Politiker führen die Ruhr-Polen gerne als Beispiel für die Tradition der deutschen Willkommenskultur gegenüber Migranten an. Doch geht man an den Anfang der Geschichte, dann entpuppt sich der Umgang mit den Ruhr-Polen als das genaue Gegenteil – als Modellfall für misslungene Integration.

Zwischen 1870 und 1914 nahm die Kohleproduktion im Ruhrbergbau um das Zehnfache zu. Also wurden Arbeiter aus den wirtschaftlich schwachen Ostprovinzen geholt. Auf dem Papier waren sie Deutsche, ihrer kulturellen Identität nach aber Polen. Wie bei der Arbeitsmigration in der späteren Bundesrepublik zogen anfangs hauptsächlich polnische Männer ins Ruhrgebiet, die dann ihre Familien nachholten. Vor dem Ersten Weltkrieg lebten dort etwa eine halbe Million Polen. Eigentlich wollten sie bleiben, doch bis Ende der 1920er Jahre hatten die meisten das Ruhrgebiet wieder verlassen. 40.000 waren in die Heimat zurückgekehrt, der Rest (mehr als 300.000) hatte sich in der nordfranzösischen Industrieregion niedergelassen. Sie sind nicht allein wegen der Wirtschaftskrise gegangen, sondern auch weil Integration die Bereitschaft zum Dableiben voraussetzt – und die erfordert wiederum, dass man sich dort, wo man lebt, wohlfühlt. Die Ruhr-Polen taten das nicht.

Im Wilhelminischen Deutschland waren sie einem starken Anpassungsdruck ausgesetzt, der ihre kulturellen Besonderheiten unterdrücken wollte. 1896 hatte der Oberpräsident der Provinz Westfalen das Programm so formuliert: "Scharfe Überwachung der Agitation und Vereinstätigkeit, Fernhaltung nationalpolnischer Geistlicher, Beschränkung des Gebrauchs der polnischen Sprache in öffentlichen Versammlungen, ausschließlich deutsche Schulbildung, das werden die Mittel sein, mit denen das Polentum im Westen der Monarchie der Germanisierung zugeführt wird." Der Anpassungszwang fand in der NS-Zeit seinen Höhepunkt, als aktive Mitglieder polnischer Vereine mit Verfolgung und Lagerhaft rechnen mussten.

Dabei war gerade der polnischstämmigen Bevölkerung die eigene kulturelle Identität eine Herzenssache: Sie kompensierte die lange unterdrückte Staatlichkeit Polens. So vertrieb der Assimilationsdruck eine Zuwanderergruppe, die eigentlich durch ihre bereits vorhandene deutsche Staatsbürgerschaft beste Voraussetzungen zur Integration mitbrachte.

Von heute aus betrachtet, sind die Nachfahren der im Ruhrgebiet gebliebenen Polen – allenfalls noch an ihren slawischen Familiennamen zu erkennen – ein Beispiel für vollständige Assimilation. Aber eben nicht für eine gelungene Integration, die mitgebrachte kulturelle Identitäten respektiert.

Wird dieser Respekt verweigert, verweigern sich die Zuwanderer. Das zeigt ein Blick in die damals im Ruhrgebiet verbreiteten polnischsprachigen Zeitungen. So erschien 1913 im Viarus Polski ein Text mit dem Titel Zehn Gebote für Polen: "Ich bin Polen, dein Vaterland. Du sollst kein anderes Vaterland haben neben mir. Beschmutze nicht die Muttersprache durch Anwendung fremder Worte und Redensarten, denn die polnische Sprache ist reich wie keine andere auf der Welt. Du sollst mir meine Kinder nicht stehlen. Verbiete ihnen, untereinander Deutsch zu sprechen, und sprich niemals selbst mit ihnen Deutsch."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 7 vom 12.02.2015.

Assimilationsdruck der Aufnahmegesellschaft auf der einen und ethnozentrische Subkultur von Einwanderern auf der anderen Seite schaukeln sich wechselseitig hoch – das ist die Lehre für unsere Gesellschaft von heute.

Heute haben wir anerkannt, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, das schon wegen seiner Demografie auf Migration angewiesen ist. Die Geschichte der Ruhr-Polen ist dennoch aktuell: Sie zeigt, dass Abkapselung in Parallelgesellschaften auch eine Reaktion auf äußere Anpassungszwänge ist. Politiker sollten daher aufhören, von Migranten zu verlangen, auf ihre Muttersprache, ihre Religion, ihre Feste oder ihre Musik zu verzichten. In Einwanderungsgesellschaften geht es nicht darum, kulturelle Unterschiede wegzubügeln, sondern zu respektieren.

Darüber hat der Soziologe Richard Sennett jetzt während der Lessing-Tage in Hamburg gesprochen. Gerade weil die Begegnung mit den "Anderen" oft mit Unbehagen verbunden sei, brauche es durchlässige Randbereiche, um die Anderen in ihrem Anderssein alltäglich wahrnehmen zu können. Nur durch Erfahrung ließen sich Ängste abbauen. Dazu passt, dass die fremdenfeindliche Pegida-Bewegung gerade dort entstanden ist, wo es kaum Fremde gibt und so auch nicht die Chance der Begegnung.

In der Migrationspolitik kursieren Konzepte, um kulturelle Differenzen zu vermeiden. Doch nur noch Menschen zu uns kommen zu lassen, die sich in ihren Sprachkenntnissen, Qualifikationen und Lebensgewohnheiten möglichst wenig von uns unterscheiden, ist keine Lösung. Ebenso wenig hilft es, Unterschiede wegzureden. Zum Beispiel wenn die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, sich wünscht, dass irgendwann gar nicht mehr von Migranten die Rede wäre.

Ja, der aus der Tradition der Kulturnation stammende Integrationsbegriff, der gesellschaftlichen Zusammenhalt an kulturelle Gleichheit bindet, ist falsch. Wir brauchen eine "interkulturelle Integration", also eine Gesellschaft, in der alle die Werte der Verfassung teilen, sich jenseits davon aber in ihrer Verschiedenheit respektieren. Dieser Respekt fußt auf dem Bewusstsein, aufeinander angewiesen zu sein, und der Fähigkeit, die Auswirkungen des eigenen Handelns auf den Anderen zu reflektieren. Daran hat es in der Geschichte der Ruhr-Polen gefehlt – auf beiden Seiten.