Mariss Jansons’ Stimme am Telefon klingt rau, rauer noch als sonst, aber vielleicht ist es auch die Leitung nach St. Petersburg, wo er lebt, die seine Worte bei minus elf Grad in kullernde Eiswürfel packt. Die Entscheidung des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) und des Münchner Oberbürgermeisters Dieter Reiter (SPD), in München statt des versprochenen neuen Konzertsaals lediglich die Philharmonie im Gasteig zu "sanieren" und den Herkulessaal zu "ertüchtigen", nennt der Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks "peinlich" und einen "Schock". Nicht nur das Image der Musikstadt München (die ihren Ruf der Pflege dreier Spitzenorchester und zweier Opernhäuser verdankt) werde irreparabel Schaden nehmen, sondern auch das Ansehen des stolzen Freistaats Bayern, ja das des gesamten deutschen Kulturlebens. "Ich reise durch die ganze Welt", sagt der 72-jährige Lette, dem jedes Jammern oder Unken fernliegt, "und ich schäme mich seit Jahren."

Natürlich ist Jansons parteiisch, und natürlich hat er recht. Denn wo liegt den Menschen die klassische Musik mehr am Herzen als im satten, reichen Süden? München zahlt die höchsten Gagen Deutschlands und zieht seit jeher die lustigsten, sinnenfreudigsten Künstler an, von Mozart über Wagner und Strauss bis Henze. Ein gezielter Tritt gegen das Schienbein dieser Tradition kann nur Ungutes bedeuten. An der Isar selbst mag der kulturelle Speck noch fett genug sein, und natürlich wird München auch ohne ein drittes Konzerthaus weiter ein Musikleben haben (fragt sich nur, was für eines). Andernorts aber, im Rest der (a)musischen Republik, ist der Speck längst weg. Hier nimmt man es jetzt noch leichter vom Lebendigen, zumal Prognosen, mit denen auch Seehofer und Reiter fuchteln und denen zufolge das Interesse an der Klassik schrumpft, gar nicht erst verifiziert werden, so willkommen scheinen sie zu sein.

Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) berichtet hierzu übrigens das Gegenteil: So sorgten 2013 klassische Konzerte und Opernaufführungen bundesweit für stärkere Umsätze (712 Millionen Euro) als der gesamte Pop-Bereich. Und mögen 74 Prozent der Klassikfans auch über 60 Jahre alt sein und den berüchtigten "Silbersee" bilden, so schlagen die 10- bis 19-Jährigen doch mit 21 Prozent zu Buche. Will München vor dieser Zukunft die Augen und Ohren verschließen, indem es auf einem Status quo seiner Spielstätten beharrt, der national wie international längst lachhaft ist? Politiker, gibt Mariss Jansons sibyllinisch zu bedenken, "müssen die Musik nicht lieben. Aber sie sollten verstehen, was wichtig ist für ihre Stadt und ihr Land."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 7 vom 12.02.2015.

Seit zehn Jahren debattiert München nun über einen neuen Saal, hauptsächlich, um dem BR-Symphonieorchester ein seiner musikalischen Spitzenqualität angemessenes Zuhause zu geben. 17 Standorte hat man geprüft und wieder verworfen, von der Museumsinsel bis zum Finanzgarten und wieder zurück, Studien wurden erstellt, Gelder gesammelt. Ein Saal sollte es sein zwischen dem fürs größere Repertoire zu kleinen Herkulessaal (1.200 Plätze) und der ausschließlich für sinfonische Riesenschlangen à la Bruckner oder Mahler geeigneten Philharmonie (2.400 Plätze). Einer, der von beiden Konzertorchestern, den städtischen Philharmonikern und dem BR, gleichberechtigt zu nutzen wäre. Und einer, der Balsam spendete für die architektonischen, akustischen und ästhetischen Wunden der vergangenen Jahrzehnte. Während der Herkulessaal, wo die BR-Symphoniker notdürftig residieren, wie ein Mausoleum anmutet und auch so klingt, versprüht der Gasteig, der seit 1985 die Philharmoniker beherbergt, den Charme einer Stadtsparkasse und ist akustisch so verkorkst, dass sich nicht einmal die Musiker auf dem Podium richtig hören. Die Übe- und Garderobensituation gilt an beiden Standorten als katastrophal.