Dass die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg in Griechenland bestialisch gewütet haben, dass wahllos Geiseln erschossen, ganze Dörfer niedergebrannt wurden, dass an die hunderttausend Zivilisten verhungerten, all das ist nie richtig ins deutsche Nachkriegsbewusstsein gedrungen. Die Kriegsverbrechen von Wehrmacht und SS blieben weithin ungesühnt, und viele Jahre vergingen, bis deutsche Staatsbesucher in Athen endlich Worte des Entsetzens und Bedauerns fanden. Man darf das nicht vergessen, wenn jetzt die neue griechische Regierung um Ministerpräsident Alexis Tsipras von den Deutschen Reparationszahlungen in Milliardenhöhe fordert.

Aber haben die Griechen auch recht? Haben sie tatsächlich Anspruch auf deutsche Reparationen? Das ist, kurz gesagt, irrsinnig verwickelt. Wie könnte es auch anders sein, wenn sich 70 Jahre europäischer Geschichte und Fragen von Schuld und Schulden verknoten?

Klar ist, dass die Bundesrepublik 1960 insgesamt 115 Millionen D-Mark an Griechenland gezahlt hat, als Entschädigung für NS-Verfolgte. Alle weiteren Ansprüche wurden im Londoner Schuldenabkommen von 1953 "bis zur endgültigen Regelung der Reparationsfrage" in einem Friedensabkommen "zurückgestellt".

Klar ist auch, dass griechische Privatleute, also die Nachfahren der Opfer, keine direkten Ansprüche gegen den deutschen Staat wegen der Verbrechen der Wehrmacht und der SS geltend machen können. Das haben einige griechische (und italienische) Gerichte zwar anders gesehen, letztlich aber sind diese Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und dem Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag gescheitert.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 7 vom 12.02.2015. Lesen Sie dazu auch den Leitartikel "Über die Klippe" sowie "Helena stürzt" über die Theoriewelt des griechischen Finanzministers und ein Interview mit Varoufakis' Doktorvater in der aktuellen ZEIT.

Klar ist auch die Haltung der Bundesregierung: Sie lehnt jede Zahlung strikt ab, mit dem Argument, der 1990 geschlossene Zwei-plus-Vier-Vertrag sei genau die "endgültige Regelung der Reparationsfrage", von der im Londoner Schuldenabkommen die Rede war. Dagegen lässt sich freilich einwenden, dass sich im Zwei-plus-Vier-Vertrag kein Wort über Reparationen findet. Und dass Griechenland diesen Vertrag nie unterschrieben hat, weil es gar nicht an den Verhandlungen teilgenommen hat. Konnten also die vier Alliierten und die beiden Deutschlands so einfach die Ansprüche anderer Nationen erledigen, die unter deutscher Besatzung gelitten haben?

Muss andererseits nicht irgendwann Schluss sein mit dem Aufrechnen historischer Ansprüche, schlicht um des Rechtsfriedens willen? Denn wenn die Griechen Reparationen von Deutschland verlangen könnten, dann um noch vieles mehr die Polen, die Russen, die Ukrainer. Und womöglich auch die Schlesier von Polen, vielleicht sogar die Deutschen von Schweden (wegen des Dreißigjährigen Krieges)?

Noch vertrackter ist schließlich die Sache mit dem Kriegskredit, den das Nazi-Regime der griechischen Zentralbank 1942 abgezwungen hat, 476 Millionen Reichsmark. Wie viel Geld das heute wäre, plus Zinsen, darüber gehen die Rechnungen wild durcheinander, irgendetwas zwischen elf und 70 Milliarden Dollar. Auch das führt Athen ins Feld, und auch da argumentiert die Bundesregierung, es sei nichts zu holen, die Zwangsanleihe sei gleichfalls wegen des Zwei-plus-Vier-Vertrages erledigt, Finanzminister Schäuble hat das gerade noch einmal öffentlich bekräftigt. Allein: Ist die Rückzahlung eines Zwangskredits überhaupt so etwas wie eine Reparationszahlung? Oder nicht doch ein halbwegs normaler Anspruch zwischen zwei Staaten?

Juristisch kann das alles letztlich nur der IGH in Den Haag entscheiden. Der Prozess dort aber würde Jahre dauern und die Beziehungen zwischen Berlin und Athen nachhaltig belasten.

In Wahrheit nämlich lassen sich solche Fragen nicht juristisch lösen, sondern nur politisch. Sie jetzt zu forcieren, wie es die neue griechische Regierung tut, mag im eigenen Land die Emotionen aufpeitschen, dem Verhältnis zu Deutschland schadet es nur. Das Problem hartnäckig zu ignorieren, wie Berlin es tut, ist genauso schädlich. Historische Schuld lässt sich nicht mit Schulden verrechnen, in keine Richtung. Doch auch moralische Defizite haben einen Preis.

Die englische Übersetzung dieses Textes finden Sie hier.