Dies ist die Geschichte des 22-jährigen Peter, der vor einem Jahr noch fest entschlossen war, nach Syrien in den Dschihad zu ziehen. Und es ist die Geschichte des 45 Jahre alten Leipziger Imams Hesham Shashaa, genannt Abu Adam, der seit acht Monaten daran arbeitet, aus Peter einen friedliebenden Muslim zu machen.

Sie bilden ein ungleiches Paar. Abu Adam ist groß, laut und kräftig; er trägt bodenlanges Gewand und ein rot gemustertes Kopftuch. Der Imam sieht aus wie Osama bin Laden. Peter dagegen ist sehr leise und so schmächtig, dass man denkt: Den pustet ein Windstoß um. Jeans und Hemd trägt er, hat eher lange Haare und blaue Augen. Zweimal hat die ZEIT die beiden besucht. Im vergangenen Herbst in Leipzig. Und Anfang Februar in Spanien, wo Peter, der in Wirklichkeit anders heißt, heute zur Schule geht.

"Ich habe 86 Prozent im Bio-Test geschafft", sagt Peter und nimmt von den geschmorten Tomaten, die in dem Ferienhaus an der Costa Blanca auf dem Tisch stehen.

"Ich habe mehr erwartet", entgegnet Abu Adam. "Du willst doch Medizin studieren?"

"Ich weiß, ich muss mich mehr anstrengen", sagt Peter.

Er ist kein Einzelfall. Tausende junge Muslime in Deutschland haben sich in den letzten Jahren radikalisiert. Über 600 sind nach Syrien gezogen, haben sich Terrorgruppen wie dem "Islamischen Staat" (IS) angeschlossen, haben Schießen oder Bombenbauen gelernt. Etwa 190 sind zurückgekehrt, einige gelten als gefährlich. Peter könnte einer von ihnen sein. Der Imam Abu Adam will das verhindern.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 12.02.2015

Leipzig, im vergangenen September. Seit zwei Monaten lebt Peter schon im Haus von Abu Adam, einer verwohnten Vorstadtvilla. Sie essen gemeinsam, beten gemeinsam, und wenn Abu Adam zu einem seiner Termine inner- oder außerhalb Deutschlands muss, fährt Peter mit. "Wir haben Tausende Kilometer im Auto zurückgelegt", sagt der Imam. "Peter hat mich rund um die Uhr mit Fragen bombardiert, bis mir fast der Kopf geplatzt ist."

Peter ist nicht sein erster Fall. Abu Adam hat ein eigenes De-Radikalisierungskonzept entwickelt, und Peter, so sagt er, befinde sich in Phase eins: "Er muss mich lieben lernen."

Eine persönliche Beziehung soll entstehen. Also reden sie: über Familie, Ernährung, Freundschaft – nichts ist tabu. Ein Pfeiler ist die Autorität Abu Adams als Islamgelehrter. "Wir haben Peters Extremismus in allen Einzelheiten besprochen, jede falsch interpretierte Sure, jedes falsch verstandene Prophetenwort", sagt der Imam. Peter nickt: "Abu Adam hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Er hat so viel mehr Wissen als die, denen ich hinterhergelaufen bin." Peter weiß aber, dass er noch nicht über den Berg ist: "Wenn ich Abu Adam jetzt verlöre und wieder mit solchen Leuten zu tun bekäme, hätte ich nicht genug Wissen, um mich zu wehren."

"O die ihr glaubt! Nehmt nicht die Juden und Christen zu Freunden": So kann man Sure 5, Vers 51 des Koran übersetzen. Extremisten ziehen den Vers oft heran, um Muslime von Andersgläubigen zu isolieren und Feindseligkeit zu stiften. "Aber die sind ungebildet", sagt Abu Adam. Die Sure befasse sich mit einer konkreten historischen Situation, sie enthalte daher keine allgemeine Maßgabe. Radikalere Schulen sehen das anders, aber Abu Adam zieht zur Interpretation das Beispiel des Propheten heran: "Der hatte eine koptische und eine jüdische Ehefrau. Weil die ihn hassten? Weil er sie hasste? Das ist doch absurd!" Der Prophet habe zudem seine Liebe für unbekehrt verstorbene Verwandte bekundet.

Also: Ein Muslim dürfe mit Nicht-Muslimen befreundet sein. Das war eine der ersten Lektionen, die Abu Adam Peter erteilte, der Angst davor hatte, sich mit Ungläubigen abzugeben.

Peter ist intelligent, höflich, hat aber "schwarz auf weiß wenig vorzuweisen", wie er mit Blick auf seine erfolglose Schullaufbahn sagt. Er ist eine labile Persönlichkeit. Über seine Familie soll nicht geschrieben werden, um die Anonymität zu wahren. Als Muslim ist er nicht aufgewachsen. Bekehrt hat er sich in der Schule.

Im Jahr 2012 sitzt er neben einem Mitschüler im Physikunterricht, und der sagt zu ihm: "Alles, was wir hier lernen, steht schon im Koran." Peter ist beeindruckt. Er sucht schon seit Langem nach Gott. Ist das jetzt das Zeichen, auf das er hofft?

Er begleitet seinen Freund in die Moschee. "Dort habe ich erlebt, wie herzlich Muslime miteinander umgehen, ich habe mich aufgenommen gefühlt", sagt er heute. Er sei sich sofort sicher gewesen, die Wahrheit gefunden zu haben. Schon bei seinem zweiten Freitagsgebet habe er das Glaubensbekenntnis gesprochen. "Ich konnte nicht warten. Ich dachte: Was, wenn ich sterbe, ohne Muslim zu sein?"

Der Frischbekehrte ist glücklich. Aber bald beginnt er an seinem Freund zu zweifeln: Ist der überhaupt richtig gläubig? Peter will den Islam mit mehr Hingabe leben als dieser, eifriger, strenger. In einer westdeutschen Großstadt findet Peter Anschluss an radikale Islamisten. Hier, meint er, wird der Glaube ernst genommen. Bald kreisen die Gespräche um Syrien. Müsste man nicht die Glaubensbrüder dort unterstützen?