Das Universitätsklinikum Zürich mischt im Schweizer Gesundheitsmarkt für Superreiche mit. ©Reuters

Während die Welt über die fragwürdigen Geschäfte der Genfer Filiale der HSBC diskutiert, hat die Schweiz längst eine Version 2.0 ihres Geschäfts mit den Dubiosen, Dealern und Despoten dieser Welt entwickelt. Schauplatz für die neuen Deals sind nicht mehr die Hinterzimmer der Institute an der Bahnhofstraße oder an der Rue du Rhône, sondern Kunstmessen, Privatschulen – und vor allem: gehobene Häuser der Spitzenmedizin.

Kunstmuseum Basel. Zwei mandeläugige, schwarzhaarige Frauen kauern auf dem Boden. Farbiger Stoff umhüllt ihre Körper, im Haar stecken Blumen. Nafea faa ipoipo ("Wann heiratest Du") heißt das Bild von Paul Gauguin. Gemalt hat er es 1892 auf der Südseeinsel Tahiti, seit den 1950er Jahren hängt es in der Basler Sammlung. Eine Leihgabe der lokalen Kunstsammlerfamilie Staechelin. Doch vor einigen Tagen wurde bekannt: Das Bild ist verkauft worden. Für gerüchteweise 300 Millionen US-Dollar. Nach Katar, ins Museum der Herrscherfamilie. Bezahlt haben soll das Geschäft Sheikha Al-Majassa Al-Thani. Sie ist die 32-jährige Schwester des Emirs, der mit absoluter Macht über den kleinen Wüstenstaat regiert, wo Millionen von Arbeitsmigranten unter miesen Bedingungen auf den Stadion-Baustellen für die Fußball-WM 2022 schuften. Der Gauguin-Verkauf wäre der teuerste Kunstdeal aller Zeiten.

Es ist kein Zufall, dass der Handel in der Schweiz stattfindet. 800 registrierte Kunsthändler und Auktionatoren ballen sich im kleinen Land; nirgendwo sonst gibt es auf so engem Raum so viele Galerien. Doch das ist nicht der einzige Grund. Seit Jahren versucht die Politik den Schweizer Kunstmarkt an die Leine zu nehmen – vergebens. Während in der EU Werke nur bis zu einem Wert von maximal 15.000 Euro gekauft werden können, ohne dass sich die Beteiligten outen müssen, kennt die Schweiz keine derartigen Bestimmungen. Die Luzerner Juristin Monika Roth, die zum Thema forscht, nannte den Schweizer Kunsthandel einen "sunny place for shady people". Bis heute ist er nicht dem Geldwäschereigesetz unterstellt. Wer will, der bietet und kauft weiterhin anonym. Und falls gewünscht, auch in bar. Der Schweizer Kunsthandelsverband empfiehlt seinen Mitgliedern lediglich, keine Beträge über 25.000 Franken in bar zu akzeptieren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 7 vom 12.02.2015.

Zürich, Schloss Sihlberg. Ein Nachmittag im September. Ein Ehepaar aus Shanghai fährt vor. Zu Ehren der Neukundschaft rollt Schlossherr Florian Kramer den roten Teppich aus und stellt zwei vergnügte Buddhas ins Entrée. Dann überreicht ein privater Butler den beiden Chinesen als Willkommensgeschenk einen Kaschmirschal der Extraklasse. "Etwas zum Wohlfühlen, an das man sich während des Aufenthalts halten kann", erklärt Florian Kramer.

Die Zurich Clinic ist eine der exklusivsten Schöpfungen auf dem boomenden Schweizer Medizintourismus-Markt (ZEIT, Schweiz-Ausgabe, Nr. 43/14). Ein zehnköpfiges Team betreut einen Monat lang einen einzigen Patienten: "Sieben Tage in der Woche, Tag und Nacht." Alkohol, Drogen, Depressionen, Übergewicht. Dieses "One-client-at-the-time-Programm" kostet 300.000 Franken. "Grundtarif", sagt Klinikbesitzer Kramer. "Nach oben ist die Skala offen."

Für 2015 rechnet die mit Steuergeldern geförderte Promotionsagentur Swiss Health mit einem Branchenumsatz von mehr als einer Milliarde Franken. Bald sollen es drei bis fünf Milliarden sein. Schweizer Privatkliniken angeln vor allem in den Golfstaaten, in Russland und in China nach angeschlagenen Milliardären. Auf Erdöl- oder Gaskongressen oder in Schweizer Botschaftsresidenzen wird um die Kundschaft geworben. Um Oligarchen, Tycoone oder saudi-arabische Minister. Das Wort Patient vermeidet die Branche tunlichst.

Im neuen Gesundheitsmarkt für Superreiche tummeln sich nicht nur Kleinanbieter wie die Zurich Clinic oder Privatklinikgruppen wie Hirslanden oder Le Genolier. Auch das staatliche Universitätsspital Zürich mischt mit. 2018 eröffnet es am Flughafen Zürich ein eigenes Gesundheitszentrum. Auf 10.000 Quadratmetern in bester Lage will das Spital seine "internationale Präsenz stärken". Kurzum: den privaten Anbietern die eingeflogenen Patienten abjagen, bevor sie den Weg ins Stadtzentrum finden.

Im Sommer 2008 reist auch Hannibal al-Gaddafi nach Genf. Als Medizintourist. Der Sohn des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi will, dass seine hochschwangere Frau Aline den gemeinsamen Nachkommen in einem Schweizer Spital zur Welt bringt. Als zwei Hausangestellte das Ehepaar beschuldigen, sie misshandelt zu haben, verhaftet die Genfer Polizei das Ehepaar Gaddafi. Was folgt, ist in der Schweiz als "Libyen-Krise" bekannt. Aus Rache nimmt der Wüstendiktator nur drei Tage später zwei Schweizer Ingenieure in Tripolis als Geiseln. In seinem Furor forderte Gaddafi gar, die Eidgenossenschaft müsse zerschlagen und unter ihren Nachbarländern aufgeteilt werden.

Doch in der Regel bleibt das Geschäft mit den Dubiosen, den Dealern und Despoten diskret. Gerade wenn es um den verwöhnten Nachwuchs aus Moskau, Riad und Shanghai geht. Wer in den Luxus-Instituten Le Rosey im Waadtland oder Rosenberg in St. Gallen pubertiert und büffelt, wird kaum je bekannt. 84.000 Franken kostet ein Jahr auf dem Rosenberg. Das Abschlusszeugnis kriegt nur, wer auch die letzte Rechnung beglichen hat. Die Institute sind so verschwiegen wie einst die Schweizer Geldhäuser.

Der berühmteste Schüler, der in der Schweiz die Schulbank drückte, tat dies allerdings in einem staatlichen Institut. Wie es sich für einen Sozialisten gehört. Kim Jong Un, der oberste Führer der Demokratischen Volksrepublik Korea. Nach der Analyse alter Klassenfotos geht man heute davon aus, dass der Nachwuchstyrann von 1998 bis 2000 unter dem Namen Pak-un in Köniz bei Bern unterrichtet wurde.

In der Schweizer Politik sind diese neuartigen Deals dieser Tage jedoch kein Thema. Die Linke verbeißt sich in die Finanzmarktaufsicht, und für die bürgerliche Mehrheit im Land sind die Swiss Leaks ein Blick in eine düstere Vergangenheit. Sie sind Geschichte, vergangen und vergessen.

Die hiesigen "Gschäftlimacher" aber sind längst einen Schritt weiter: im Geldverdienen mit ihren dreckigen Kunden.

Mitarbeit: Margit Sprecher