Rein äußerlich wird sich für Katherina Reiche vom 1. September an wenig ändern. Wie bisher wird sie mit dem Zug von Luckenwalde nach Berlin fahren, am Hauptbahnhof aussteigen und in ihr Büro in der nahen Invalidenstraße gehen. Doch es wird ein neues Büro sein, auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Und das verändert alles.

Von "dreist" bis "skandalös" reichte das Presseecho in der vergangenen Woche: Da gab Reiche überraschend ihren Posten als Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium auf – und bereits am nächsten Tag wählte der mächtige Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) sie zu seiner neuen Hauptgeschäftsführerin. Ausgerechnet am Tag, an dem das Bundeskabinett einen Gesetzentwurf zur Regelung von Übergangszeiten von Politikern auf den Weg brachte. Nur sieben Monate werden zwischen Reiches Wechsel aus der Politik in den Lobbyismus liegen; im September tritt sie den Job an. Der Gesetzentwurf indes sieht zwölf Monate vor. Laut Medienberichten wird sie als Interessenvertreterin von 1.430 kommunalen Energie-, Wasser- und Abwasser-Unternehmen etwa 600.000 Euro pro Jahr verdienen; fast doppelt so viel wie die Bundeskanzlerin.

Der Coup der 41-Jährigen sorgt auch in der eigenen Partei für Ärger. Mit ihrem Abgang verlieren die Potsdamer ihre Vertretung im Bundestag. Die Union hatte zu wenige Nachrücker aufgestellt.

Wer ist diese Politikerin, die ihre politische Karriere gegen ein "kurzfristiges Angebot" eines Lobbyverbands eintauscht? Darauf gibt es zwei sehr unterschiedliche Antworten. Auf der einen Seite stehen die Bewunderer und Förderer der 41-Jährigen. Sie sehen in der dreifachen Mutter eine Kämpferin für den Schutz der klassischen Ehe. Als 13 Unions-Abgeordnete 2012 die Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften forderten, konterte Reiche via Bild: "Die Gesellschaft wird nicht von kleinen Gruppen zusammengehalten, sondern von der stabilen Mitte."

Ostdeutsch, weiblich, konservativ: Mit diesem Profil fällt Reiche auf

Ihre Gegner zeichnen ein ganz anderes Bild. Die gelernte Chemikerin, behaupten sie, sei kalt und berechnend. Neue politische Positionen nehme sie ein, sobald die alten ihrer Karriere im Wege stünden. Diese gründe auf der Dreifach-Quote: ostdeutsch, weiblich und konservativ. Doch zitieren lassen will sich damit niemand. Reiche selbst ließ ein Gespräch mit der ZEIT kurzfristig wieder absagen.

Die Luckenwalderin wird bewundert oder gehasst. Etwas Wichtiges unterscheidet sie von den meisten Spitzenpolitikern. Diese verfügen trotz aller Anfeindungen über eine solide Machtbasis. Reiches Mitstreiter und Gegner aber bekämpfen einander in derselben Partei: der CDU Brandenburgs. Selbst die Junge Union in ihrem Wahlkreis Potsdam schmähte nach den Äußerungen in der Bild-Zeitung: "Das humanistische Weltbild Frau Reiches scheint an ihrem Gartenzaun zu enden." Ihre steile Karriere wirkt vor dem Hintergrund solcher Streits noch erstaunlicher.

Erst 19 Jahre alt ist die Studentin, als sie im Jahr 1992 zur Jungen Union kommt. Brandenburgs Christdemokraten bekämpfen schon damals am liebsten einander. In der ersten Legislaturperiode nach der Wende hat die Partei fünf Vorsitzende verschlissen. Die junge, selbstbewusste Chemikerin, die auch in den USA und in Finnland studiert hat, fällt auf.

Zwar fehlt ihr rhetorisches Talent, bis heute liest sie selbst kürzere Ansprachen emotionslos vom Blatt. Aber sie ist intelligent, diszipliniert und im persönlichen Gespräch charmant. Mit gerade mal 25 Jahren zieht Reiche 1998 in den Bundestag ein. Bundesweit bekannt wird sie vier Jahre später. Edmund Stoiber präsentiert sie als Mitglied seines "Kompetenzteams" zur Bundestagswahl 2002. Ausgerechnet eine unverheiratete Mutter, schwanger mit dem zweiten Kind, dient dem CSU-Kandidaten als Vorzeige-Familienpolitikerin. Die Deutsche Bischofskonferenz droht daraufhin mit einem Hirtenbrief. Reiche reagiert mit Chuzpe. Im Wahlkampf unterstützt sie die Klage unionsgeführter Länder gegen das rot-grüne Lebenspartnerschaftsgesetz. Es sei ein "Angriff auf Ehe und Familie". Eine unverheiratete Schwangere gibt die Verteidigerin der Ehe – und kommt damit durch.