Er ist ein Schwärmer. Und jähzornig. Peter verprügelt jemanden aus seinem Umfeld – es folgen drei Monate Untersuchungshaft. Im Knast wird sein Drang stärker, in den Krieg zu ziehen: "Ich hatte Zellennachbarn, die für den Dschihad waren", sagt er heute. Einer von ihnen war zuvor bei Terrorgruppen in Pakistan und Somalia gewesen. "Ich hab viel mit denen geredet. Bis ich fest entschlossen war, selbst zu gehen."

Als Peter im Frühjahr 2014 entlassen wird, hat er einen Plan: Er will eine Sanitätsausbildung machen, um seine Überlebenschancen im Krieg zu steigern. "Ich hatte diesen Traum, einmal sagen zu können: Ich bin seit dreißig Jahren auf dem Schlachtfeld!" Und er weiß, wen er ansprechen muss, um sich nach Syrien schleusen zu lassen.

Seine Mutter erkennt, dass etwas nicht stimmt. Sie liest seine Facebook-Postings, auf denen die IS-Fahne auftaucht, und begreift, dass ihr Sohn radikal geworden ist. Aber wen soll sie um Hilfe bitten?

Peters Mutter fragt herum. Bis sie von Abu Adam erfährt, der zwar kein Büro hat und auch kein offizielles Mandat, von dessen Arbeit mit Radikalen die Jugendhilfe-Einrichtungen und Beratungsstellen aber wissen. Die Mutter arrangiert eine Begegnung. Sie hofft, dass ihr Sohn den Imam ernst nimmt, sich auf ein Gespräch mit ihm einlässt. So geschieht es auch. "Und jetzt bin ich auf Entzug", sagt Peter.

Wenn Abu Adam durch Leipzig geht, zieht er Blicke auf sich. Als er sich in einer Pizzeria niederlässt, seine Söhne im Schlepptau, mit ihnen Peter, da rücken einige Gäste ein Stück ab. Abu Adam kennt das. "Ich lächle dann", sagt er und macht es vor. "Der Prophet hat immer gelächelt." Der Imam bestellt Pizza mit Huhn.

Abu Adam ist eine schillernde Figur. Aufgewachsen in Ägypten, hat der staatenlose Palästinenser Koranwissenschaften und islamisches Recht studiert, in Ägypten, Libyen, Saudi-Arabien, Pakistan und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Es verschlägt ihn später nach Rumänien, dann nach München, wo er eine Moschee aufbaut. Seit 2012 lebt er in Leipzig. Der mehrfach diplomierte Theologe hält weltweit Vorträge, bildet Imame fort, arbeitet an einer islamischen Enzyklopädie mit, was ihm ein Grundeinkommen sichert. Derzeit ist er Imam und Prediger des Religionsministeriums von Kuwait. Er hat vier Frauen (drei davon nach islamischem Recht), ist konservativ und orthodox. "Aber Glaube darf kein Ghetto sein", sagt er. Wenn Abu Adam morgens zehn Kinder auf einmal in der Schule abliefert, redet er unbefangen mit anderen Eltern, natürlich auch mit Frauen oder Nicht-Muslimen.

Eine Verfassungsschutzbehörde ordnete ihn 2012 als Salafisten ein. Er lehne die pluralistische Gesellschaft ab, habe wiederholt geäußert, dass eine Frau nicht ohne Erlaubnis ihres Mannes aus dem Haus gehen dürfe und habe sich während des Gazakriegs 2009 in einer Predigt abschätzig über Juden geäußert. Er wolle einen Gottesstaat, der mit Gewaltenteilung, Rechtsstaat und Parlamentarismus nicht vereinbar wäre. Er habe drei Videos mit extremistischen Inhalten gepostet. Seine Distanzierung vom Extremismus, so hieß es mit Blick auf die bis 2012 gewonnenen Erkenntnisse, sei "zu hinterfragen".

"Lügen", sagt Abu Adam, "bestenfalls Missverständnisse." Seit Jahren wettert er öffentlich gegen Al-Kaida und den IS, er wird deswegen mit dem Tode bedroht. Und die Vorwürfe bestreitet er. Frauen dürften das Haus nur mit Einverständnis des Ehemanns verlassen? "Das gilt für beide Ehepartner! Sie sollen sich absprechen, wenn einer irgendwohin geht." Die Juden? "Ich habe über israelische Soldaten gesprochen, die Kinder ermorden – das ja. Aber ich rede nie schlecht über Christen oder Juden, nie!" Und der Gottesstaat? Abu Adam lacht auf. "Ich war auf Konferenzen in Ministerien, mit Polizisten, mit Politikern, um gegen Extremismus zu kämpfen! Die SPD lädt mich ein – ich komme. Würde ich das tun, wenn ich diesen Staat hasse?" Die Videos schließlich habe er als Provokation gepostet, "um die Extremisten aus ihren Löchern zu locken, sie zu stellen".

Abu Adam ist schwer zu fassen. Der Stadtstaat von Medina im 7. Jahrhundert ist für ihn ein Ideal. Zugleich sagt er: "Der Islam ist nicht gegen ein System, er ist gegen das Schlechte in einem System." Für ihn passt das zusammen, für andere nicht. Jedenfalls ist er jemand, der Radikale erreichen kann, um sie umzustimmen.

"Ich kenne Abu Adam lange und halte die Vorwürfe für Fehlinterpretationen", sagt Claudia Dantschke, eine der besten Kennerinnen der muslimischen Szene in Deutschland und Leiterin der Beratungsstelle Hayat, die Familien hilft, deren Kinder sich radikalisiert haben. Hayat unterstützt Abu Adams Arbeit, auch finanziell, durch Honorare. Peter, sagt Claudia Dantschke, musste raus aus der Szene, physisch. Sein radikaler Mentor musste ersetzt werden – eben durch Abu Adam. Man könne das mit einer sogenannten "sozialpädagogischen Einzelfallmaßnahme" vergleichen: "Wir haben ein Netz um ihn herum geknüpft." Auch die Jugendförderung ist daran beteiligt. Abu Adam stellt zwar die Hauptbezugsperson für Peter dar, aber andere organisieren Peters Sozialleistungen oder suchen Spender, denn den De-Radikalisierungsprojekten fehlt es stets an Geld.

Direkt vor Abu Adams Haus hat sich an diesem Tag ein Unfall ereignet. In einem Bulli sitzen zwei Polizisten, um die Unfallstelle zu sichern. Am Abend tritt Abu Adam vor die Tür und reicht den Beamten Kekse und Wasser. "Sie haben ja den ganzen Tag nichts gegessen und getrunken", sagt er. Die Polizisten wehren erst ab, sichtlich verunsichert. Dann greifen sie zu.

Vier Monate später, in einem Ort an der Costa Blanca. Vom Meer her weht ein heftiger Wind und rüttelt an den Palmen. Abu Adam hat hier ein großes Haus gemietet, denn einige seiner Kinder besuchen zurzeit eine nahe gelegene internationale Schule, lernen Spanisch und Englisch. Peter hat er in einer Wohnung untergebracht, die ein paar Kilometer entfernt liegt. Zwei Jahre noch, dann könnte er sein Abitur nachholen.

Wie geht es Peter heute? "Phase zwei", sagt Abu Adam: "Selbstständig werden. Nun muss er lernen, dass es falsch ist, nur zu imitieren. Jeder macht Fehler. Deswegen darf man auch niemandem einfach so folgen." Die beiden sehen sich jetzt seltener. Peter leidet darunter, sieht es aber ein. "Beten, schlafen, lernen, viel Routine", so beschreibt er seinen neuen Alltag.

Die Schule war nicht der einzige Grund für den Umzug nach Spanien. In Deutschland war Peter zu nah an der radikalen Szene. Sie zerrte an ihm, alte Freunde meldeten sich, es drohte ein Rückfall. "Er ist in Quarantäne", sagt Abu Adam.

Seine Syrien-Pläne hält Peter heute für "naiv". Was hat ihn damals angetrieben? "Das Mitleid mit den syrischen Muslimen", antwortet er. Der Kampf schien ihm der einzige Weg zu sein. Und natürlich war da die Sache mit dem islamischen Staat, der dort errichtet werden soll: ein Ideal, zum Greifen nah. Viele junge Radikale, sagt Abu Adam, leiden daran, dass Ideal und Realität auseinanderklaffen. "Man muss ihnen beibringen: Allah hat uns gesagt, dass es das Böse immer geben wird. Lerne damit zu leben, dass die Welt nicht perfekt ist."

Wenn Rekrutierer Nachschub für den Kampf suchen, erklären sie ihn zur Pflicht für jeden Muslim. Auch das hat Peter geglaubt. Wie bekämpft Abu Adam diese Idee? Der Imam legt los: Nach orthodoxer Lehrmeinung müssten die Regierungen der betroffenen Länder zustimmen, damit der Kampf Pflicht werde, denn "der Dschihad ist keine private Entscheidung" – zuständig dann also die deutsche und die syrische Regierung, Merkel und Assad. Das mag absurd klingen. Aber es ist ein originär muslimisches Argument. Zweitens müssten die Eltern einwilligen, bevor ein Kämpfer auszieht. Drittens benötigten die Syrer wohl kaum die Hilfe von ein paar Hundert Deutschen. Viertens handele es sich um einen Konflikt zwischen Muslimen, um "Fitna" – den sollten unbeteiligte Muslime meiden. Und fünftens habe Gott den Menschen nicht geschaffen, damit er sein Leben wegwirft.

"Was Abu Adam macht, das ist wie einem Raucher das Rauchen mithilfe von E-Zigaretten abzugewöhnen", hat einmal ein Verfassungsschützer kritisch angemerkt. "Es gibt keine andere Möglichkeit, als mit religiösem Wissen zu arbeiten", lautet Abu Adams Antwort darauf. "Das hat sie angetrieben, nur das kann sie zurückführen."

Peter gibt zu, dass einige der alten Gedanken ihn ab und zu heimsuchen. "Und wenn die doch nicht alle schlecht sind?" Immerhin sagt er: "Ich würde heute nicht mehr gehen."

Abu Adam kommentiert: "Peter ist nicht mehr infiziert. Aber er hat noch einen langen Weg vor sich." Am Ende dieses Weges, in Phase sechs, soll Peter sich gegen Extremisten engagieren.

Die englische Übersetzung dieses Textes finden Sie hier.