen Ausdruck permanenten Staunens. Ihre Hände zittern, ihr Kopf wackelt, aber sie geht jeden Dienstagvormittag zum Yogakurs, sie besucht Kunstausstellungen, E-Mails beantwortet sie prompt: "Ich empfange Sie mit Vergnügen." Sie trotzt dem Alter so viel Leben ab wie möglich, wie zum Beweis, dass sie ihr Geschenk zu würdigen weiß. Das Geschenk, das eine junge Frau ihr vor 70 Jahren machte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 7 vom 12.02.2015.

Pascaline war 15, und seit dem Sommer 1943 hatte sie mit ihren Eltern und ihren zwei Brüdern Unterschlupf in Dieulefit gefunden. Manchmal konnte man sich einbilden, dass es ein normales Leben war. Der Vater arbeitete als Lehrer, die Mutter gab Cellostunden, Pascaline und ihre Brüder gingen aufs Internat und kamen am Wochenende zum Familienessen nach Hause. Zu Hause – das war bloß ein Zimmer mit Bett, Tisch, Waschbecken. In dem Zimmer stapelten sich die Koffer und Kisten, aber irgendwo hatten sie noch eine kleine Lücke für einen Plattenspieler gefunden, auf dem sie klassische Musik hörten: Bach, Franck, Mozart. Pascaline bekam Besuch von einer Freundin, die Eltern bekamen Besuch von befreundeten Künstlern.

Doch dann sollte Pascaline die Prüfung zur mittleren Reife ablegen, vor einer Kommission in einer anderen Stadt. Und die Kommission verlangte einen Ausweis.

Die Mutter schickte Pascaline zum Rathaus und schärfte ihr einen fremden Namen ein, den Namen, den die Mutter selbst seit einiger Zeit benutzte. Colomb, wie colombe, die Taube.

In ihrer Brust spürte Pascaline ihr ängstlich schlagendes Herz. Der Bürgermeister war ein alter Colonel, der seinen Amtseid auf Vichy geschworen hatte, auf das Regime, das Hitler versprochen hatte, alle Juden nach Deutschland auszuliefern. In das Vorzimmer dieses Bürgermeisters also sollte Pascaline gehen, zur Sekretärin. Sie habe in solchen Fällen schon oft helfen können, hatte man Pascalines Mutter gesagt. Aber es sei nicht sicher, dass es klappen werde.

Die Sekretärin war jung, 25, sie hatte ein Feuermal auf der Wange, und zu Pascalines Erstaunen lächelte sie. Sie holte einen Blanko-Ausweis aus der Schublade und fragte, als nehme sie ein Diktat auf, welchen Namen sie daraufschreiben solle. "Colomb, Pascaline." Den zweiten Vornamen "Sarah" ließ Pascaline weg. Die Sekretärin fragte noch nach der Augenfarbe, der Größe, dem Geburtsdatum. Dann drückte sie den Stempel auf den Ausweis.

Tausend Ausweise hat Jeanne Barnier gefälscht. Ein Gefängnis im 170 Kilometer entfernten Lyon, geführt vom SS-Mann Klaus Barbie, war der Ort, an den man Leute wie sie brachte.

Dafür, dass sie ihr eigenes Leben riskierte, um jüdische Leben zu retten, hat die israelische Gedenkstätte Jad Vaschem ihr den Titel "Gerechte unter den Völkern" verliehen. Ihr und acht anderen aus Dieulefit.

Zu dem Anwesen von Jean Morin, Sohn eines der "Gerechten", gelangt man durch einen privaten Park. Vor der Tür der weinberankten Villa stirbt ein hundertjähriger Birnbaum, "es war seine letzte Saison", sagt der Hausherr, ein gebeugter alter Mann im Tweedjackett, dem die Farbe aus dem Gesicht gewichen ist.

Drinnen: Kristalllüster, Flügeltüren, Eichenschränke. Verglichen mit dem vornehmen Gutshaus mit Gärtner, Köchin, Hauswirtschafterin, in dem Jean Morin aufgewachsen ist, muss man seine heutige Villa als ein bescheidenes Zuhause bezeichnen. Jean Morin, 87 Jahre alt, hat die Tuchfabrik seiner Familie in elfter Generation geführt. 1609 hatte der erste Morin Stoffe gewebt. Jean war es, der den Betrieb 1960 schloss. Der Stolz der Morins ist jetzt nicht mehr das Unternehmen, das einmal 500 Menschen Arbeit gegeben hat. Der Stolz ist Jean Morins Vater, der ein jüdisches Kind gerettet hat.

"Ihr werdet eure Eltern nicht mehr wiedersehen"

Im schummrigen Licht des getäfelten Arbeitszimmers erinnert sich Jean Morin, wie seine Eltern ihn und die zwei Geschwister zusammenriefen: "Sie sagten: Hört zu, der Pastor hat uns gebeten, einen jüdischen Jungen aufzunehmen. Redet nicht darüber." Wenig später stand ein Zehnjähriger mit dunklen, lockigen Haaren im Salon: Isaac. Jean war 15, und von jenem Tag an hatte er nicht zwei, sondern drei Geschwister.

Aus Isaac Fabrikant, einem Sohn polnischer Juden, wurde, beglaubigt vom Stempel der Rathaussekretärin, François Fabricant, der jeden Tag mehr französische Wörter lernte, aber keines davon verwendete, um über seine Eltern zu sprechen. "Zu Hause nannten wir ihn Isy", sagt Jean Morin. "Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Isy geweint hätte."

Isaac hätte Grund für viele Tränen gehabt. Bei den Morins kam er in den ersten Oktobertagen 1942 an. Was er zuvor erlebt hatte, hat er seinem neuen Bruder Jean niemals erzählt. Jean weiß es von einem Historiker.

Isaac, seine Schwester und seine Eltern waren in der Nacht vom 25. auf den 26. August 1942 verhaftet worden, wie 10.000 andere Juden, die in der "freien Zone" lebten. Die meisten von ihnen kamen wie Isaacs Familie ursprünglich aus Osteuropa.

"Freie Zone", das war eine zynische Bezeichnung. Seit Mai 1940 war Frankreich unter deutscher Kontrolle. Der Nordwesten war von den Nazis besetzt, mit allen schrecklichen Folgen. Im Südosten aber war ebenjene zone libre eingerichtet: Der Kurort Vichy in Zentralfrankreich war die Hauptstadt, der Marschall Philippe Pétain der Regierungschef. Viele von den Nazis Bedrohte flohen hierher. Doch bald erließ das Vichy-Regime seine eigenen Rassengesetze. Internierungslager wurden eingerichtet. Der Sommer 1942 war ein Sommer der Razzien und Deportationen. Spätestens da war klar, dass jeder Jude, egal, wo in Frankreich, vom Tod bedroht war.

Isaac und seine Familie wurden in ein ehemaliges Kriegsgefangenenlager in dem Lyoner Vorort Vénissieux gekarrt. Dort verbrachten sie mit etwa tausend Gefangenen drei Tage und drei Nächte der Verzweiflung. Es war heiß, es war dreckig, allein in der Nacht vom 26. auf den 27. August wurden 26 Selbstmordversuche registriert, nachdem Eltern und Kinder voneinander getrennt worden waren. Im Lager herrschte ein heilloses Durcheinander, auch bei den Befehlsträgern. Wer muss bleiben, wer darf gehen, weil er in keinem Arbeitslager einsetzbar ist? Müssen nur die ausländischen Juden bleiben? Und wer ist Ausländer, wer ist Franzose? Was ist mit den Kindern?

Zum Schein halfen Mitglieder christlicher und jüdischer Hilfsorganisationen der Kommission, die die Gefangenen sortieren sollte. Den Helfern gelang es, dafür zu sorgen, dass alle 108 Kinder freigelassen wurden. Es war ein Kardinal, den Isaac sagen hörte: "Ihr werdet eure Eltern nicht mehr wiedersehen." Der Satz war ein Schock. Und er kündigte die Rettung an.

Auf dem Land fanden die Helfer Familien, die bereit waren, die Kinder aufzunehmen. So kam es, dass Isaac in eine Villa in Dieulefit einzog, seine Eltern aber im Zug in Richtung Auschwitz rollten.

Im Frühjahr nahm Henri, Jeans Morins Vater, Isy mit zur Jagd, im Sommer ging er mit ihm zum Tennis. Isaac, sagt Jean, habe in Henri Morin einen zweiten Vater gefunden. Mit den Kindern der Familie ging Isy zur Sonntagsschule, er lernte Kirchenlieder und las das Neue Testament. "Es sollte alles so wirken, als wäre er ein christlicher Junge, ein entfernter Verwandter vielleicht, der bei uns untergekommen war."

Es war ein Schauspiel, das auch nicht unterbrochen wurde, wenn der Bürgermeister die Familie an Weihnachten und Ostern besuchte. Er gehörte zur Verwandtschaft der Morins. Und Henri Morin, der Vater von Jean und Retter des kleinen Isaac, gehörte zu den lokalen Notabeln. So kam es, dass der Bürgermeister, der den Erlass unterzeichnet hatte, alle Juden des Ortes müssten erfasst werden, an einem Tisch speiste und Weihnachtslieder sang mit François alias Isy alias Isaac.

Jean Morin nimmt mit der siegelberingten Rechten ein Blatt Papier aus dem Regal und zeichnet mit einem Kugelschreiber einen Grundriss auf. Den Salon, die Kinderzimmer, das Elternschlafzimmer. "Isys Zimmer war hier", sagt er, "zwischen meinem und dem meiner Eltern." Es ist Jean Morin sehr wichtig, das zu dokumentieren: Isaac lebte im Herzen der Familie.

In Dieulefit schwiegen sie lange über die Vergangenheit. Sie hatten gut gelebt damit. Das Schweigen hatte den Ort mitten im Krieg zu einer friedlichen Oase gemacht. Wenn jemand sie Jahrzehnte später bat, von damals zu erzählen, antworteten sie einsilbig.

"Ach, die alten Geschichten."

"Es war doch normal, was wir getan haben!"

"Das ist nicht unsere Art, uns damit zu brüsten!"

Solche Sätze bekam auch der Geschichtsprofessor Bernard Delpal zu hören, als er vor acht Jahren in Pension ging und nach Dieulefit zog. Er war 62 Jahre alt und wollte die Geschichte seiner neuen Heimat erforschen. Doch die Alten, die Familien der Retter, legten gar keinen Wert darauf, erforscht zu werden. Es war, als hätten sie Angst, den Zauber zu brechen, wenn sie zu reden begännen.

Vielleicht haben sie gespürt, dass es kompliziert werden kann, wenn man die Geschichte, so schön sie auch sein mag, zum Leben erweckt. Gut 100 Kilometer von Dieulefit entfernt gibt es einen Ort, in dem das Reden über die Retter bloß Streit und Neid brachte. Le Chambon-sur-Lignon bezeichnet sich als "Dorf der Gerechten", ein Titel, der ihm aber nie verliehen wurde, weil Jad Vaschem ausschließlich Einzelpersonen ehrt. Es gab Ärger, weil die Nachbarorte von Chambon sich zurückgesetzt fühlten – sie hatten doch schließlich auch jüdische Kinder aufgenommen. Eine Auseinandersetzung brach los über die angebliche Anzahl der Geretteten. Waren es nicht viel mehr? Viel weniger? Vor anderthalb Jahren musste die Bürgermeisterin von Chambon für die Einweihung des örtlichen Museums Polizeischutz anfordern.

Kann sich das Gute der Vergangenheit in etwas Schlechtes verkehren, die Selbstlosigkeit in Selbstgerechtigkeit? Die Menschen von Dieulefit, die so furchtlos gewesen waren, jetzt fürchteten sie sich.

Aber Bernard Delpal, der Historiker, fragte weiter, und je länger die Alten von Dieulefit ihn kannten, umso mehr redeten sie, und je mehr sie redeten, umso mehr begriff er. "Es war eine ganze Kette von Menschen, die gemeinsam die vielen Kinder und Erwachsenen gerettet haben", sagt Delpal. "Erst waren es noch einzelne Fälle von zivilem Ungehorsam. Später waren es konzertierte Aktionen."

Das Wunder von Dieulefit beginnt nicht im Wohnzimmer der Familie Morin. Es beginnt lange vor dem Tag im Frühjahr 1944, an dem die Rathaussekretärin den Ausweis auf den Namen Pascaline Colomb ausstellt, lange bevor sie im Oktober 1944 den Stempel auf den Ausweis eines gewissen François Fabricant drückt. Es beginnt sogar lange vor der Gründung des Vichy-Regimes. Es beginnt mit dem Bau einer Schule 1930. Und mit einer Liebe, die damals keiner eine Liebe zu nennen gewagt hätte.

Eine pädagogische Revolution in der französischen Provinz

Die Soubeyrans waren neben den Morins die zweite wichtige Familie im Ort. Wenn die Morins die Unternehmer waren, die Konservativen, dann waren die Soubeyrans die Linken, die Intellektuellen. Eine Tochter dieser Familie Soubeyran, Marguerite, hatte sich in den Kopf gesetzt, in Dieulefit mitten in der französischen Provinz eine Reformschule zu gründen. Das Ziel: die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Kinder aufnehmen, die anderswo nicht klarkommen.

"Wir wollten eine große Familie bilden", schreibt Marguerite auf ein paar maschinengetippten Seiten, die sie hinterlassen hat. Das Wort "Familie" meint sie wörtlich: Marguerite Soubeyran will nicht nur Schüler aufnehmen, sondern auch selbst Kinder adoptieren und mit ihrer Freundin Catherine Krafft großziehen. "Wir hatten uns Namen für fiktive Kinder ausgedacht und sprachen mit ihnen wie mit lebenden Personen."

Marguerite und Catherine adoptieren jeweils ein Mädchen und einen Jungen. Den Grundriss für ihre Schule planen sie selbst, bei den Bauarbeiten helfen sie mit. Auch eine Grube für ein Schwimmbad, zwanzig mal neun Meter, wird ausgehoben. 1931 ist die École de Beauvallon fertig. Sie führt von der Vorschule bis zur mittleren Reife. Die Schüler wohnen in Gruppen, einmal pro Woche tagt ihr Parlament, im Schwimmbad planschen Jungs und Mädchen gemeinsam. Es ist eine pädagogische Revolution mitten in der französischen Provinz.

Dann kommt der Krieg. Und vor dem Krieg kommt noch eine dritte Frau.

Simone ist 14 Jahre jünger als Catherine und die Neue an der Seite von Marguerite. Seit 1936 leben sie zu dritt in ihrer Schule: Catherine hütet die Kleinsten, Marguerite und Simone kümmern sich um die Großen und wohnen in einem Nachbargebäude als Paar. Eine Dreiecksgeschichte. Doch keiner der Zeitzeugen, die noch leben, erinnert sich an ein böses Wort. Die drei hatten sich arrangiert. Und im Ort – schwieg man vornehm über die Liaison der drei Damen.

Die drei "Feen von Beauvallon", wie man sie in Dieulefit nannte, hatten Wichtigeres zu tun als zu streiten. Aus dem geplanten Refugium für schwierige Schüler machte der Krieg ein Versteck für Verfolgte. Die Schule nahm jüdische Kinder wie Pascaline auf, Lehrer mit Berufsverbot, Widerstandskämpfer, Intellektuelle. Immer neue Gäste strandeten in Beauvallon, mal für kürzer, mal für länger. Im Schlafsaal der Kleinen, von dem aus eine Verbindungstür zu Catherines Kammer führte, konnte man gegen Ende des Krieges kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen. Im Flur standen die Kinder Schlange vor dem Zimmer des Seelsorgers, dem sie ihre Albträume erzählten.

Immer mehr Menschen versteckte die Schule von Beauvallon, im Jahr 1944, dem Jahr der französischen Befreiung, zählte man hundert heimliche Gäste. Hundert, für die man ein Bett brauchte, Essen, Kleidung.

Als es keinen Spinat mehr gab, suchten die Schüler im Wald nach Brennnesseln. Und weil die vielen Kinder ständig neue Schuhe benötigten, es aber keine Schuhe mehr gab, verkündete Marguerite, dann würden sie eben alle keine Schuhe mehr tragen. Von Februar bis November liefen die Feen, die Lehrer, die Schüler barfuß.

Noch immer gibt es die wöchentlichen Versammlungen der Schüler, die Glocke an der Wand, die zum Mittagessen ruft, das Schwimmbad. Gleich dahinter beginnt, hügelaufwärts, der Wald. Es ist der Wald, in den Marguerite Soubeyran im Sommer 1944 alle beschnittenen Jungen schickte. Kurz zuvor waren 44 jüdische Jungen und Mädchen auf Befehl des Lyoner Gestapo-Chefs Klaus Barbie aus einem Kinderheim verschleppt und nach Auschwitz deportiert worden. Die Feen sorgten sich, dass ihre Schule Barbies nächstes Ziel sein könnte.

Mehrere Wochen lang schliefen die Jungen in Grotten zwischen den Bäumen. Vom Hügel aus konnte man zur Schule hinuntersehen. Am Morgen gingen die Jungen zurück, zum Unterricht. Nur wenn eine rote Decke im Fenster an der Terrasse hing, blieben sie im Wald. Marguerite hatte ihnen gesagt: "Solange ihr die rote Decke seht, dürft ihr auf keinen Fall zurückkommen."

Viele der versteckten Kinder, die in der Schule von Beauvallon Unterschlupf fanden, wurden von der jüdischen Organisation Œuvre de secours aux enfants (OSE) geschickt. Die OSE war zunächst ein Wohltätigkeitsverein, später wurde sie zu einer immer mehr im Geheimen agierenden Widerstandsorganisation. In ganz Frankreich sammelte sie verwaiste jüdische Flüchtlingskinder ein, sie adoptierte Kinder von Eltern, die kurz vor der Deportation standen, und brachte sie in Sicherheit.

In Dieulefit funktionierte es so: Die OSE meldete beim Pastor, wie viele Kinder untergebracht werden sollten, der Pastor lief meist zur Schuldirektorin Marguerite, die zur Rathaussekretärin. Oft kamen, unabhängig von der OSE, auch ganze Familien nach Dieulefit, so wie die von Pascaline Cahen. Sie hatten von Freunden gehört, dass man dort sicher sei.

Neun Bürger von Dieulefit wurden bisher als "Gerechte unter den Völkern" geehrt. Doch im Ort gab es unzählige Helfer. Einen Postangestellten, der sein Haus Flüchtlingen überließ, den Werkstattmeister, der zwei Zimmer hinter einem falschen Wandschrank vermietete – ohne Menschen wie sie wäre das Wunder nicht möglich gewesen.

"Es waren auch die Bauern drum herum, die das System getragen haben. Die Lebensmittelkarten akzeptiert haben, von denen sie sehr wohl wussten, dass sie gefälscht waren", sagt Bernard Delpal, der Historiker. "Ein Einziger hätte genügt, um alles auffliegen zu lassen."

Wie konnte das funktionieren?

"Es war Glück dabei", sagt Delpal. Dieulefit, das in einem Talkessel liegt, erschien den Deutschen offenbar nicht als strategisch bedeutsam. Die Sicherheitspolizei der Nazis kam nur selten hierher.

Eine Rolle spielte auch die Religion. Dieulefit ist protestantisch geprägt, und die Geschichte der Protestanten in Frankreich ist eine Geschichte der Verfolgung. Die Nachfahren der einst Verfolgten wussten, was sie zu tun hatten. Das historische Gedächtnis hat funktioniert.

Es war im Jahr 1941. Marguerite Soubeyran, die Schuldirektorin, kam ins Rathaus gerannt, zu Jeanne Barnier, der Sekretärin: "Es sind eine Menge Leute bei mir, die versteckt werden müssen. Und du, du wirst mir falsche Papiere für diese Leute machen."

Jeanne war 23 und hatte noch nie gegen das Gesetz verstoßen. Sie war hin- und hergerissen. Sie konnte nicht Nein sagen. Aber konnte sie Ja sagen?

"Ich werde Ihnen erklären, wie man richtig lügt"

Jeanne ging, so hat sie es später erzählt, zu ihrem Pastor und bat ihn um seinen Rat. "Folge deinem Gewissen", habe der Pastor geantwortet. Und die Frau des Pastors habe gesagt: Schlag deine Bibel auf, auf welcher Seite auch immer, und tu, was dort steht. Zu Hause, sagte Jeanne Barnier später, sei sie beim Propheten Ezechiel gelandet. Ezechiel schreibt über die Unterdrückten, die Elenden und die Fremden. Und darüber, dass der Gerechte mit dem Hungrigen sein Brot teilt.

Im Lauf der Zeit wurde Jeanne Barnier immer professioneller. Sie begann darauf zu achten, dass die Initialen gleich blieben, damit keine Stickerei, vielleicht auf einem Taschentuch, den Betrug aufdeckte. Als Geburtsorte wählte sie Städte, deren Registraturen im Krieg zerstört worden waren, damit niemand kontrollieren konnte, ob der Ausweis tatsächlich an diesem Ort ausgestellt worden war. Und jede Fälschung zog weitere Fälschungen nach sich: Die Flüchtlinge brauchten nicht nur Lebensmittelmarken, sondern auch Führerscheine, Kleidermarken, Passierscheine. Ein gigantischer Betrug, während nebenan der Bürgermeister saß. Für Jeanne war es nicht immer einfach, mit dem Rhythmus der energischen Marguerite Schritt zu halten, die ständig mit neuen Aufträgen kam.

Einmal, als doch eine Fälschung aufflog, redete sich Jeanne Barnier damit heraus, ihr sei ein Stempel gestohlen worden. Der Bürgermeister schickte sie zum Gendarmen, sie solle Anzeige erstatten. Der Gendarm glaubte ihr kein Wort. "Mademoiselle Barnier", sagte er, "Sie sind eine schlechte Lügnerin. Sie haben gerade eine falsche Aussage gemacht. Ich werde Ihnen erklären, wie man richtig lügt."

Dort, wo damals der Bürgermeister residierte, führt heute eine Sozialistin die Geschäfte. Im Erdgeschoss hat die Polizei ihr Büro. In der Ecke des Ratssaals grinst Staatspräsident François Hollande von der Wand. Im Treppenhaus hängt eine Tafel aus Plexiglas: "Zum Gedenken an die Bürger aus Dieulefit, die sich erhoben, um während der nazistischen Besatzung die Werte der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit zu verteidigen."

Seitdem der pensionierte Geschichtsprofessor mit seinen Forschungen begonnen hat, seitdem er Ausstellungen organisiert und Bücher geschrieben hat, erlebt die Bürgermeisterin Christine Priotto wunderbare Dinge. Ein alter Mann meldete sich bei ihr. Nach seiner Erinnerung sei er als Kind in einem Ort namens Dieulefit versteckt worden, aber er habe gedacht, der Name sei seiner kindlichen Fantasie entsprungen. Bis er an der Autobahn ein Schild gesehen habe, auf dem "Dieulefit" stand. Ob es sein könne, dass er in diesem Dieulefit versteckt wurde?

Ja, antwortete die Bürgermeisterin, das könne sehr gut sein. Wenig später wurde der neunte Gerechte aus Dieulefit geehrt. Die Bürgermeisterin hofft, dass es nicht der letzte sein wird. An ihrem Lebensende holen die Alten die Vergangenheit wieder hervor.

In der Buchhandlung in Dieulefit lag vor Kurzem, wie überall in Frankreich, wochenlang der Bestseller von Éric Zemmour im Schaufenster: Le suicide français. Eine Abrechnung mit dem Selbsthass Frankreichs. Eine von Zemmours Thesen: Das Vichy-Regime habe die Juden geopfert, die nach Frankreich geflohen waren – um die französischen Juden zu retten.

Der Marschall Pétain, unter dem 76.000 französische und ausländische Juden deportiert wurden, der seine Rassegesetze erließ, ohne dass Deutschland es je verlangt hätte – ein Freund der Juden?

In manchen Nachbarorten von Dieulefit erreichte der rechtsradikale Front National bei der Europawahl knapp 30 Prozent. In Dieulefit waren es bloß 13 Prozent. In der Kommunalpolitik kommt der Front National nicht vor. Es ist, als sei der Ort einmal gegen rassistische Ideen imprägniert worden und als wirke diese Imprägnierung noch immer ein wenig. Aber ist langsam eine Auffrischung notwendig? Verpflichtet eine gute Tat zum Schweigen – oder zum Reden?

Im Bürgermeisterinnenbüro lehnt der Entwurf eines Denkmals an der Wand: eine Stele mit dem Kopf eines Kindes darauf, umgeben von einer schützenden Mauer. In ein paar Tagen soll es eine feierliche Zeremonie geben. Die Gäste sind eingeladen, Honoratioren, Abgeordnete, der Präfekt, ein Mitglied der Académie française. Im Park haben Arbeiter das Denkmal aufgebaut. Noch ist die Stele verhüllt. Sie sieht aus wie ein Rosenbusch, den man zum Schutz vor dem Frost eingewickelt hat.

"Sie haben gesagt, es dauert zweieinhalb Jahre oder drei, bis sie entscheiden." Sylvie Bénilouz ist 80 Jahre alt und hat nicht mehr viel Zeit. Den Antrag, ihren Retter zum "Gerechten unter den Völkern" zu erklären, hat sie vor drei Jahren gestellt. Oft fragt sie sich, wer schneller sein wird: Jad Vaschem oder der Tod.

In ihrem Leben war Sylvie Bénilouz verstecktes Kind, Schuhverkäuferin, international erfolgreiche Basketballspielerin. Seit 19 Jahren arbeitet sie beim Mémorial de la Shoah, der Holocaust-Gedenkstätte in Paris. Montags und donnerstags steht sie morgens um sechs Uhr auf und fährt aus dem Vorort, in dem sie wohnt, mit dem Zug nach Paris, das Amulett mit den Gesetzestafeln Mose unter ihrem Blazer versteckt. In der Rue Geoffroy-l’Asnier im 4. Arrondissement geht sie durch die Sicherheitskontrolle, dann im Innenhof nicht den direkten Weg geradeaus, sondern erst links, dann rechts, damit sie an der Gedenktafel vorbeikommt, auf der sich auch der Name ihres Vaters befindet: Simon Zalamansky. Nur selten geht Sylvie Bénilouz durch die Ausstellung im Untergeschoss, vor allem den Raum mit den 3.000 Porträts von toten Kindern meidet sie.

Ihr kleiner Arbeitstisch befindet sich in der fünften Etage, auf der Galerie der Bibliothek. Dort sitzt sie, schneidet Zeitungsartikel über jüdische Themen aus, bestreicht die Rückseite mit Klebestift, drückt das Zeitungspapier auf weiße Blätter, die sie dann abheftet. Als kürzlich die vielen Geschichten über die Geiselnahme im jüdischen Supermarkt Hypercacher erschienen sind, begangen vom Komplizen der Charlie Hebdo-Attentäter, hat sie keine Artikel mehr ausgeschnitten, sondern gleich die ganzen Zeitungen aufgehoben. Anders wäre die Arbeit nicht zu schaffen gewesen.

Zwischen den hellgrünen, hellgelben, hellrosa Mappen mit den Presseausschnitten liegt auch ihr eigenes Dossier. Der Bericht, den sie am 21. November 2012 an Jad Vaschem geschickt hat, mit dem Antrag, dem Pater Georges Magnet die Auszeichnung "Gerechter unter den Völkern" zu verleihen. Sylvie schrieb: "Ich bin am 30. August 1934 im 15. Arrondissement von Paris geboren. Mein Vater war Simon Moïse Zalamansky." In der Mappe ist auch ein Schwarz-Weiß-Bild ihres Vaters abgelegt: ein Schuhmacher in einem schweren Arbeitsmantel, der vor seinem Laden steht, die Hände in die Hüften gestemmt.

Zusammen mit seiner Familie – Frau, Tochter, Sohn – war Simon Zalamansky vor der Besetzung von Paris 1940 in ein Dorf in der zone libre geflohen, gut 15 Kilometer von Dieulefit entfernt.

Im April 1943, Sylvie war neun, suchten die Gendarmen im Dorf nach ihrem Vater. Wenn er sich nicht freiwillig stelle, werde man seine Frau und seine Kinder holen und den Ort niederbrennen.

Simon versteckte sich im Pfarrhaus des Paters Georges Magnet, der für mehrere Gemeinden rund um Dieulefit zuständig war. Dort blieb Simon einige Tage, dann beschloss er, sich zu ergeben. Sein Totenschein wurde am 11. März 1945 in Dachau ausgestellt.

Der Pater Magnet brachte den Rest der Familie in Sicherheit: Er lud Sylvie, ihren kleinen Bruder und die Mutter ins Auto und fuhr mit ihnen nach Dieulefit.

Reihenweise rückdatierte Taufscheine für Juden

Sylvie Bénilouz kann sich an die Tannen vor dem Schulhaus der École de Beauvallon erinnern. An das Klavier, auf dem jemand ihr beibrachte, Für Elise zu klimpern. Daran, wie ihre Mutter als Köchin in der Schulkantine arbeitete.

Bloß an den Pater Georges Magnet erinnert sie sich nicht. Dass er es war, der sie rettete, weiß sie von ihrer Mutter, die aber ansonsten nicht reden wollte über damals.

Sylvie Bénilouz hat alte Fotos des Paters Magnet studiert: ein bärtiger Kerl mit Holzfällerarmen. Sie hat über ihn gelesen: dass er nicht nur ein Mann der Kirche war, sondern auch ein Widerstandskämpfer. Dass er reihenweise rückdatierte Taufscheine für Juden ausstellte. Dass er im August 1944 mit der Waffe in der Hand starb, erschossen von deutschen Soldaten.

Jad Vaschem ist noch nicht zufrieden mit Sylvies spärlichen Angaben.

Wissen Sie, wie es zum ersten Kontakt zwischen Ihren Eltern und Herrn Magnet kam?

Hat Herr Magnet Geld von Ihren Eltern erhalten?

Erinnern Sie sich daran, getauft worden zu sein?

Jad Vaschem will Beweise. Doch Sylvie Bénilouz kennt nur einen Bruchteil ihrer eigenen Geschichte. Mithilfe einer Lokaljournalistin hat sie einige Zeitzeugen gefunden. Sie versucht weiter, mehr über die Vergangenheit herauszufinden. Nichts wünscht Sylvie Bénilouz sich mehr, als ihren Retter zu ehren.

Françoise Meyer, eine große Frau mit lockigem weißem Haar, ist Psychoanalytikerin. Sie wohnt in einem grünen Hinterhof im 5. Arrondissement von Paris. In ihrer Wohnung empfängt sie heute noch, mit 80 Jahren, manchmal Patienten. Zu verstehen, wie Erinnerungen sich verändern, zu einem Bild zusammenfügen, Interpretationen vorgeben, ist ihr Beruf. Zu verstehen, was ihre eigenen Erinnerungen sind, ist ihre Lebensaufgabe.

Auch Françoise Meyer hatte einen von der Rathaussekretärin gefälschten Ausweis. Er lautete auf den Namen Françoise Meillau.

1990 gründete sie eine Gesprächsgruppe von ehemaligen versteckten Kindern. Fünf Jahre lang kamen Männer und Frauen in ihre Wohnung, manche sagten in all den Jahren kein Wort. Und wenn einer redete, sagte ein anderer oft: "Du hast mehr gelitten als ich." Als gäbe es einen Wettbewerb des Aushaltens, und jeder redete sich ein, er habe schlecht abgeschnitten. Keiner der Überlebenden mochte sich selbst zugestehen, an seinem Schicksal zu leiden. Schließlich war man doch am Leben!

Jahrzehntelang schaute Françoise Meyer sich die alten Fotoalben ihrer Eltern nur heimlich an, weil sie das für etwas Verbotenes hielt. Die meisten der Schwarz-Weiß-Bilder zeigen die Mutter und ein etwas pummeliges Mädchen. Auf der letzten Porträtserie, die in das letzte der Alben eingeklebt ist, wird Françoise von einem zum nächsten Foto immer trauriger. Françoise hatte keine Lust, fotografiert zu werden. Nach dem Bild, auf dem sie weint, kommen nur noch leere, dunkelgraue Seiten.

Zu jeder Rettung, zu jedem Wunder des Überlebens gehört die Geschichte, was man überlebt hat, wovor man sich retten musste.

Wenn sich Françoise Meyer im Zigarettennebel ihrer Wohnung an die Zeit erinnert, als ihre Eltern noch lebten, dann sieht sie sich in ihrem Zimmer, im Nachthemd, um sie herum ein Haufen Erwachsener. Neben ihrem Bett fanden konspirative Treffen einer jüdischen Widerstandsgruppe statt.

Oft fuhr die Familie hin und her zwischen ihrem Wohnort, der streng von der Sicherheitspolizei und der Miliz des Vichy-Regimes kontrolliert wurde, und dem 30 Kilometer entfernten Dieulefit. Dort lebten der Onkel, die Tante und die Großmutter von Françoise trotz ihres jüdischen Glaubens unbehelligt.

Die kleine Françoise machte häufig ein fürchterliches Theater, wenn es hieß, sie solle in Dieulefit bleiben. Hätte sie das Unglück verhindern können, wenn sie ihren Eltern stärker auf die Nerven gegangen wäre? Hätten die Eltern sie dann mitgenommen, und wären sie dann, um sie zu schützen, vorsichtiger gewesen? Das sind die Gedanken, mit denen sie in der Zeit des Schweigens alleine war.

Sie war bei ihrem Onkel, als ihre Eltern daheim verhaftet wurden. Danach wurde Françoise an verschiedenen Orten in Dieulefit versteckt: Mal war sie an der Schule von Beauvallon, mal schlüpfte sie mit Onkel, Tante und Großmutter bei zwei pensionierten Lehrerinnen in der Hauptstraße von Dieulefit unter. Die Häuser in der Straße, in der die Lehrerinnen wohnten, waren durch einen unterirdischen Gang miteinander verbunden – der perfekte Fluchtweg.

Der Onkel hieß Samuel Abramovitsch und war ein Universitätsdozent, der seinen Posten wegen der Rassegesetze verloren hatte. An der weiterführenden Schule La Roseraie – noch so ein Ort der Rettung in Dieulefit – hatte er eine, selbstverständlich illegale, Stelle als Mathematiklehrer gefunden.

Eines Tages, erzählt Françoise Meyer, bekam der Direktor der Schule einen Brief vom Kommissariat für jüdische Fragen, einer Behörde des Vichy-Regimes: Es sei bekannt, dass die Schule den jüdischen Lehrer Samuel Abramovitsch beschäftige. Er sei sofort zu entlassen. Der Direktor las dem Onkel den Brief vor, zerriss ihn und sagte: "Ich habe ihn nicht bekommen. Wir werden ja sehen."

So viele gute Menschen auf einmal. Kann das sein? Gab es denn gar keine Denunziationen? "Die gab es, wie überall", sagt Bernard Delpal, der Historiker. "Einige Briefe sind im Rathaus gelandet, aber sie wurden nicht weitergereicht."

Im Rathaus saß, natürlich, Jeanne Barnier. Und es saß dort der Bürgermeister.

Das Rätsel des Bürgermeisters hat Delpal noch immer nicht recht gelöst. Er hält es für ausgeschlossen, dass der Bürgermeister nichts wusste. Nichts von den Fälschungen. Nichts von Isaac, der bei seinen Verwandten lebte. Nichts von den jüdischen Lehrern an der Roseraie-Schule, an der seine eigene Frau unterrichtete und deren Zeugnisse er unterschrieb.

Aber warum schwieg der Bürgermeister? War er in Wahrheit ein Humanist? Wollte er seine Frau schützen und die Sekretärin? Handelte er aus Überzeugung? Gegen seine Überzeugung? Der Bürgermeister hat sich nie geäußert, er starb 1969.

"Lang lebe Dieulefit, damit Frankreich lang lebe"

"Ich interessiere mich mehr für die Zukunft", sagt Martine Rabaud, die 72-jährige Enkelin des Bürgermeisters. Ihre Leidenschaft ist die Neue Musik, "aber die Leute wollen sich bloß mit früher beschäftigen". Es ist nicht einfach, in einer Stadt der Guten die Enkelin des einzigen Mannes zu sein, der für das Vichy-Regime steht. Martine Rabaud ist von dem Gerede über die Medaillen der Gerechten für die Helden von Dieulefit offenbar ein wenig genervt.

"Ja, diese Leute haben getan, was sie konnten", sagt sie, "aber mein Großvater war in einer ganz anderen Position. Ihm ist es zu verdanken, dass sie bei der Präfektur sagten: In Dieulefit läuft alles, da müssen wir nicht hinfahren."

Pierre Pizot war schon 62, als er das Amt des Bürgermeisters übernahm. Ein Colonel, ein hoher Offizier, der im Winter 1940 halb erfroren aus der Kriegsgefangenschaft in Schlesien zu Fuß nach Hause kam. "Er liebte, was er repräsentierte", sagt Martine Rabaud: "Pflicht und Gehorsam, die Macht, den Staat." Undenkbar, dass er sich öffentlich den Regeln widersetzt hätte.

Der Bürgermeister wahrte die Form. Und wunderte sich angeblich kein bisschen darüber, dass in Dieulefit stets viel mehr Lebensmittelkarten ausgegeben wurden, als der Ort Einwohner hatte.

Martine Rabaud sagt, sie könne sich erinnern, dass bei ihnen zu Hause Juden ein und aus gingen. Ihre Großmutter, intellektuell interessiert, habe gern Leute empfangen, "alle möglichen Leute". Martine Rabaud sagt auch, nie habe sie im Haus ihrer Großeltern einen Satz gehört wie "Das ist ein Jude".

Wenn man der Enkelin glaubt, dann war der wahre Retter von Dieulefit, ausgerechnet, der Statthalter von Vichy.

Einmal war die Sicherheitspolizei offenbar auf Ungereimtheiten im Rathaus aufmerksam geworden. Sie stattete dem Büro der Sekretärin einen Kontrollbesuch ab, doch an jenem Tag war Jeanne Barnier nicht da. Kurz darauf schickte der Bürgermeister seine Sekretärin in den Urlaub. Sie brauche Erholung. Er werde sie anrufen, wenn er sie wieder benötige.

Am Ende des Krieges gab der Bürgermeister sofort sein Amt ab. Manche, die kurz zuvor noch regimetreu gewesen waren, forderten jetzt seinen Kopf. Die freundliche Jeanne Barnier wurde auf einmal sehr böse: "Wenn ihr ihm ein Haar krümmt, sage ich, was ich über euch weiß." Vielleicht war das eine Anspielung auf die Denunziationsbriefe, die sie in ihrem Sekretärinnenbüro aus dem Verkehr gezogen hatte. Man kann das nicht mehr überprüfen. Jeanne Barnier ist seit 13 Jahren tot. Von den Gerechten von Dieulefit lebt heute keiner mehr.

Jean Morin ist noch immer mit Isaac in Kontakt. "Ich habe vor ein paar Tagen mit ihm telefoniert!", sagt er. "Isaac muss sich bald an den Augen operieren lassen." Meist schreibt Jean Briefe am Computer, die mit der Anrede "Mon cher Isy" beginnen. Isaac, dem das Schreiben auf Französisch etwas Mühe bereitet, ruft lieber an.

Isaac Fabrikant lebt in Jerusalem. Nach dem Krieg ist er ausgewandert, was Henri, den Ersatzvater, traurig gemacht hat. Denn nicht nur hatte Isaac einen neuen Vater gefunden, auch Henri hatte einen neuen Sohn gefunden. Isaac aber wollte nicht im Land seiner Rettung bleiben. Er wollte zu den ersten Bürgern Israels gehören.

Jean Morin hat Isaac zum letzten Mal vor vier Jahren gesehen. Isaac war auf Europareise mit seiner ganzen Familie: mit seiner Frau, den drei Kindern, den drei Enkeln. Am Computer öffnet Jean Morin einen Ordner mit Fotos. Man sieht einen weißhaarigen Mann mit Kippa, in fröhlicher Runde. Auf dem Tisch: Wegwerfgeschirr. "Das haben wir extra gekauft, damit sich in der Spülmaschine nicht Milch und Fleisch mischen", sagt Jean Morin. "Wir mussten ja koscher essen."

Er spricht mit großem Respekt von Isaacs Religion. Einem Respekt, den ihm seine Mutter nicht beigebracht hat. Denn Isaac lebte bei der Familie Morin nicht nur unter den Augen des Vichy-Bürgermeisters, sondern auch – so kompliziert können Wunder sein – gegen den Willen von Jeans Mutter. Auf dem Esstisch der Morins lag regelmäßig eine Zeitung, die Elisabeth Morin abonniert hatte. L’Action française war ein antisemitisches Propagandablatt.

"Meine Mutter konnte ihrem Mann die Bitte nicht abschlagen, diesen Jungen aufzunehmen", sagt Jean Morin in das Dunkel seines Arbeitszimmers hinein. "Aber Isaac hatte ja auch noch eine Schwester." Alles ist seinem Tonfall anzuhören: das Bemühen um Neutralität, die Achtung vor der Mutter, die Liebe zum Vater, die Scham vor Isaac. "Aber meine Mutter hat gesagt: Ein Kind, das ist genug."

Isaacs Schwester kam bei zwei älteren Damen gegenüber der Morin-Villa unter. Wie ein Dienstmädchen sei sie dort behandelt worden, sagt Jean Morin. Deshalb hätten Isaac und seine Schwester nie einen Antrag auf eine Medaille der Gerechten für die beiden Frauen gestellt. Eine Rettung ist nur eine Rettung, wenn sie aus Menschlichkeit, wenn sie ohne Eigennutz geschieht.

Dass Isaac bei den Morins einzog, ist lange her, aber für Isaac Fabrikant ist das Gestern heute. Mit einer deutschen Journalistin will er darüber nicht reden. Nicht über Dieulefit und schon gar nicht über das, was er in jenen drei Tagen und drei Nächten im Lager von Vénissieux erlebt hat.

Ein sonniger Freitagmorgen fast 70 Jahre nach Kriegsende. Im Park neben dem Keramikmuseum von Dieulefit steht das Denkmal zum ersten Mal ohne Hülle da. 150 Gäste sind gekommen und warten darauf, dass die Bürgermeisterin ein blau-weiß-rotes Band durchschneidet.

Die Bürgermeisterin ist im rosa Jackett erschienen, sie hat sich eine Schärpe mit goldenen Bommeln umgehängt. Bernard Delpal, der Historiker, hält eine Rede, er spricht von einer "Solidarität ohne Fehl", von der "tödlichen Gefahr", die die Vertreter des zivilen Widerstands auf sich genommen hätten. Der Präfekt, mit weißen Handschuhen, sagt: "Lang lebe Dieulefit, damit Frankreich lang lebe."

Jean Morin, der Sohn des alten Tuchfabrikanten, steht mit gebeugtem Kopf und hört, wie Bernard Delpal sagt: "Der Begriff ›Wunder‹ kann den Historiker nicht zufriedenstellen."

Dann zerschneidet die Bürgermeisterin das Band.

Für einen Historiker gibt es keine Wunder. Denn Wunder kann man nicht erklären. Es gibt Menschen, die unter bestimmten Bedingungen zu dem werden, was sie sind.

In Dieulefit gab es drei lesbische Frauen, die davon träumten, Kinder glücklich zu machen. Es gab einen Bürgermeister, der den Schein wahrte. Und es gab eine Frau, die es nicht wagte, ihrem Mann zu widersprechen.

Das klingt nach wenig. Es hat gereicht, um mehr als 1.500 Menschenleben zu retten.