Mark, natürlich gibt es Länder auf der Welt, die unbehelligt mit hohen Schulden leben können. Und wie immer in der Ökonomie kommt es auf die Umstände an. Im Fall Griechenland aber ist das alles irrelevant, denn das Land kann sich nicht mehr regulär am Markt finanzieren. Das unterscheidet Griechenland auch von Japan und den USA, und deshalb ist Dein Vergleich wertlos. Es kommt beim Schuldenmachen nicht nur auf harte Faktoren wie Wachstum, Zinshöhe und Schuldenquote an, sondern auch darauf, dass es genug Geldgeber gibt, die diese Faktoren auch in der Zukunft für so stabil halten, dass sie dem Staat ihr Geld leihen wollen. Wir können lange Zahlen nebeneinander halten, entscheidend ist am Ende, ob die Anleger das Land für pleite halten oder nicht.

Die Marktteilnehmer betrachten Griechenland de facto seit vier Jahren als zahlungsunfähig. Deshalb braucht es auch die Hilfskredite der EU, und deshalb müssen wir über Griechenlands Schulden anders urteilen. Die ersten Kredite wurden im Jahr 2010 in der Hoffnung vergeben, dass Griechenland einen Teil zurückzahlen können wird. Die Hoffnung war damals schon vage, denn die Geschichte lehrt uns, dass es Industrieländern in den vergangenen Jahrzehnten fast nie gelungen ist, aus einem solch hohen Schuldenberg herauszuwachsen. Mit seiner Schuldenquote von mehr als 170 Prozent wird das Griechenland auch nicht schaffen, und die hohe Schuldenlast verhindert, dass sich die Volkswirtschaft erholen kann.

Natürlich kann man den Bankrott hinauszögern. Griechenland könnte weiter Schulden machen, wie Du es forderst, und Europa könnte weiter mit Krediten helfen. Das würde aber nicht nur bedeuten, dass Athen weiterhin im ständigen Konflikt mit den Gebern der Hilfskredite stehen würde. Weil die Griechen diese politische Einmischung von außen als würdelos empfanden, haben sie ihre Regierung gerade auf demokratischem Wege aus dem Amt gefegt. Ein solches Vorgehen würde auch die Belastungen für die Steuerzahler immer weiter vergrößern. Schon heute beläuft sich der deutsche Anteil an den Hilfen für Griechenland auf mehr als 50 Milliarden Euro.

Früher oder später wird es einen Schuldenerlass geben müssen. Deshalb verstehe ich auch nicht, wenn Du schreibst, ein Schuldenschnitt sei politisch "kein kluger Schachzug". Was spricht dafür, dass er in fünf Jahren gerechter oder politisch "klüger" wäre als heute?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 7 vom 12.02.2015.

Tatsächlich gibt es gute Argumente dafür, das Problem jetzt anzugehen. Die neue Regierung in Griechenland bekäme das notwendige Vertrauen für einen politischen Neuanfang. Und die Länder im Norden könnten sich mit einem einmaligen Hilfsakt aus dem Kreislauf immer neuer Rettungspakete befreien. Anders als früher, als im deutschen Haushalt große Löcher klafften, wäre das für Deutschland verkraftbar.

Wenn das politisch nicht durchsetzbar ist, gäbe es Alternativen. Europa könnte sich auf einen sanften Schuldenschnitt einigen, wie ihn der Ökonom Jeffrey Sachs unlängst vorgeschlagen hat. Griechenlands Schulden könnten zu sehr langfristigen, niedrig verzinsten Krediten umstrukturiert werden – und so Jahr für Jahr ein wenig erträglicher werden. Dein Philip

Lesen Sie hier den Text von Mark Schieritz.