Konzernchefin Hanna von Stezewitz ist ein kapitalistisches Raubtier – eine belle dame sans merci. Das schrille Wesen fügt sich gut in die Menagerie von Ausnahmeerscheinungen, mit denen der eigensinnige Kinopartisan Peter Kern vorzugsweise seine Filme bevölkert. Auch Der letzte Sommer der Reichen, seine jüngste Produktion, die vergangene Woche bei der Berlinale uraufgeführt wurde, ist wieder arme Kinokunst, bei der die bizarre Fantasie des Regisseurs den weitgehenden Mangel an Produktionsmitteln wettmachen muss.

Diesmal stolziert ein versnobtes Alphaweib mit der Eleganz einer Flamencotänzerin und der blutdürstigen Ausstrahlung der Gräfin Báthory durch Kulturkränzchen und ausschweifende Partys im Halbschatten der Korruption. Die Kriecher und Schleimer drängen sich an die mächtige Frau heran und summen ihr ins Ohr. Die Kulturstadträtin regt an, sie solle ein Stezewitz-Zentrum für Kunst und Kultur finanzieren, bei dem auch das Rathausorchester eine Rolle spielen könnte. Doch Hanna, gespielt von der Französin Amira Casar, zieht nur verächtlich die Mundwinkel nach unten: "Gründen Sie doch lieber ein Bordell."

Die Empfehlung kommt nicht von ungefähr. Immer wenn ihr die stickige Luft den Atem zu nehmen droht, flüchtet Hanna in die Tempel der käuflichen Liebe. Dort lässt sie sich auspeitschen und schlürft den Urin der Huren. Als sie sich ausgerechnet in eine widerspenstige Nonne verliebt, die den alten Stezewitz, den todkranken Nazigroßvater, pflegt und mit ihr eine wilde, zügellose Beziehung beginnt, mündet die Sache in Mord und Fontänen von Kunstblut. Liebe ist wieder einmal kälter als der Tod.

Peter Kern ist einer der großen Außenseiter des deutschsprachigen Kinos. Als ein 170 Kilo schwerer Koloss geriet der 1949 in Wien geborene homosexuelle Schauspieler und Regisseur nach ersten Bühnenerfahrungen im Musical Hair in den kreativen Clan rund um Regisseur Rainer Werner Fassbinder, in dem er sich schnell etablierte. Bald tauchte das Schwergewicht auch in den Werken anderer Visionäre des neuen deutschen Kinos auf. Mit dem Niedergang des Autorenfilms wurde Kern allerdings in eine Nische gedrängt, aus der er sich bis heute nicht befreien konnte. Trotzdem dreht er, ein einsamer Kino-Guerillero, unermüdlich kämpferische, leidenschaftliche, provokante, trashige Spielfilme und Dokumentationen – mehr als 30 sind es im Lauf der Jahre geworden. Und das häufig mit Budgets, die anderswo gerade mal fürs Catering reichen würden.

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Auch Der letzte Sommer der Reichen ist, so wie beinahe alle seine Filme, gleichermaßen Kolportage, Melodram, Thriller und große Oper. Das Personal des Films hat seine Existenz nahe am Exzess gebaut. Vor allem in Momenten dramatischer Verdichtung, wenn etwa Wagners Tristan-Motiv schmachtend in das Geschehen weht, spürt man die Verbindung des Regisseurs zu den großen Monomanen des deutschen Autorenkinos der 1970er Jahre, zu Rainer Werner Fassbinder und Hans-Jürgen Syberberg. In deren Filmen brachte der junge Peter Kern seinen massigen Körper ins Spiel und fand durch die Gravitas des Fleisches hindurch zu einer unendlichen Leichtigkeit des Seins. Eine Erscheinung wie ein Putto, der die Augen sinnlich verdrehend fast fellinihafte Lasterhaftigkeit ausstrahlte.

Zwar ist Peter Kern auch heute noch stolz auf seinen Beitrag zur jüngeren deutschen Filmgeschichte und vor allem auf die beiden Bundesfilmpreise für seine Rollen in Falsche Bewegung von Wim Wenders und Flammende Herzen von Walter Bockmayer, doch in seiner Regiearbeit sucht er Distanz zu den großen Lehrmeistern. "Ich habe bei denen nur meine Aufgabe erledigt", sagt Peter Kern. "Aber ich wollte immer schon hinter die Kamera. Weil ich das besser mache. So arrogant war ich. So ein Schwein war ich. Besser als Fassbinder. Besser als Syberberg."

Wie viel Peter Kern auch den entfesselten Bilderpanoramen und surrealistischen Rätselzeichen aus dem goldenen Zeitalter des Autorenfilmes verdanken mag – jenes Pathos, das in den für die Epoche typischen großen Filmepen über Hitler oder den jungfräulichen König Ludwig vorherrschte, ist nur eine Farbschattierung auf der Palette des Regisseurs. Dazu kommen noch andere, deutlich handfestere Stilelemente: ein paar Blutspritzer aus dem Splattergenre, unverblümte Sexszenen, die an den Eurotrash eines Jess Franco oder Jean Rollin erinnern, und der Hang zu derbem Humor, den man etwa bei einem Hans-Jürgen Syberberg lange wird suchen können. So singt Kern im Vorspann zu seinem visuellen Essay Ein fetter Film, der das Drama der Korpulenz autobiografisch thematisiert, zur Melodie eines bekannten Kraftwerk-Songs: "Er ist ein Model, und er sieht gut aus."